In die richtige Richtung laufen

Die vergangenen Tage waren allesamt prall gefüllt und brauchten mehr oder weniger straffe Zeitpläne, um überhaupt durchgezogen werden zu können. Dazu trieben das Wetter und meine allgegenwärtige Müdigkeit ihr Unwesen. Geschäftsreisen zwangen mich kreativ zu werden, was das Laufen betrifft. Wer sich vorher kümmert hat schon halb gewonnen.

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Letzten Dienstag Morgen habe ich dann aber diese Vorausplanung etwas über den Haufen geworfen und bin noch vor 7 Uhr nüchtern zu einem TDL in Regen und Sturm gestartet. Mein Körper war von diesem Vorhaben schockiert – seit dem Sommer ist das eigentlich nicht mehr vorgekommen. Gemerkt hatte er es aber erst nach 4 Kilometern und strafte mich sofort mit Übelkeit. 4:45 gehen ja eigentlich noch. Eigentlich. Spätestens dann als ich den flachen Feldweg wieder verließ und leicht bergan zurücklaufen und mich gegen den Wind lehnen musste, wurde das zu meinem Verhängnis. Es fühlte sich an wie mit angezogener Handbremse und ich musste wirklich kämpfen auf den letzten 3 Kilometern. Es war noch immer stockdunkel und nur ein paar Kaninchen kreuzten meine Wege. Ich dachte kurz an meine Ziele, aber die schienen in diesen Moment unerreichbar. Ich wurde so langsam, dass ich auf dem letzten Kilometer deutlich anziehen musste, um die Pace durchschnittlich halten zu können. Zähne zusammenbeißen, laufen. Ein Moment der wirklich weh tat, aber mich wie ihr seht nicht umgebracht hat.

Letzten Endes brachte dieses Unterfangen doch eine Reihe von Vorteilen mit sich: ich hätte am selben Abend kaum mehr die Chance gehabt noch zu laufen. Ich hatte quasi einen halben Tag mehr Regeneration und so konnten sich die Wehwechen, die mir meine Hüfte ununterbrochen gesendet hatte, wieder beruhigen und ich konnte relativ gelassen am folgenden Abend noch ruhige 13km abspulen.

Bauchschmerzen hatte ich eigentlich nur vor Samstag und Sonntag. Während ich am Freitag noch 10 Kilometer mit anschließenden Steigerungen lief, wurde Samstag auf der Bahn ein anderer Ton angeschlagen. Die Steigerungen machten an diesem Abend zwar Spaß, aber ich traute dem Frieden nicht und konnte mir immer noch nicht vorstellen ein gewisses Tempo noch länger durchzuhalten.

Samstag morgens war es kalt. Irgendwie verdammt kalt. In meinem Bein zwickte irgendetwas vor sich hin. Zum Glück war Thomas mit von der Partie und begleitete mich eine meiner Runden auf der Bahn, während ich mich warm lief. Nur leider wurde mir nicht warm, es dauerte ewig und ich fühlte mich zu dieser Zeit schon so als würde mich der Boden ansaugen. Mein Gefühl sagte „Vergiss es“, meine Garmin sagte „Piep“ und „Lauf!“. Also lief ich los, mit mindestens 4:15, drei Runden lang. Auf der letzten war mir noch immer nicht ganz klar wie ich das noch auf insgesamt 6 Wiederholungen ausdehnen sollte. Nur 90 Sekunden dazwischen vor sich hinzugondeln…die gehen dann doch verdammt schnell vorbei. Der Schmerz verblasste jedoch, als ich mich entschied entgegen der eigentlichen Bahnrichtung zu laufen und plötzlich war der Knoten geplatzt.

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Ich wollte zwar meiner untergründigen Euphorie noch nicht gleich am Anfang die Zügel in die Hand geben, aber spätestens nach der dritten Wiederholung in 4:05 war mir klar, dass das alles machbar für mich war. Das erste Mal konnte ich mir tatsächlich vorstellen, wie es wäre das angestrebte Wettkampftempo auf 21km zu halten. Zwischenzeitlich dachte ich, meine Uhr würde mich bescheißen, weil es sich gar nicht so hart und schnell anfühlte wie ich es erwartet hatte. Es war fordernd, aber keinesfalls überfordernd. Zudem hatte ich mal eben meine Bestzeit auf 5 und 10km verbessert: 21:40min und 45:03min.

