Mojo und ich

Ich war ziemlich einsam. Tage, Wochen. Irgendwie war das traurig. Besonders bei schönem Wetter. Mich zog es raus, jenseits der Laufschuhe. Dann die mentale Beerdigung. Ich ließ Eve gehen und begab mich auf die Suche. Ging in mich, suchte im Internet. Suchte draußen.

Irgendwann. Ja. Das war so ein Tag. Ich ließ das Fitnessstudio links liegen. Was ja sehr ungewöhnlich für mich ist. Nach der Arbeit und mit leichter Nervosität. Vielleicht war es ja heute soweit. Ich betrat das freie Feld, das riesige freie Feld. Vor mir eine ganze Herde. Mein Blick wurde unruhig und schweifte an jedem Exemplar vorbei. Meine Beine trugen mich weiter, bis knapp fünf Meter vor mir etwas auftauchte. Groß, aber nicht zu groß, schön. Und unterbewusst war mir da schon irgendwie klar, dass wir früher oder später zueinander finden würden.

Ich schlich in gleichbleibenden Abstand langsam weiter und näherte mich in immer enger werdenden Kreisen. Ich wollte es ja nicht gleich verschrecken. Blau und würdevoll und dennoch in sich ruhend. Die Perfekte Geometrie für mich, das sah ich schon aus der Entfernung. Einvernehmen auf beiden Seiten. Die elementaren Merkmale erschienen mir mehr als passend. Die Schutzgebühr lag in meinem Rahmen. Mein Mann nickte mir zu.

Das war also Mojo. Hallo Mojo. Ich legte meine Hand auf dessen Rücken und wir unternahmen einen ersten zaghaften Ritt. Es fühlte sich großartig an. Aber ich wollte ja nichts überstürzen und so gab es noch weitere Nebenbuhler, die auch alle brav von mir in Augenschein genommen wurden. Doch nirgendwo sonst fühlte ich mich so wohl wie auf Mojo. Mojo ist ruhig, sensibel und lässt sich dennoch mit Power besetzen. Ich fühlte mich sicher.

Dieses Gefühl änderte sich auch über Nacht nicht mehr. Und so kam es, dass wir Mojo als verfrühtes Hochzeitstagsgeschenk für mich abholten. Die Papiere wanderten in meinen Besitz. Mojo bekam noch einen neuen Beschlag und wurde auf mich vorbereitet. Ich wollte ihn nicht mit einem Transporter nach Hause bringen. Mojo gehört auf die freie Wildbahn, soviel ist sicher.

Kaum an der frischen Luft, tat die Abendstimmung ihr übriges. Ich war seelig, Mojo surrte brav unter mir und trug mich sicher nach Hause über die Felder. Ich war in Hochstimmung. Da stand es nun direkt in meinem Hof: ein 27.5er Fully von Bulls mit dem Namen Wild Mojo 2. Wie gut dass nur noch ein Arbeitstag zu bewältigen war!

IMG_20150226_214843Das hieß heute direkt den ersten Ausritt zu wagen. Dank eines MTB Forums musste ich nicht mal alleine fahren und das war auch echt gut so. Nach bestimmt fünf Wochen nicht mehr biken, war es mehr als nur höchste Zeit. Nach dem Einbremsen traf ich mich mit einem Mitstreiter kurz vor der Hohemark und gemeinsam ging es los auf meine Hausrunde. 30 Gänge hat Mojo zu bieten und das war nur der Anfang der Lovestory. Obwohl meine MTB-Kondition nicht mehr zu 100% vorhanden war, kam ich geradezu locker vom Fleck und die Berge hoch. Das Vertrauen ist auch einfach da. Ich fühlte mich sicherer, als ich es jemals auf meinem Centurion erlebt hatte. Dazwischen liegen Welten. Galaxien.

