Kenne deine Limits

Schon sehr befreiend, wenn man im Nachhinein über die Dinge berichten kann, durch die man sich durchbeißen musste. Über die Nacht von Freitag auf Samstag konnte ich glücklicherweise wieder etwas mehr regenerieren und ich fühlte mich nicht mehr so kränklich wie zuvor, sodass ich das Abenteuer wagte.

Am Vorabend waren bis in die Nacht starke Unwetter angekündigt – doch es tröpfelte eigentlich nur. Morgens war es dann einfach nur noch schwül und bewölkt. Ich packte ein dünnes Shirt ein und blieb erstmal im Tanktop. 8:30h an der Hohemark. Seit der letzten Feldberg-Abfahrt pfiff mein Bike bei jeder Bewegung, vorwärts wie rückwärts. Es kam von den Bremsbelägen, da war ich mir sicher. Vielleicht auch einfach nur Staub und irgendetwas Waldiges dazwischen? Ich stand schon um kurz vor 8 Uhr unten im Hof und wischte daran herum, hoffte ich würde es besser machen. Minimal besser. Vielleicht.

Durch diese Aktion war ich dann um ein paar Minuten verspätet. Die anderen beiden standen schon startklar auf dem Parkplatz der Hohemark. Es war zu diesem Zeitpunkt schon wieder alles feucht. Ich glaubte fest daran, dass im Wald alles besser werden würde. Ich warnte schon mal wegen meiner Lärmbelästigung vor. Das sei nicht schlimm. Bei Christian sollte es auch quietschen und bei Gunnar knacken. Und so setzte sich das Orchester in Bewegung. Dumm nur, dass Mojo alles andere übertönte und mir da schon den letzten Nerv raubte.

Kühler oder angenehmer wurde es auch nicht. Ansonsten fühlte sich alles andere ganz gut an. Ich hoffte auf eine gute Tour – bzw. auf gute Beine. Unser Plan war der folgende: den Feldberg rauf und zwar über Trails der Elisabethenschneise. Direkt zu Anfang natürlich. Im schwülen Universum. 8:45h: wir glaubten wir seien alleine im Wald. Mojo pfiff mit den Vögeln um die Wette.

Plötzlich tauchte ein Trailrunner vor uns auf, der auf uns zu rannte. Wir waren also doch nicht so alleine wie wir glaubten. Er aber war anscheinend zu lange alleine gewesen. Er trabte behände auf uns zu und als er auf etwa gleicher Höhe war, schrie er: „GENAU DAS will ich sehen, Jungs! Super!“ Achja und „Moin“. Ok 😀

Die ersten Trails tauchten auf, steinig, steil, wurzelig, loser Untergrund. Anstrengend. Nach gefühlten zehn Metern pfiff ich wortwörtlich schon aus dem letzten Loch. Die Schwüle hüllte mich ein. Erst 3 Kilometer. Diese sollten zu mindestens 60 werden. Ein Ding der Unmöglichkeit? Nicht nachdenken. Weiterfahren. Abrutschen. Ein Stück schieben. Das fängt ja gut an. Gunnar vorne weg, als gäbe es all diese Umstände überhaupt nicht. Christian schnaufend hinterher. Ich das Schlusslicht mit kratzendem Hals und sehr merkwürdiger Atmung. Vor lauter Atmung sah ich kaum wo ich hinfuhr, alle anderen Sinne schienen vernebelt.

Was war da los. Ende des Trails: Kreuzung – 3 Meter flach – Schwung holen – nächster Trail. Repeat. Nach dem letzten Anstieg auf einem glatten breiten Weg war ich bereits fix und alle. Sandplacken. Ach doch schon. Kurz rollen lassen und dann mal eine Vollbremsung, um das Pfeifen wieder loszuwerden. Es machte plopp oder peng und alle Geräusche hörten kurz auf. Dann fing etwas an zu schleifen, sodass wir uns entschieden mal mein Hinterrad auf Verdacht auszubauen. Nach fast 2000km und meinem häufigen Gebremse waren die Beläge sowas von runter, dass ich am besten nur noch vorne das Tempo einfing. Zudem war ein Stück der Klammer heraus gebrochen, was dann auch das Plopp erklärte (wahrscheinlich). Erst 15km und schon so ein Problem. Alles ganz egal, Hinterrad wieder rein, Pulli an (irgendwie wurde es dann doch frisch) und erstmal nur an Uphill denken. Zumindest schaffte ich es beinahe auf Reserve auch das letzte Stück in einem Zug bis auf den Feldberg rauf.