Unterdessen hatten sich die Fußball-Muttis am Rand versammelt und die Kinder kickten mir in regelmäßigen Abständen ihren Ball zwischen die Beine. Erhöhte Aufmerksamkeit war gefragt.

Beim Auslaufen schlug der Schmerz wieder dumpf zu, aber es war noch im Bereich des Tragbaren. Ich weiß zur Zeit nicht so recht wie ich damit umgehen soll, weil natürlich jeder neue Reiz mal wehtun kann und ich einfach nur hoffe, dass sich mein Körper an die erhöhten Umfänge und das Tempo gewöhnt und entsprechende Anpassungen vornimmt. Zumindest verschwindet er immer wieder und scheint sich auch nicht an einer Stelle zu manifestieren. Manchmal ist es auch nach einem Ruhetag schlimmer, als wenn ich einfach gelaufen wäre.

Zudem haben sich nun zu den Inov8 noch ein neues paar Laufschuhe gesellt, nachdem mich die Nike Lunarglide6 an die 2000km durch die Gegend getragen hatten. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich mittlerweile mit weniger Sprengung besser bedient sei. Ich bin wieder bei Nike geblieben und nun ist es der Air Zoom Pegasus 32 geworden. Bisher habe ich an dieser Wahl nichts bereut: alles ist etwas direkter und ich habe das subjektive Empfinden besser vom Fleck zu kommen. Eingeweiht hatte ich sie bereits auf den 10km vom Freitag und auf der Bahn konnten sie sich dann beweisen. Letzten Endes ist ein Schuh aber dann auch nur so gut wie sein Träger 😀

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Nur ganz leicht beflügelt konnte ich mich dann dem Sonntag widmen, welcher für mich mental den Höhepunkt der Woche darstellte. Laufen und biken, quasi als Koppeltraining. Wie ich schon sagte, gut geplant ist halb gewonnen bzw. gelaufen. Ich packte zwei Rucksäcke – einen mit Wechselklamotten, sowie den Trinkrucksack für das Biken. Da die Mehrheit doch für den Start um 10.30h war, musste ich schon um 8h loslaufen. Das hieß ich quetschte um halb 8 bereits Mojo in mein Auto, während ich langsam aber sicher realisierte, dass es dämmrig und wieder mal echt kalt war. Es ist eine Sache dieses Empfinden beiseite zu stellen, wenn man noch gar nicht warmgelaufen ist. Eine andere ist, dass auf dem Feldberg ein Temperaturunterschied vorhanden ist, der einem entweder schon direkt bei der Ankunft überrascht oder beim Runterlaufen wieder einholt. Diesmal hatte ich jedoch alles richtig eingeschätzt.

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Der Schnee war schon lange nicht mehr da, nur der Wind pfiff ab und an durch die Bäume. Ich begegnete zwei Rehen und das war es dann auch schon wieder mit der Zivilisation. Obwohl ich nicht mehr ganz so frisch war, schaffte es ich es deutlich besser und flüssiger nach oben, als noch vor zwei Wochen. Darüber hinaus wirkt das bergauf-Laufen bei mir immens gegen die beschriebenen lästigen Schmerzen.

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Der letzte Lauf auf den Feldberg hatte noch im Schnee(matsch) stattgefunden, nun kroch der Nebel zwischen den Bäumen hervor. Der Schnee hatte etwas furchtbar beruhigendes auf mich, ich war einfach nur glücklich. Da änderte auch der tiefe Eiswasser-Untergrund auf dem Rückweg nichts, in welchem ich regelmäßig knöcheltief versank.

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Diesmal war es „nur“ schlammig. Oben angekommen wehte mich der Wind fast um und der Nebel war so dicht, dass ich nur noch zwanzig Meter weit schauen konnte. Bergab fühlten sich meine Beine etwas schwammig an – so richtig laufen lassen konnte ich es irgendwie nicht.

Um kurz vor 10 war ich wieder am Auto. Teil 1 von 2 war abgeschlossen: 19km, 620HM. Ich fühlte mich noch erstaunlich gut. Der Parkplatz der Hohemark glich einem Basislager. Fehlte nur noch das Sauerstoffzelt, aber das hätte ich erst nach der letzten Einheit nötig gehabt.

