7. Stauch-Cup Kupferzell 30.09.2017

Endlich mal wieder ein Zehner! Endlich? Okay, ich gebe es zu: die Euphorie war mal größer. Trails, Ultras…irgendwann war ich zu einer Trailschnecke auf der Straße mutiert. Da ich wie so viele, alles – oder fast alles – will, hieß das in der Konsequenz, den Trainingsplan zu periodisieren. Die letzten Wochen und Monate habe ich mich also primär auf der Bahn oder Straße befunden und stetig den Kopf über mich selbst geschüttelt, vor allem am Anfang. Ich hatte kaum das Gefühl, schneller zu werden. Ich erreichte die Zielpace nur selten und lief trotzdem am Anschlag. Kein schönes Gefühl, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt und wenn ich eins über mich selbst behaupten kann, ist, dass ich durchaus in der Lage bin zu beißen und auszuharren.

Also fand ich mich gegen Mittag mit Georg (als Initiator) bei einem Zehner in Kupferzell wider. Irgendwie graute es mir schon und ein paar Mimimis im Schienbein hatte ich auch – wahrscheinlich ein Nachbeben des 24h Laufs. Die Sonne schien, es war warm, fast schon zu warm. Wir suchten unsere Startnummern, leerten schon Mal ein paar Becher Wasser und Iso, denn wir hatten definitiv zu wenig getrunken an diesem Tag. Weitere super Voraussetzungen die man nur noch mit Humor nehmen konnte.

Einlaufen – in meinen Augen die Vollkatastrophe. Es hätte mir zu Anfang schon zu denken geben sollen, als wir die kurvigen, mehr und weniger steilen Straßen zum Parkplatz hinauffuhren. Wo sollten die Veranstalter eine flache Strecke aus dem Hut gezaubert haben? Richtig, nämlich gar nicht. Ich gab die Hoffnung nicht auf, dass nur Start und Ziel diesen Unannehmlichkeiten angehörte. Ich fing schon bei einer 5:30er Pace an Darth Vader zu mimen und versuchte die Gedanken zu verdrängen, wie ich gleich unter 5 laufen sollte. Als hätte ich in diesem Moment verlernt wie schnell laufen geht.

Wo blieb die Aufregung? Ach da kam sie ja. Pünktlich, etwa 10 Minuten vor dem Start. Lauf ABC, irgendwas kurz gedehnt, geschwungen und gehüpft. Letzteres hatte absolut keinen Sinn mehr. Ich wollte mich nur noch in den Block einreihen. Wir schlängelten uns weit nach vorne, um am Ende weniger ZickZack laufen zu müssen. Die Sekunden wurden heruntergezählt. Ich drehte mich zu Georg um und sagte: „Ich hasse Zehner!“

3, 2, 1, go!

Mein Herz machte einen Satz, gleichzeitig mit dem Aktivieren meiner Garmin. Nur die weichen Beine blieben diesmal aus. Ich lief einfach los und hatte keine Ahnung wie schnell ich war. Nur den Berg hinauf, um ihn möglichst schnell hinter mir zu lassen und mir über so etwas wie Taktik Gedanken zu machen. Denn ich hatte keine Ahnung, keine Zielzeit. Ich wusste nur eins: Ich wollte die 45:11 unterbieten und da war ich mir fast sicher, dass es machbar sein würde.

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(c) www.swp.de

Wir liefen über die Kuppe, quer durch die Straßen. Ich riskierte einen Blick auf meine Uhr, denn ich wusste nicht, ob ich in meinem Soll war. Dann musste ich jedoch zwei Mal hingucken, denn da stand nicht 4, sondern 3. 3:30, 3:40 und auch 3:50.. Laufen lassen oder vernünftig sein? Ich ließ es laufen, denn ich glaubte die zweite Frau ausgemacht zu haben. An ihr wollte ich dranbleiben, denn ich war nicht wirklich weit entfernt. Vielleicht war es nur ein Strohfeuer und ich würde hinter ihr bleiben und auf meine Zeit warten. So mein Plan.

Die Vibration meiner Uhr riss mich kurz heraus. Der erste Kilometer unter 4 war geschafft. Georg war dann doch vorbei gezogen. Wann würde ich einbrechen? Noch 9 weitere in diesem Tempo? Das erledigte sich spätestens an den ersten Anstiegen wieder. Wie sehr sollte ich mein Tempo verringern, dass ich es bis zum Ende durchhalten würde? Ich lief einfach weiter, nach Anstrengung. Alle anderen wurden auch etwas langsamer. Dann wurde es kurz wieder flach, wir beschleunigten wieder und es kam eine leichte Off-Road Passage im Feld die noch etwas mehr Anstieg hatte und sehr unruhig zu laufen war, da die Wahl zwischen Grasnarbe und losen variablen Schotter einem das Leben nicht gerade einfacher machte und sogar die 4:20 in Gefahr brachte. Eine enge Kurve und einen postierenden Krankenwagen später, befanden wir uns wieder auf Asphalt und ich konnte wieder anziehen.