Ohne anzuhalten direkt weiter, alles andere hätte Erkältungen produziert. Runter. Bremse gezogen und es fing schon an durchzurutschen. Super Gefühl. Wo ich mich doch sowieso schon bei Abfahrten so super-sicher fühle. Also vorne-hinten bremsen und versuchen stets die Kontrolle zu behalten. Nach dem Feldberg ging die Tour eigentlich erst richtig los. Die Schwüle kam wieder etwas mehr zurück und es kamen wieder Anstiege dazu. Irgendwann kamen wir irgendwo in Eppstein heraus und trafen auch auf einige Streckenabschnitte die ich schon von einer anderen Tour kannte. Zur Mitte hin fing ich mich zum Glück wieder etwas, aber mit Power war ich keinesfalls unterwegs.

Zwischenzeitlich zeigte sich auch wieder die Sonne, aber das war auch nicht immer angenehm. Ich war wirklich richtig froh, dass ich den Trinkrucksack nicht nur auf dem Rücken hatte, sondern ihn auch bis zum Anschlag aufgefüllt hatte. Die Trails waren meistens richtig schön und vor allem die Abschnitte die über Wiesen oder enge Pfade führten machten richtig Spaß. Wir kamen an einem kleinen Weiher heraus und machten kurz Halt, um uns dann wieder in Bewegung zu setzen. Natürlich nahmen wir auch immer mal wieder eine falsche Abzweigung, sodass wir öfter mal wieder rumdrehen mussten, um der Tour zu folgen.

Nach knapp 5 Stunden wurde der erste Akku gewechselt und ich aß den ersten (und letzten) Riegel. Ich hoffte auf Energie die mir für den Rest der Strecke zur Seite stehen würde. Ja, naja. Schlimmer geht immer – ich weiß.

Wir bogen auf einen Singletrail ab, heraus aus dem Wald und irgendwie schien es mir, als würden wir uns in Teneriffa oder Mallorca befinden, nur nicht in Deutschland. Halb verbranntes Gras, ein staubiger Pfad mit größeren flachen Steinen, teilweise lose. Dieser wand sich hoch und herunter, bis wir wieder im Forst verschwanden.

Ständig umgefallene Bäume, die es zu überklettern galt. Mittlerweile waren wir schon soweit, dass wir glaubten wir befänden uns nur auf dem richtigen Trail, wenn es einen Baum gab der uns den Weg versperrte. Unter einem konnte man sogar durchrutschen. Dann noch ein Wildschwein-Zaun, ein Stück Straße, Wald, Trails, Baum. In meinem Kopf war nicht mal mehr Platz für Ching Chong Tomato. Ich kann mich gerade auch nicht mehr recht erinnern, wie wir auf unsere Standard-Trails zurückkehrten – Filmriss.

11401232_890156801023703_2642297254376599335_nIch schaffte es auch nicht, auch nur im Ansatz daran zu denken mal Bilder zu machen (zum Glück hat Gunnar das erledigt 😉 ). Ich nuckelte nur an meinem Trinkschlauch und spürte wie der Rucksack immer leichter wurde. Irgendwann waren wir unterhalb des Fuchstanz gelandet und kämpften uns einen Abschnitt der Stoppomat-Strecke wieder hoch. Böse Erinnerungen wurden wach. Und ich wusste, dass wir auch noch auf den Altkönig fahren würden. Noch 100 Höhenmeter. Das letzte Stück rutschte ich auf einem der zahlreichen Steine weg und entschied mich zu schieben, bzw. Mojo da irgendwie hochzudrücken. Nichts davon fühlte sich mehr gut an. Leicht zittrig ließ ich mich, oben angekommen, auf den Boden sinken. Pünktlich waren dann die 2 Liter leer. Jetzt nur noch runter. Das hörte sich so gut an.

1470023_890156811023702_7808522970171873379_nUnd gleichzeitig war das so schlecht. Wir kletterten ein Stück mit den Bikes das Geröll einer Wanderstrecke herunter und verschwanden auf Trails. Gewundene, enge, steile, wurzelige, laubige,rutschige Trails. Die meisten kannte ich ja schon. Nur waren das sowieso nie meine Lieblinge gewesen und dazu kam, dass ich hätte wahrscheinlich nicht mal mehr meinen Namen schreiben können. Geschweige denn nachzudenken und einfach die Stoppomat-Strecke herunterzufahren. Die Konzentration war nahe Null. Ich hatte auch keine Kraft mehr das Bike zu balancieren und genug Körperspannung aufzubauen. Also fing ich mit dem Schieben an. Rannte teilweise die Trails mit dem Bike herunter. Ohne hätte es direkt Spaß gemacht – glaube ich. Dass dieser letzte Teil nochmal eine Stunde dauern würde und derart anstrengend war, kam mir auf dem Altkönig gar nicht in den Sinn. Und nur runter ging es eben auch nicht. Die Kopfarbeit sich da durchzuwurschteln zehrte an den letzten Kräften und Reserven. Ich wollte nur noch ankommen. Hohemark. Hohemark. Hohemark.

