Leave the „Komfortzone“!

Manchmal ist der Geist willig, aber der Körper schwach. Es trotzdem zu probieren, schadet nicht (wenn man es nicht übertreibt). Sechs Tage in Folge war ich sportlich unterwegs, einen mehr als die paar Wochen davor und eigentlich auch mein normales Pensum. Da ich momentan von den Longruns eher Abstand halten muss (dem leidigen Oberschenkel sei Dank) habe ich mein Auskommen dafür bei den Biketouren am Wochenende, die langsam aber sicher am Ausufern sind. Aber hey, no pain no gain 😉

Während ich den Freitag Abend eher noch gemütlich, aber vollkommen fertig mit 6km in exakt 30min auf dem Laufband und anschließendem Hantel- und Bauchtraining verbrachte, versuchte ich den Tag davor mal wieder einen Tempolauf abzuspulen. Nach 23min und 5km war es damit aber auch schon wieder vorbei: die Schmerzen ließen keinen weiteren Schritt mehr zu. In meinem Kopf nur dieses eine Mantra: bis zum Peak und irgendwann wird alles besser – gez. der Osteopath. Auch an diesem Tag wieder das Bauchtraining durchgezogen und zwar gleich die ganze Palette. Neue und alte Übungen, mit Gewichten und ohne, bis zum Zittern. Ich hatte es ja nicht anders gewollt und verdient 😀

Noch nie war ich über einen Ruhetag so erfreut und erleichtert wie am letzten Samstag. Meine Nacht endete zwar nach 7-8 Stunden schon wieder, aber das Süße Nichts-tun war der reine Balsam. Eigentlich kam ich gar nicht mehr zu mir, legte mich sogar um halb elf nochmal hin. Schrecklich schön.

Für den Sonntag war keine heftige Tour geplant – laut Christian würde das Spektakel deutlich unter den 60k bleiben und starten würden wir auch erst am Mittag. Also machte ich mich dahingehend weniger verrückt, konnte ausschlafen und so in den Vormittag hinein-dümpeln. Meine Schlauheit begann damit, dass ich glaubte mir würde es in Anbetracht dieser eher regenerativen Runde reichen, wenn ich nur Whey und einen Liter Wasser trinken würde. Hätte es auch. Eigentlich.

Wir trafen uns wieder im Trio an der Hohemark. Geplant war eine Tour mit maximal zu erreichenden Höhenmeter bis zum Feldberg: Hohemark – Altkönig – Fuchstanz – Feldberg – Saalburg – Herzberg – Hohemark. Das bedeutete auch, dass es gleich ordentlich nach oben ging und man irgendwie weniger Zeit hatte die Beine auf die Belastung einzustellen. Meine waren noch irgendwo im Schlummerland. Gunnar ging es ähnlich. Christian war mit Atmen beschäftigt. Wir waren nicht sonderlich schnell unterwegs, fast schon gemütlich. Solche Tage sind für mich das Ausmaß der Grausamkeit: man fährt los und denkt es wird einfach nie mehr besser und alles was kommt wird sowieso nur schlimmer. Mir fehlte ein wenig der Biss. Ich hoffte noch in den Tritt zu kommen. Ich dachte ständig daran wie es wäre abzusteigen und zu schieben. Gedanken die ich gar nicht haben wollte.

Kurz vor dem Fuchstanz dann der Abzweig auf den Altkönig. Vor dem graut es mir schon immer vorher, obwohl es hoch weniger schlimm ist als man meinen würde. Es sieht nur einfach mies aus, mit dem ganzen Geröll. Ab da begann aber glücklicherweise das Erwachen meiner Beine. Oben angekommen dann der fiese Trail wieder runter. Steil, sehr steinig, schwimmender Untergrund. Meistens zumindest. Gibt immer noch Stellen die ich nicht fahren möchte, weil diese bedeuten würden dass ich sie fahren müsste, weil es unmöglich wäre ohne Sturz zu unterbrechen. Dafür gab es dann wieder einen Trail den ich fast ohne es zu merken beinahe bis zum Ende gefahren wäre, zwar ohne Geschwindigkeitsrausch aber mit mehr Sicherheit.

