Warum wir uns das antun

Es ist das was wahrscheinlich nie jemand versteht, der nie verbissen um etwas kämpfen musste. Der nicht weiß wie bitter-süß es ist sich nicht nur zu fordern, sondern auch mal zu überfordern. Die Grenzen auszuloten und manchmal auch hinter diesen abzutauchen, um in einem Nebel von Endorphinen und ungeahnten Möglichkeiten zu verschwinden.

Es ist das was Freunde nicht verstehen, Bekannte, die eigene Familie. Alle die die über gemächliche Bewegung an der frischen Luft nie hinaus kamen. Mein Großvater, der generell dafür plädiert alles langsam anzugehen, auf der Autobahn die 120 nicht zu überschreiten. Damit kommt man nicht schneller an. Das Laufen macht die Gelenke kaputt. Mit dem Fahrrad sollte man nur auf Wegen und langsam fahren. Aber es macht Spaß. Das macht den Reiz aus. Ungläubige Blicke. Immer wieder wird mit dem Kopf geschüttelt.

Die Menschheit ist dabei es sich einfach zu machen. Sehr einfach. Und das hat nicht im Geringsten etwas mit „das Leben vereinfachen“ zu tun. Fitnessstudios werden zum Spa erklärt, um 100 Meter gegen den Wind als Läufer wahrgenommen zu werden, reicht für die meisten in der Regel das Profiequipment. Was dann aber leider auch nicht schneller macht, auch wenn es windschnittiger ist. Mit ganz wenig viel erreichen. Die meisten hoffen irgendwie irgendwo noch auf ein Wunder. Plötzlich reich, plötzlich schlank, plötzlich Navy Seal.

Die Wahrheit ist hart, aber Ehrlichkeit währt bekanntlich am längsten und ist Nachhaltig. Laufen ist ehrlich: man hat nur das was man hat und das ist der eigene Körper. Es gibt keinen Zaubertrank, keine Sprungfedern, keine Formel die das beeinflussen würde. Am Ende steht nur hartes Training und zuvor die Erkenntnis, dass es ohne das nicht geht. Ich verstehe das. Denn auch ich kam an diesen Punkt an, an dem ich merkte, dass es Zeit ist in den Kampf zu ziehen. Das kann Angst machen. Auch, weil man nicht genau weiß wo es hinführt. Was man noch aufwenden muss. Und ganz tief im Innern flüstert einem eine Stimme, dass wenn man diesen Weg geht, es hart wird. Es womöglich kein Zurück mehr gibt. In dem Moment gibt es einfach nur noch schwarz und weiß, hopp oder top. Diese Entscheidung führt ganz klar zur Furcht. Alleine schon die Angst vor der Entscheidung, das Leben nunmehr aktiv oder passiv zu gestalten.

Ich kenne viele Frauen die scheinen Angst vor der Anstrengung zu haben – die gehen nämlich nicht ins Fitnessstudio um zu schwitzen/sich zu verausgaben, sondern gerade so, dass ihnen maximal warm ums Herz wird und die neue Trainingskollektion ausgeführt wird. Was aber vor allem in familiären Studios niemanden interessiert. Warum sich denn dann keine Fortschritte einstellen, wenn man doch zwei oder drei Mal den Schweinehund überwindet. Ziel- und Planlosigkeit führen ins Nichts. Keine klare Entscheidung getroffen zu haben führt ins Nichts.

Grenzen zu überschreiten ist der einzige Weg herauszufinden wo überhaupt die eigenen Grenzen sind. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich im Vorfeld Angst vor einer Distanz habe oder von unten einen Berg betrachte und sich mein Unterbewusstsein schon sicher ist: dass wirst du nicht packen. Viel schneller ist da der Fuß vom Pedal, als es möglicherweise nötig gewesen wäre. Man verliert zuerst im Kopf.

Irgendwo muss man auch von Haus aus Gefallen an der eigenen Qual haben – so ein bisschen selbstzerstörerisch veranlagt sind wir ja alle – die einen mehr, die anderen weniger. Dass man Biss und Ehrgeiz erlernen kann, dafür bin ich das beste Beispiel. Wenn man als Kind einfach nicht begreift, was man im Sportunterricht verloren hat, bedeutet das nicht, dass man Jahre später nicht mächtig ist sich plötzlich aus eigenem Entschluss fest- und durchzubeißen.

Wenn man Qual, Schmerz und Grenzüberschreitung nicht zulässt wird man dieses Streben nicht begreifen können. Die eigene Komfortzone ist trügerisch und viel größer als man es sich anfangs eingestehen kann. Hart zu trainieren bedeutet den Horizont erweitern. Man macht Fehler, aber man lernt auch dabei. Das Gefühl sich irgendwann quasi selbst zu überholen ist beinahe unbeschreiblich. Das Erlebnis nach einem Plateau plötzlich voll durchzustarten, aus Kräften zu schöpfen die man vorher gar nicht kannte ist eine riesen Motivation und gibt einem mehr Selbstbewusstsein. Ich wäre nicht der Mensch der ich heute bin, hätte ich diesen Weg ausgeschlagen.

Sport ist es der das Leben vereinfacht. Sport erdet. Er ist eine Art der Meditation. Mich beruhigt es beispielsweise schon, wenn ich nur aus den Augenwinkeln beobachten kann wie meine Beine scheinbar wie von selbst einen Schritt nach dem anderen machen. Man gewinnt an Stärke, vertraut sich wieder selbst. Damit hatte ich oft ein großes Problem, hatte große Selbstzweifel und mir immer weniger zugetraut. Es ist eigentlich so banal – man weiß dass man 10 oder 20km am Stück laufen kann. Das ist zwar nur ein Fakt, aber was dahinter steht ist die eigene (Trainings-)Entwicklung und ein großes Bündel an Emotionen. Das ist Laufen, Biken und auch Reiten für mich – oft jagt es mir sogar einen Schauer über den Rücken oder ich habe das Gefühl mir kommen die Tränen. Das ist sicher nicht die Regel, aber es passiert.

Und das ist einer der Hauptgründe warum man immer weiter macht, warum man Verletzungen, Schmerz, Schweiß und die Quälerei auf sich nimmt. Man nimmt es jedes Mal aufs Neue in Kauf zu scheitern. Aber man hört niemals auf an sich zu arbeiten, ist auf den Fortschritt aus, wartet auf den Moment an dem es plötzlich leichter wird. Das Herz hängt daran und daher ist das Ziel klar. Wir steuern darauf zu, wir müssen uns nur bewegen.

— Jamie

9 Gedanken zu “Warum wir uns das antun

    1. Dankeschön 🙂 Verständnis ist nicht immer nur eine Kopfsache, dass bedeutet in den meisten Fällen, dass man auch emotional Teilhaber werden müsste. Aber wer kann das besser nachempfinden, als wir Sportler selbst? 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s