2 Verrückte, 3x Berg – oder die Mental Challenge

Feiertag. Die Arbeitswoche durchgerockt. Gemütlich um 10 Uhr an der Hohemark, um spontan zu entscheiden wie oder was wir überhaupt fuhren. Aber eigentlich war das schon klar, es traute sich nur keiner das ernsthaft auszusprechen. Drei Mal auf den Feldberg, hintereinander. Die Idee war gereift und nun bereit zur Ernte. Leider war Christian diesmal nicht mit von der Partie. Der muss demnächst dann vier Mal hoch x)

Karte am Stoppomat ziehen, ja oder nein? Wir entschieden uns dagegen, denn wir mussten ja im Ecomodus fahren und uns nicht gleich zu Anfang völlig verausgaben. Ich dachte mal wieder ich wäre klug und hätte ausreichend vorgesorgt, indem ich eine 1,5 Liter Wasserflasche auf meinem Rücken mit mir herumschleppte, die natürlich ganz gewiss ausreichen würde. Da ich es diesmal irgendwie nicht schaffte mich morgens mit genügend Wasser abzufüllen, musste ich das während der Fahrt tun. Ballast der mit der Zeit leichter wurde.

Da ich einen Abend zuvor noch 9km an absoluter Schmerzgrenze gelaufen war und danach eine Stunde Dehnen, Stabilität verbunden mit miesen Bauchübungen durchgezogen hatte, grenzte es eigentlich an ein Wunder, dass ich mich ganz gut fühlte. Zumindest konditionell. Denn mein Bein hatte mir das schon während des Laufens nicht verziehen. Es fühlte sich an als würde mein Oberschenkelmuskel implodieren. Ich schaffte es kaum mit Mojo nach Hause, weil ich keine Kraft mehr auf das Pedal bekam. Leider hielten die Schmerzen auch nachts noch an. Gut schlafen ist etwas anderes..aber shit happens.

Umso unsicherer war ich mir natürlich wegen unseres Vorhabens. Der Schmerz war weiterhin präsent, aber etwas verblasst. Der erste Berg machte mir Angst. Jetzt galt es. Kein Zurück (zumindest nicht in meinem Kopf). Einmal würde ich es auf jeden Fall schaffen. Locker plaudernd schraubten wir uns die Anstiege hoch. Ich rechnete mit 55 Minuten die wir brauchen würden. Überraschenderweise waren es nur 52 Minuten – irgendwas war da konditionell und kräftemäßig über die Tage passiert – wir hätten also doch eine Karte ziehen können und wären vielleicht sogar noch um ein paar Sekunden schneller gewesen 😀 Notiz an mich selbst: demnächst die 49 Minuten knacken und die derzeit erste Frau in der Stoppomat-Wertung schlagen.

IMG_20150604_142704510Runde 1 war also geschafft. Mein Bein wollte auch wieder mitspielen. Noch war nicht viel los in den Wäldern und auch oben auf dem Feldberg hielt sich das Publikum in Grenzen. Es war nicht zu warm beim Hochfahren, nur bis zum Fuchstanz herunter fast etwas zu kühl. Nebenbei hatte man Zeit etwas zu trocknen. Noch schnell ein paar Bilder für die Nachwelt und Christian geschossen – dann runter. Wieder ordnungsgemäß zum Stoppomat gefahren. Trinken, ein Stück vom Riegel abbeißen. Runde 2.

Das zweite Mal fühlte sich schon viel bedeutender an. Wir hatten schließlich eine Mission. Und wir waren auf Betriebstemperatur. Nice to know: in der ersten Runde bewegte sich mein Puls an die 170, in der zweiten nur noch um 160. Ich fühlte mich auch direkt besser und war frohen Mutes, dass wir das einfach schaffen würden. Und zwar nicht nur das zweite, sondern auch das dritte Mal. Die Schmerzen waren mittlerweile fast vollständig weg. Noch immer konnten wir uns unterhalten. Die Anstiege ließen wir noch lockerer hinter uns. Von dem Gedanken des „richtig-Reintretens“ versuchte ich mich jedoch zu entfernen. Wäre nur kontraproduktiv. So eine Challenge zeigt einem im Endeffekt einfach nur, ob man sich richtig einschätzen kann und die Sache dementsprechend angegangen ist.

