Wenn ein Unfall alle Probleme erklärt

IMG-20140719-WA0019Zur Zeit meinen es die Umstände echt nicht so gut mit mir. Momentan steht alles auf schwarz: unser Hund wird nicht mehr lange überleben (da Knochenkrebs), dann die Dauerschmerzen meinerseits. Nach Freitag und der vorerst letzten Triggerpunktbehandlung war ich noch sehr sehr guter Dinge. Alles war so viel besser geworden, ich lief wieder auf dem Laufband und Samstag Abend sogar meine ersten 10km draußen im Feld im Sonnenuntergang – mit einer Pace von 5:26 bis 6:29, was für den Einstieg absolut okay war. Ich war voller Power, merkte zwar den Schmerz auf den letzten 3-4km wieder präsenter, aber es war machbar. Es war so unglaublich für mich, dass ich ständig Gänsehaut bekam.

Am Sonntag war biken geplant, mit einem Kumpel von mir. Ich war immer noch hochmotiviert und hatte total Power. Auf dem Hinweg hatte mein Begleiter jedoch ziemlich am Anfang einen Platten. Ich überlegte kurz auch wieder mit umzudrehen, aber als er meinte ich solle alleine hochfahren tat ich das einfach. Hätte ich das mal lieber bleiben lassen. Hätte, hätte, Fahrradkette…

Ich fuhr hoch, etwas frustriert und etwas zu alleine für meinen Geschmack. Ich fuhr schnell und ich fuhr in einer guten Zeit. Oben angekommen, rief ich meinen Mann an, erzählte im kurz von dem Platten und merkte noch an, ich sei in 30-40 Minuten wieder unten und dann zu Hause. Handy wieder in die Hülle am Lenker gesteckt und die Abfahrt angetreten. Mit den Gedanken noch beim Platten und einem irgendwie schlechtem Gewissen. Ich fuhr etwas verhaltener als sonst, aber dennoch nicht gerade langsam. Der Boden war aufgewirbelt von den Stürmen und dem Starkregen der letzten Zeit, sodass ich öfter mal hinten wegrutschte.

Kurz vor Oberursel und in einer der letzten sehr engen Kurven rutschte ich wieder weg und schaffte es nicht mehr mich zu fangen. Ich sah in Zeitlupe den Schotter mit Laub und Erde auf mich zukommen und versuchte noch den Aufprall mit meinem Arm etwas aufzufangen. Ein Körperteil nach dem anderen schlug hart auf die linke Seite auf. Mein MTB rutschte seitlich weg, ich ebenfalls. Zwei Sekunden herrschte in mir Schock und Totenstille, ehe der Schmerz in Rücken, Hüfte und Bein schoss und ich aufpassen musste nicht anzufangen zu schreien. Also lag ich heulend und jammernd auf dem Boden, unfähig mich zu bewegen. Frustriert, weil ich genau so gefallen war, dass ich auf meine Dauerbaustelle aufgeschlagen bin. Alle Arbeit daran umsonst, alles zunichte. Schmerzen wie niemals zuvor.

Ich wollte mein Handy greifen, um meinen Mann anzurufen. Aber ich konnte nicht, weil ich vor Schmerz wie gelähmt war. Minuten vergingen, als ein anderer Biker vorbeikam und mich fragte ob alles okay sei, ob ich aufstehen könne. Ich riss mich zusammen, stammelte etwas von meiner alten Laufverletzung, heulte und lachte gleichzeitig. Kam mit mehreren Anläufen auf die Beine, merkte ich konnte links nicht mehr belasten. Biss mir auf die Lippe, versuchte ruhig zu atmen und nicht den Kopf zu verlieren. Ich merkte wie mir Blut den Arm herunterlief, aber ich wollte noch nicht hinschauen, da mein Kreislauf sowieso schon am Versagen war. Der Lenker war einmal um sich selbst gedreht. Ich packte das abgefallene Schutzblech in meinen Rucksack, stieg wieder auf und ließ mich 2km bis zur Straße langsam rollen. Die Schmerzen wurden immer schlimmer, ich konnte nicht mehr aufhören zu heulen. Am Waldrand ging es dann nicht mehr, ab da saß ich auf der Straße und wusste ab da, dass ich nicht mehr alleine dort wegkommen würde. Ich nahm mein Handy und sah, dass auch dieses in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das Display war gesprungen und schwarz. Man konnte mich erreichen, aber ich konnte damit nicht mehr interagieren.

Mein Helfer in der Not rief die 112. Unterdessen kam zufällig noch ein Quad der Bergwacht vorbei und ein Passant der Arzt war und seine Hilfe anbot. Mir war das alles furchtbar peinlich. Ich wollte diesen Aufstand um meine Person nicht. Ich bedankte mich bei allen Beteiligten und dann kam auch schon der Krankenwagen. Mittlerweile zitterte ich am ganzen Körper. Ich versuchte ebenerdig auf die Liege zu kommen, was aber auch nicht mehr möglich war. Zu zweit hievte man mich darauf und ich merkte, dass selbst mit dieser Hilfe die Schmerzen kaum aushielt. In meinem Kopf drehte sich alles, mir war heiß und kalt gleichzeitig. Ich wusste wer ich bin und wo wir waren, konnte meine Personalien durchgeben. Die Polizei kümmerte sich um mein MTB.

Im Krankenwagen selbst wollte man mir meine sauteure Laufhose aufschneiden. Aber ich weigerte mich. „Wir müssen Sie darüber informieren, dass sie das Ganze wahrscheinlich noch schlimmer machen“. Das nahm ich in Kauf, die Hose war aus und sie war heil. Die Fahrt über versuchte ich mich zu beruhigen, indem ich gute Miene zum Bösen Spiel machte und noch lachen konnte. Mein Puls lag bei etwa 100 was aber immer noch recht wenig ist, wenn man bedenkt wie vollgepumpt ich mit Adrenalin war.