Bevor es jedoch dazu kam war Christian mal wieder heiß auf ganz neue Wege. „Wege“. Er sah einen anderen Biker einen Trail abfahren der eigentlich in einer Sackgasse endete. Bevor dieser ganz in den Büschen verschwand setzte er schnell noch die Verfolgungsjagd an. Wir anderen fuhren etwas verhaltener hinterher und ich wettete darum, dass der Gejagte gleich wieder auftauchen würde. Und voilà so war es auch 😀 Christian fuhr verzweifelt im Zickzack hin und her. Wenn es keinen Weg gab, wurde der eben gemacht. So kam es dass er schon mal anfing eine Geröll-Rampe hinunter zu steigen. Ich konnte nur noch grinsen – es war mal wieder der typische Fall eingetreten, auch ohne Garmin-Pfeil. Dabei wollte ich heute nicht klettern, wirklich nicht.

„Der kommt gleich wieder, ganz bestimmt“. Unten in den Büschen hörte ich es knacken. Dann eine Gestalt im Zickzack langsam verschwinden. „Der kommt wieder oben beim Altkönig raus, wir warten einfach hier“ 😀 Dann ein lautes Rufen, gefolgt von wildem Gewinke. „Wehe du lügst!“ Und schon stiegen wir hinterher. Das nächste Mal erwarte ich ein Beweisfoto von einem solchen „Weg“ und dann entscheiden wir verbliebenen oben, ob das als fahrbar gilt oder nicht x) Unten erwartete uns ein verwurzelter Singeltrail, sehr schmal mit Bäumen im Weg, kurzen Anstiegen und vermehrt steilen Passagen die uns nach unten bringen sollten. Noch mehr Bäume im Weg, noch mehr Wurzeln, enge Wendungen. Ich entschied mich dafür, den Parcours quasi abzulaufen ehe ich mich wieder auf Mojo schwingen konnte. Christian war schon längst verschwunden, irgendwo im Trail-Adrenalin-Wald-Rausch wahrscheinlich. Gut geschüttelt und gerührt kamen wir dann auch endlich wirklich unten an und konnten über den Fuchstanz direkt auf den Feldberg fahren. Irgendwie war dann bei mir kurzzeitig die Luft plötzlich wieder raus und ich fiel etwas ab. Von der verrückten Idee da zwei oder drei Mal hintereinander hochzufahren, hielt ich plötzlich gar nichts mehr.

Die letzten 400 Meter gingen dafür wieder. Vorbei an einer Frauengruppe die darüber diskutierten ob sie es überhaupt noch weiter schaffen würden. Eigentlich freue ich mich immer, wenn ich auch mal BikerINNEN treffe. Aber das kommt erstens sehr selten vor und wenn dann fahren die meisten spazieren oder man ist insgesamt einfach auf einem total unterschiedlichen Niveau.

Oben war es kühl und relativ windig, sodass wir zeitnah wieder an die Abfahrt dachten. Über ein paar Trails ging es zur Saalburg zurück. Christian war immer noch im Entdecker-Modus, sodass er quasi den Parallelweg zu uns fuhr und wir nur noch durch die Büsche seine Stimme hörten, ehe wir uns völlig aus den Augen verloren und uns erst an der Saalburg wieder trafen.

Noch den Herzberg? Aber sicher doch. Die nächstmöglichen Trails bergauf. Ich zur Abwechslung mal vorne weg. Schmerzende Beine inklusive, dank der osteopathischen Behandlung. Wirkt noch länger nach so wie es scheint. Zum Glück ging das jedoch schneller und einfacher, als ich zunächst vermutet hatte. Oben angekommen fuhren wir standhaft am Restaurant und den dort rastenden Menschen vorbei, ohne einen Kuchen oder ähnliches im Vorbeifahren zu inhalieren. Das wären jetzt so ziemlich die letzten Höhenmeter. Auch okay. Ein kleiner Trail noch. Oder ein größerer – lachte es und verschwand im Wald. Ein letzter knackiger Anstieg mit Spaziergängern die sich brav an die Seite stellten und mit großen Augen verfolgten wie wir uns da hochquälten. Danach tatsächlich nur noch runter. Es folgten glattere Wege und schöne Flowtrails, sodass wir fix wieder an der Hohemark waren.