Die ersten anderen Biker kamen uns entgegen oder wurden von uns überholt. Ein paar Schieber gab es auch schon. Es wurde einen Tick wärmer, die Sonne blitzte mehr und mehr durch die Bäume. Am Fuchstanz lagen die meisten schon in den Stühlen während wir ein drittes Mal vorbeikurbelten. Die letzten zwei Kilometer waren mir dann fast etwas zu warm. Mehr und mehr Wanderer tauchten auf – es wurde Zeit Schlangenlinien zu fahren und sich auch mal auf die Umwelt zu konzentrieren.

IMG_20150604_123352813Der letzte Anstieg verbrannte dann nochmal ein paar Körnchen mehr. Wieder zum Stoppomat Häusschen gefahren, Zeit genommen: 58 Minuten. Es hätte schlimmer kommen können. Bikes an den Wegesrand. Kurze Pause. Wasserspeicher auffüllen. Meine Flasche näherte sich dem Ende. Der Riegel übrigens auch. Aber alles war noch in Ordnung, mir ging es noch gut. Ich glaube Gunnar auch 😀 Es hatten sich schon Heerscharen von Motorradfahrern versammelt und alles strömte langsam aber sicher zum Gipfel.

Wieder runter. Diesmal in meinem Fall schon deutlich unkonzentrierter. Die ersten Mücken im Verbund traten auf. Ein bisschen Protein schadet nie. Brille aufziehen hätte auch nicht geschadet. Aber warum noch zusätzlich Energie verschwenden? 😀

Noch mehr Leute auf den Wegen. Noch mehr abbremsen, mehr aufpassen. Nach der Überquerung der Straße eine ganze Versammlung von diversen Personen mit Hunden aller Rassen, Farben und Größen. Fast wäre so eine kleine Ratte in meinen Speichen steckengeblieben. Aber nur fast.

Noch mehr Schieber. Nochmal der Fuchstanz. Wir, die Taunuspolizei, sind am patrouillieren. Schreiben alle auf, die länger als 40 Minuten faul in der Sonne liegen, während wir Schwitzen (müssen). Ich denke an das Verteilen von Strafzetteln. Vielleicht hat es ja auch schon jemand bemerkt, dass wir nun schon das vierte Mal vorbeikamen?

Kurz vor der Hohemark versperrte uns ein großer Traktor den Weg. Im Gepäck einen Anhänger mit Kühen, die zum Weiden auf die nebenliegende Wiese gekarrt wurden. Das Manövrieren dauerte etwas. Ich hatte genug Zeit für Gedanken an ein Steak. Und ich schwöre das war das erste Mal, dass ich beim Anblick einer süßen braunen Kuh an Steak dachte 😀 Es ging wieder weiter und vom Steak kamen wir auf Grill. Nein, da war ganz sicher kein Hunger im Spiel. Mein Riegel musste nun vollständig dran glauben als wir zum zweiten Mal unten vor dem Stoppomat standen. Das Wasser wurde auch knapp. Ich merkte langsam aber sicher, wie meinem Körper die Energie entschwand. Mein Magen zog sich zusammen. Jetzt nur nicht schwächeln. Kopf aus, Bike rumdrehen und hoch! Einer geht noch…

Gunnar übte sich am Waldanfang mit der ersten Flussüberquerung und konnte dadurch auf wundersame Weise das Knacken seines Bikes heilen. Ich bevorzugte die Brücke, weil Mojos Bremsbeläge so gar nicht auf Wasser stehen. Das wären entscheidende 10 Sekunden die man da wett machen könnte. Jaja 😀 Wir veranschlagten 70 Minuten für die dritte Runde. Jetzt ging es für mich (fast) nur noch um ankommen. Ein bisschen Ehrgeiz war noch da. Dennoch fuhren wir auf Sparflamme. Die Beine waren deutlich schwerer und es zog mal hier und da. Von Krämpfen glücklicherweise keine Spur.