Im Krankenhaus selbst hob man mich zu fünft auf eine andere Liege und auch das fühlte sich sehr ungesund an. Währenddessen bemerkte ich, dass mein Handy fast minütlich vibrierte und dass ich keine Nummer auswendig wusste, um von einem anderen Telefon aus jemandem Bescheid zu sagen. Nach 3 Stunden intensiven Nachdenkens und unzähligen Versuchen auf einem Telefon der Schwestern, erinnerte ich mich wieder an die Nummer meiner Schwiegereltern. Ich war wieder ruhig und gefasst und konnte mit den Schmerzen umgehen. Wenig später standen Mann und mein eigentlicher Begleiter für die MTB Tour neben meinem Bett im Gang. Ja ich stand im Gang. Und ich stand viel zu lange im Gang. Ich war klatschnass geschwitzt und es war einfach nur widerlich. Ich hatte Hunger, aber vielmehr wollte ich einfach nur duschen.

Daraus wurde aber nichts. Fakt war: um genau 15.15h wurde ich eingeliefert und bis um 23h durfte ich mir die Krankenhauswände anschauen. Mein immer noch schlechtes Gewissen wollte meine zwei Besucher nach Hause schicken, aber die ließen sich nicht vertreiben. Wurden dann aber plötzlich vertrieben, sie sollten im Wartebereich warten. Super. Zwischen 19 und 20h kam ich dann auch mal dran. Meine Wunde am Arm wurde gesäubert..bzw. geschrubbt. Aber das war nichts im Vergleich zu den Schmerzen die ich sonst hatte. Mein Bein ließ sich kaum bewegen ohne dass ich gerne irgendwo hinein gebissen hätte. Röntgen war auch eine Katastrophe, da ich einen Kasten für die Aufnahmen unter meine Hüfte schieben lassen musste, sodass mir wieder die Tränen kamen.

Eine Stunde später wurde ich wieder in das Zimmer hineingerollt und bevor ich überhaupt selbst das Röntgenbild richtig wahrnehmen konnte, hörte ich nur, dass das Becken gebrochen sei. Genauer der Beckenring. Und bitte nochmal eine Aufnahme vom kompletten Becken. Zack, bumm – ich wurde wieder hinausgefahren. Mittlerweile konnte ich die Heulerei nicht mehr aufhalten. 3 Monate keinen Sport mehr, meine Welt fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Der Bruch sei nicht so schlimm. Doch er war aber schlimm! Schlimm in sportlicher Hinsicht. Mein Mann kam wieder zu mir und ich heulte Rotz und Wasser in sein T Shirt. Ich hatte aber genug Zeit mich wieder zu beruhigen, denn der einzige Arzt in der Unfallstation verschwand 2 Stunden auf der Intensivstation, sodass ich um kurz nach 22h erst wieder von der zweiten Auswertung erfuhr. Es wurde noch ein Ultraschall gemacht, aber ansonsten war nichts passiert. Es hätte schlimmer kommen können.

Zumal wir uns nun alle ziemlich sicher sind, dass ich bereits 5 Monate mit einem angebrochenen Becken durch die Gegend gelaufen bin. Inklusive Halbmarathon und sonstige sportliche Herausforderungen. Die Schmerzen sind nämlich identisch, nur vielfach so schlimm wie sonst. Kein Wunder dass die ganze Herumdoktorei nichts gebracht hat. Eigentlich hätte man nur ein einfaches Röntgenbild machen müssen, aber auf diese Idee ist niemand gekommen.

Ich bekam Krücken und ein Rezept mit mehreren Schmerzmitteln und das Anraten auf Komme was da wolle, mir jeden Tag, ich zitiere: „Die volle Dröhnung zu geben“. Und ganz ehrlich, nach dieser Nacht mit 90mg Voltaren und Novalgin – was absolut null gebracht hat – erachte ich das auch als sinnvoll. Ich kann mich eigentlich nicht bewegen. Jede Anspannung treibt mir Tränen in die Augen, selbst mit den Krücken ist jeder noch so kleine Weg eine Tortour. Sitze ich, komme ich kaum hoch, stehe ich, weiß ich nicht wie ich mich setzen soll. Will ich liegen, kann ich meine Beine nicht drehen um sie hochzulegen, weil dabei ja logischerweise eine kleine Rotation stattfindet. Für die 10 Stufen zu uns in den ersten Stock habe ich fast 15 Minuten gebraucht, aus dem Auto heraus musste ich immer wieder pausieren, um Kraft zu sammeln. Und all das natürlich im Platzregen. Duschen zu wollen – war eine noch schönere Idee, vor allem, wenn man über einen Badewannenrand steigen muss. Ich weiß nicht mehr wie, aber ich habe es geschafft. Ich habe bloß eine Stunde für alle Aktivitäten im Bad gebraucht…

Jetzt sitze ich hier auf der Couch, will mich bewegen, kann das aber eigentlich nicht und warte auf meine Mutter die für mich im Krankenhaus meine Versichertenkarte nachreicht und die Röntgenbilder abholt. Am Donnerstag um 9h soll ich zum Orthopäden, der mich weiter krankschreibt. In einer Woche werden nochmal Röntgenbilder gemacht. Und alles weitere werde ich dann sehen… Der Osteopathe ist natürlich für heute abgesagt 😉

— Jamie

3 Gedanken zu “Wenn ein Unfall alle Probleme erklärt

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