Ich hatte nicht einmal das Gefühl gleich umzufallen, nur weil der Untergrund schmierig oder total uneben war. Trails werden kaum ein Problem mehr sein. Ich muss mich nur entspannen und Mojo einfach noch mehr vertrauen. Dass sich das lohnt, merkte ich ab der Saalburg, als der Weg plötzlich weiß wurde. Schnee. Immer mehr Schnee. Und Eis. Und überhaupt. Mojo ohne Spikes und ich zunächst am Rande der Verzweiflung und dem Gedanken nach fünf Metern absteigen zu müssen. Aber das passierte nicht. Hartgefrorene Spurrillen, tiefer Schnee oder auch beides – nichts brachte Mojo aus der Ruhe. Es knirschte so laut, dass wir uns kaum unterhalten konnten. Und es war super anstrengend. Einmal so sehr, dass ich dachte ich komme nie an. Aber das wollte ich Mojo nicht antun. Mojo sollte den freien Blick über die Prärie des Taunus ebenso sehr genießen können, wie ich jemals zuvor. Und das auch noch bei Schnee und Traumwetter.

Wir rutschten zwar auch mal, aber ich verlor niemals die Kontrolle. Das erste Mal, dass ich bei Schnee nicht im Schneckentemo fahren musste. Es war genau so wie mit Spikes bei Eve, nur einfach noch besser. Normalerweise hätte ich entnervt und frustriert absteigen müssen. Diesmal aber nicht, es war einfach nur anstrengend, aber dafür konnte Mojo ja nun mal überhaupt nichts.

IMG_20150228_134705157Ab dem Sandplacken dann richtig hoch. Der Test unter verschärften Bedingungen. Wir trugen die Bikes teilweise durch Schneehaufen auf den nächsten Weg. Nur die letzten 200m mussten wir schieben, zu steil und zuviel Schnee und Eis. Oben dann dafür die Entschädigung: Sonne satt und Schnee ohne Ende. Dazu eine heiße Schokolade, die ein Dauergrinsen auslöste. Ein Beweisbild gibt es auch noch, leider ohne Mojo und die Augen aufmachen konnte ich auch nicht, aber hey 😀
Dank fünf-schichtigem Zwiebelprinzip musste ich nicht mal frieren. Bergab ging es auch besser als ich dachte. Ich rutschte zwar etwas häufiger, aber ich versuchte mich auch gleichzeitig mal daran zu gewöhnen im Stand herunterzufahren. Was gar nicht so einfach ist, wenn einem die Vergangenheit ständig im Kopf herum spukt. Aber ich hatte ja einen echt kompetenten Begleiter, der mir in Sachen Technik mehr als nur was beibringen konnte.

Weiter unten war der Schnee dann weg und dann kam der Matsch. Und nach dem Matsch sahen Mojo und ich gleich gut aus, Beweisfotos anbei 😉 Endspurt dann mit 40km/h über die Straße nach Hause – nach 37km in 2,45h und über 800HM. Jetzt bin ich so müde und platt..möchte ich eigentlich gar nicht näher beschreiben 😀

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— Jamie

7 Gedanken zu “Mojo und ich

  1. Danke. Ja, aber es ist einfach die Wahrheit 😀
    Ich saß auch noch auf Frauen-Cubes (bähh), Specialized und Rotwild. Letzteres hatte mir mein Vater so wärmstens empohlen, aber da hatte ich das Gefühl ich fahre einen Stock.

  2. Eine schöne Liebesgeschichte! 🙂 Dann wünsche ich Dir und Mojo viele weiter schöne Ausritte.
    P.S. Die Sommersprossen auf deinem Selfie sind hübsch! 😀

    1. Jaa, die werden wir doch hoffentlich auch haben 🙂 Danke dir.
      Sommersprossen im Winter sind anscheinend bei Bikern im richtigen Terrain gar nicht mal so unüblich. Aber im Sommer hab ich auch keine, also her mit dem Dreck 😀

    1. Ja das finde ich auch – nicht mal mein Auto hat einen Namen, geschweigedenn einen derart persönlichen Bezug 😀 Mojo wurde heute übrigens (nach einem zweiten Ausritt) liebevoll gereinigt 😛

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