Ich dachte nach 20 Minuten wieder an die Kotzgrenze. Mein Magen stülpte sich gefühlt nach innen. Wieso glaubte ich auch, dass ein Riegel reichen würde? Ich beruhigte mich damit, ich könne ja jederzeit umdrehen. Was ich sowieso nicht tun würde. Die Mental Challenge hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die Strecke kam mir dennoch beim dritten Mal überschaubarer vor und alles war leichter zu ertragen. Nice to know Nummer2: mein Puls war nochmal zehn Schläge niedriger und zwar bis zum letzten Anstieg und pendelte nun bei 150 herum. Konditionell also irgendwie kein Problem. Nur Beine und Magen mal wieder. Ich spürte wie wir langsamer wurden. Mein Kopf war zwar noch nicht bei Ching Chong Tomato angelangt, aber das Reden wurde deutlich beschwerlicher. Mir fiel auch einfach nichts mehr ein.

Checkpoint Fuchstanz. Nun brechend voll. Die letzten 2 Kilometer bis zum Feldberg waren die Wege total verstopft und meine Wasserflasche leer. Vor uns eine Familie mit zwei Kindern die mitten auf dem Weg standen und etwas vor ihnen auf dem Boden anstupsten. Die Eltern zehn Meter dahinter. Ich hörte nur die Mutter rufen: „Nicht anfassen, der hat auch Familie!“ Wer war „der“? Wenn mich auch sonst nichts mehr interessierte, das wollte ich noch wissen. Wir äugten zu den Kindern und auf den Boden. Dort lag ein Stückchen Holz. Welches scheinbar auch Familie hat. Das war das Wort zum Donnerstag. Ich musste lachen, hatte aber eigentlich weniger Kraft dafür. Zudem wurde mir komisch, beinahe übel. Das war kein Hunger mehr, das war der Schrei nach Brennstoff. Ruhig bleiben, weiter treten, schalala. Und irgendwann waren wir am letzten Berg. Dass das nicht mehr so nett werden würde, war mir klar. Ich fing an zu hadern, aber all das brachte ja nichts. Langsam weiter kurbeln, aber immer schön dabei bleiben und irgendwann wird es wieder flach…

Nach Runde 3
Nach Runde 3 (nicht schön aber selten)

Irgendwann – das war nach genau 63 Minuten. Immerhin noch unter unserer Prognose. Mit leichtem Schwindel hatte ich mir die letzten Meter erkämpft und oben dachte ich, wenn ich nicht gleich irgendwas mit Zucker zwischen die Zähne bekomme, passiert irgendwas. Das Versorgungshüttchen da oben kam mir gerade recht und hatte noch ein Balisto für mich über. Wir lachten jedoch immer noch. Ich konnte diese Verrücktheit immer noch nicht fassen. Es war mir generell nicht wirklich greifbar, was wir da gerade geleistet hatten. Und so qualvoll wie ich anfangs glaubte war es noch nicht einmal. Wir hatten nicht gejammert (naja kaum :D), niemand hatte die Kotzgrenze überschritten und keiner war mit Krampf vom Bike gefallen. Hätten wir für unten einen Deppen gefunden der uns grillender Weise in Empfang genommen hätte, wäre vielleicht sogar noch zwei weitere Runden drin gewesen. Ich glaube Runde 4 wäre mehr als hart geworden, selbst mit einem Riegel und einer Flasche Wasser mehr.

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Keine Spur von Erschöpfung nach der letzten Runde 😉

Jetzt da 3x Feldberg zum Standardrepertoire gehören, kommen demnächst 100km in Lohr am Main auf uns zu – sagt Christian. Und natürlich die Stoppomat-Strecke.

Zusammenfassung: 66km, 2012HM und 4:46h Fahrzeit. Bikershigh!

Ich bin jetzt ein bisschen müde, aber ansonsten merke ich selbst die Beine kaum. Es war also keinesfalls allzu überlastend und alles in allem ein gutes Zeichen, dass es noch einiges zu holen gibt.

— Jamie

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