Knapp 1000HM und 36km hatten wir erreicht. Ich sah mich schon Richtung Haustür die Straße runterollen. Allerdings fehlten da noch 500HM zu unserem Wochenend-Pensum. Schon richtig. Da standen wir – direkt vor dem Stoppomat und es fing an in den Köpfen zu rattern. Karte ziehen und nochmal hoch? Betretendes Schweigen. Christian entschied sich seinen familiären Pflichten nachzukommen und war somit raus. Es waren zwar keine Karten mehr im Stoppomat, aber das war allenfalls ein Grund, kein Hindernis. Dann los (sonst hätte ich mir das eventuell noch anders überlegt). Wir sollen dann auf jeden Fall berichten in welcher Zeit wir oben waren. Aber sicher doch.

Dieses Ziehen in den Beinen war schon mal keine gute Voraussetzung. So richtig Tempo machen ging auch nicht mehr. 150 Meter vor uns ein Radfahrer mit einer Satteltasche, der ziemlich orientierungslos an einer Weggabelung stehen blieb und direkt überholt wurde. Wir munkelten, er habe alle Stoppomat Karten darin gebunkert. Nach hoch kam steiler. Meine Kraft begann zu schwinden. Was zur Hölle taten wir da!? Viele Kilometer zu machen ist eine Sache. Auf 10km jedoch nochmal 600 Höhenmeter abzufrühstücken, nachdem man konditionell schon vorbelastet ist, eine andere.

Wir sprachen über Kopf, Wille und die Kotzgrenze. Meine Denkfähigkeit hielt sich mittlerweile in Grenzen. Der schlimmste Berg zog mir nochmal die Energie aus dem Körper und auch ein wenig den Kreislauf. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt: Wasser nachgekippt. Weitergefahren. Fuchstanz erreicht. Den Proteinriegel angeknabbert. Etwas von Endspurt gefaselt. Mein Körper fand den Riegel abstoßend. Was eher schlecht war aber sich zum Glück gab. Nach ewigem Gekurbel die Straße erreicht. 400 Meter steil nach oben. Schmerzen überwinden, reintreten. Ich rutschte nicht ab, schaffte es (wie auch immer) in einem Zug nach oben. Ich wusste dass die Zeit reif war sich einen halben Liter Apfelsaftschorle zuzuführen, wenn ich es noch mit sowas wie mit Konzentration wieder herunter schaffen wollte. 58 Minuten brauchten wir. Ganze 6 Minuten langsamer als das letzte Mal. Aber zumindest gerade so unter einer Stunde.

Zum vierten Mal an diesem Tag am Fuchstanz vorbei – auf direktem Weg zur Hohemark. Meine Unterarme brannten, fast noch mehr als meine Beine. Ich befand mich in einem Zustand zwischen Bikers-High und Verwirrtheit. Ähnlich nach einem Zieleinlauf beim Wettkampf. Nach 59.17km und exakt 1600HM war ich zu Hause. Saß erstmal fünf Minuten auf dem Küchenfußboden und vernichtete andächtig den Rest des Energieriegels ehe ich mich im Stande sah duschen zu gehen. Auf einmal erschlug mich eine unendliche Müdigkeit und ein Allergieanfall mit krebsroten Augen. Um kurz nach 22h fiel ich bereits ins Bett, meine Beine zogen. Einschlafen war schwierig. Zu müde zum Schlafen und gleichzeitig mehr als aufgekratzt. So richtig in den Tiefschlaf kam ich auch nicht mehr – außer die letzte halbe Stunde vor dem Wecker natürlich.

Jetzt fühle ich mich als hätte ich die Nacht durchgemacht. Meine Beine sind zwar wieder okay, aber die Atmung fühlt sich viel zu tief und flach an. Das braucht noch einiges an Regeneration – aber neue Reize braucht der Mensch 😉

— Jamie

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