11401480_890156567690393_6215964677428212899_nNach geschlagenen 7 (!!) verdammt harten, schwülen, unbarmherzigen, energiefressenden Stunden, standen wir wieder auf dem Parkplatz. Ich hing wahrscheinlich schon wie ein Frosch auf der Gießkanne auf Mojo. Und als wir da so standen und ich Christian das erste Mal still um seine Anreise mit dem Auto beneidete, dachte ich wirklich ich könne nicht mehr. Mir war schon leicht übel. Und ich hatte Durst. Wo auch immer die 2 Liter hinverschwunden waren. 58 Kilometer standen auf der Uhr und ich hatte noch 5,5 nach Hause. Die gingen zwar wirklich nur noch abwärts, aber selbst das erschien mir wie eine Ewigkeit.

Zu Hause die rettende Dusche und Thomas schmiss schon mal den Grill an. Eine sehr gute Idee. Das einzige was mich dann noch interessierte, war die Auswertung der Tour: 63km, 1700HM und 5:35h reine Fahrzeit. Schon etwas mehr Höhenmeter auf weniger Kilometer. Dann die zwei Trainingstage an denen ich nicht nur biken, sondern auch laufen war und mich zusätzlich dem Krafttraining gewidmet hatte. Und noch nicht vollständig wieder fit war. Aber wie war das? Manchmal muss man Grenzen überschreiten, um auszuloten wo die Grenzen denn sind. Das war auch das erste Mal, dass mir die Beine weh taten. Den restlichen Tag verbrachte ich auf der Terrasse und Beine hoch.

1981773_890155617690488_5530970858071922566_nÜber Nacht war ich jedoch wieder soweit regeneriert, dass ich das Laufen nochmal wagen wollte. Und zwar ganz langsam und regenerativ mit einer Pace von 5:20 bis 5:45, 10 hügelige Kilometer durch die Oberurseler Felder. Thomas begleitete mich auf dem Rad. Es war okay, stellenweise echt gut. Aber verdammt heiß so in der prallen Sonne. Einen Tempolauf hätte ich da auch nicht draus machen wollen. Das Bein zwickte. Nach der langen Brücke dann auch wieder der Sehnenansatz. Und auf den letzten 2 Kilometern ließ mir dieser eiskalte Schauer über den Rücken laufen. Ich war und bin unendlich traurig. Ich habe richtig Angst, dass ich das laufen auf lange Sicht sein lassen muss. Irgendwas ist eben immer.

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57 Minuten – eigentlich eine Trauerzeit für mich. Aber ok. Ich laufe ab jetzt öfter langsamer und versuche darüber irgendwie meinem Körper etwas Gutes zu tun. Zu Hause wurden die Schmerzen schlimmer. Ich fing an mich Abends selbst mit einem kleinen Ball zu traktieren. Höllenschmerzen. Heute ist es besser, aber nicht gut und nun zwickt es auch noch links an der Hüfte. Man darf gespannt sein, was das noch gibt.

— Jamie

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4 Gedanken zu “Kenne deine Limits

    1. Najaaa, so ein richtiges Limit wäre es gewesen, wenn ich 1. aufgeben hätte und/oder 2. einfach umgefallen wäre. Und die Menge der Aktivitäten machts. Nennen wir es mal eine „Grenzerfahrung“ (kurz vorm stellenweise gefühlten Nahtod) 😀

  1. Oh. Da steckt derzeit der Wurm drin. Ein Kollege von mir, der öfters einen Marathon läuft, muss derzeit wegen Sehnenproblemen aussetzen, eine Blognachbarin muss seit 8 Wochen eine verletzungsbedingte Pause einlegen. Ich hoffe, es wird wieder und wünsche einen guten Start in die nicht mehr ganz so junge Woche.
    Ich selber versuche mich langsam an die 10 km (wieder) ranzutasten.

    1. Ich hoffe es auch, wirklich. Seit Ende Februar schlage ich mich schon damit herum. Selbst mehrere Tage Pause bringen keinen Effekt, es wird eher schlimmer oder bleibt gleich. Deshalb laufe ich einfach weiter. Danke dir!

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