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Nach etwas Frieren und zehn Minuten im Auto sitzen, trafen dann auch die anderen ein. Eigentlich wollten wir flach(er) fahren. Aber uns war allen so verdammt kalt, dass wir direkt nach oben fuhren. Ich widersprach nicht und anfangs fühlte sich alles noch gut an. Irgendwie kam ich noch mit, es wurde wieder warm und allgemein war es ganz lustig so in der Gruppe. Alleine wäre es sehr viel härter gewesen.

Wir querten die Saalburg und ab da wurden mir dann doch die Beine schwer. Ich hatte Glück, dass Christian an diesem Tag auch nicht so auf der Höhe war, aber Gunnar und Alex gaben Gas, sodass am Ende ein Zeitunterschied von 10 Minuten entstand. Die letzten 7 Kilometer zerrten an allem was ich hatte. Ich kam zwar vorwärts, aber ich trat gegen Windmühlen. Augen zu und durch, atmen nicht vergessen. Dann das letzte steile Stück zum Feldberg. Ich sah andere Biker schieben. Zu denen ich nicht gehören wollte. Nur einmal Feldberg. Kindergarten!

Nochmal knapp über 700 Höhenmeter. Nochmal Nebel und aus dem Wind war ein Sturm geworden. Wir versuchten noch etwas Schutz zu finden, damit wir uns für die Abfahrt rüsten konnten. Ich hatte mal wieder die dicken Handschuhe nicht dabei. Christian zog sich notgedrungen seine Arbeitshandschuhe über – ein sehr amüsantes Bild 😀

Bis zum Fuchstanz waren meine Hände komplett taub. Christian verabschiedete sich und fuhr noch auf den Altkönig hoch. Ich nicht mehr, ich wollte nur runter. Ich hatte Kreislauf…und ja kalt war es auch, habe ich das schon erwähnt?

Am Auto überlegte Alex nochmal hochzufahren. Ich wollte nicht mehr. 30km reichten. Es wäre vielleicht noch gegangen, aber ich glaube danach hätte ich mich dann übergeben. Ich hiefte mein völlig zugeschlammtes MTB ins Auto und stieg genau so versifft dazu. Demnächst wäre eine Waschanlage definitiv ein Point of Interest…

Zu Hause produzierte ich einen überdimensionalen Wäscheberg und das Wasser unter der Dusche konnte nicht mehr heiß genug sein. Mir wurde stundenlang nicht mehr warm, mir war leicht übel und ich war zu müde zum Schlafen. Kann ich nicht erklären, ist aber so.

Mojo stand noch immer verdreckt unten und wartete darauf geputzt zu werden. Der Gartenschlauch war leider auch nicht mehr auffindbar und so raffte ich mich spätabends nochmal mit einem Eimer und Lappen bewaffnet, dazu auf das Bike vor dem Verfall zu retten.

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Ansonsten verbrachte ich den Tag in der Horizontale und die Nacht im Koma. Am Montag ging es mir wieder fast so gut, als wäre gar nichts gewesen, sodass ich gestern Morgen wieder laufen konnte. Etwas über 9km – diesmal um 7h morgens im englischen Garten in München, der nur 700 Meter von meinem Hotel entfernt war. Ich lief bis zum chinesischen Turm und traf auf eine Menge anderer Läufer. Es herrschten frostige 1-2 Grad, tiefer Nebel und wunderschöne Pastellfarben in der aufgehenden Sonne. Ich fühlte mich zwar noch belastet, bin aber froh gelaufen zu sein 🙂

— Jamie

 

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5 Gedanken zu “In die richtige Richtung laufen

  1. N Lauf im Schnee. Darauf warte ich wohl noch vergeblich dieses Jahr. Aber irgendwann 😉
    Je schneller du wirst umso mehr wirst du die direkten Schuhe lieben. So n krässliches Ding mit extrem viel Sprengung und Dämpfung kommt wirklich nur noch zu gemütlichen regenerativen Läufen an meine Füße

    1. Ich glaube dann musst du einfach auf den Berg 😀 Ne extrem viel Dämpfung hatte ich sowieso nie. Aber ich merke momentan, dass mir der direktere Kontakt mit dem Boden immer wichtiger wird.

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