4:05 – was ist da nur los? Ich entschloss mich dazu das mit dem Denken ab jetzt wirklich sein zu lassen und einfach zu laufen, auch wenn noch nicht einmal Halbzeit war. Über eine kleine Brücke ging es auf die andere Seite. Neben mir keuchte und schnaufte es bereits. Immer wieder lief ein Kerl an mich heran, nur um dann wieder hinter mir zu verschwinden. Ich hätte gerne jemanden gehabt, der schön konstant sein Ding lief. Dank des welligen Kurs schien das den meisten irgendwie nicht möglich zu sein.

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(c) Stauch-Cup

Wieder ging es Richtung Dorf, über eine Straße, vorbei an Fotografen und vielen Menschen die einen richtig anfeuerten. Die 5km Marke war nicht mehr weit. Über Herbstblätter und Nussschalen ging es weiter um eine enge Kurve, die viele über das Gras Schnitten, um schneller auf der nächsten Straße zu sein, die einen direkt (natürlich auch wieder ganz subtil leicht aufwärts) zwischen den Ständen des Kärwe-Markts hindurchschleuste, während mich der Duft von gebrannten Mandeln eher schwächte als mir Flügel verlieh.

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Arschloch-Berg Klappe die 1. (c) www.swp.de

Der Arschloch-Berg. Es kam ja mal wieder wie es kommen musste. Wer den Anstieg an der Hohemark im Taunus, zur Klinik, kennt, der kann sich vielleicht ungefähr vorstellen, wie das ist, wenn man den an der persönlichen Kotzgrenze bezwingen muss. Man fühlt sich als wäre man noch nie gelaufen, die Beine werden schwerer, der Atem hört sich ungesünder an und irgendein ein Idiot straßenmeistert noch schnell ein paar Höhenmeter am Horizont dazu, während mehr oder weniger begeisterte Personen am Rand stehen und laut rufen und klatschen. In diesem Moment wusste ich: „Es ist scheiße, aber einmal geht es“. Zu dumm, dass der Kurs zwei Mal gelaufen werden musste und ich war mir nicht sicher, ob ich innerhalb von 4 Kilometern vergessen konnte, was mir eben widerfahren war.

Oben angekommen, war man sicherlich schon um fünf Jahre gealtert und musste noch gute Miene machen, denn es ging auf die Zielgerade zu – zumindest für die 5km Läufer – die 10er durften direkt wieder abbiegen. Kurz vor mir hörte ich nur den Moderator die erste Frau ankündigen. Aber wo war denn bitte die zweite? Ich gab wieder Gas, sah meine Zwischenzeit: 20:51min. Mein Herz machte nochmal einen Satz, als ich als zweite Frau betitelt wurde. Mal wieder nicht aufgepasst!

Und natürlich auch nicht umgedreht. Zumindest wusste ich jetzt was zu tun war, einfach so weiter rennen. Es hatte nicht den Anschein, dass man mich überholen würde. Ich lief weiter mit einem vertretbaren Grad der Anstrengung, merkte, dass es selbst die Straßen herunter schon nicht mehr so schnell wie in der ersten Runde lief und verfluchte die darauf folgenden Anstiege, die natürlich noch steiler waren als zuvor. Als ich dann meine Lieblings-Grasnarbe betrat, hörte ich plötzlich ein Schnaufen hinter mir. Ich riskierte einen Blick aus den Augenwinkeln. Da rannte doch tatsächlich nach 6km eine Frau an mich heran und sie schien es verdammt ernst zu meinen. Wie eine Dampflok schob sie sich Schritt für Schritt an mich heran.

Das kann nicht wahr sein. Nicht jetzt, wo es doch sowieso schon nicht mehr einfach ist. Einfach überholen lassen war für mich ebenfalls keine Option. Ich spürte, würde das passieren, würde ihr Kopf darüber triumphieren und ich hätte keine Chance mehr meinen Platz erneut zu besetzen. Also lief ich immer etwas schneller als ihre Atemfrequenz. Ich war mindestens genau so am Limit, nur schien man das nicht so zu hören und das wollte ich zu meinem Vorteil nutzen. Zog ohne Verzögerung auf flachen Stücken immer wieder ein bisschen an. Sie sollte nicht denken, dass das alles war, was sie da vor sich gesehen hatte. Ich meinte zu spüren, wie sie darüber nachdachte wann und wie sie mich überholen konnte, sodass ich öfter leichte Schlangenlinien lief und mir sogar die Leute vor mir ansah, wie ich sie so überholen konnte, ohne selbst überholt zu werden. Plötzlich musste ich wieder denken. Und vor allem schneller laufen. Ich wollte eigentlich nicht mehr. Es tat wirklich weh, aber ich konnte noch nicht einmal sagen wo genau. Ich hätte gerne etwas getrunken, aber das war nun völlig fehl am Platz. Ihr Keuchen in meinem Nacken prügelte mich am Wasserstand vorbei und an Menschen die immer wieder schrieen: „Gib Gas!“ „Lauf, lauf, lauf!“

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Mit Verfolgerin im Nacken (c) Stauch-Cup

Wer von uns kippt zuerst um? Ich wusste es nicht, aber wir waren ähnlich am Arsch. Ich konnte ihren Atem quasi in meinem Nacken spüren, inklusive dem gewaltigen Kraftakt der von ihr ausging. Ich hoffte auf einen Einbruch. Aber der kam einfach nicht. Stattdessen wurde mir schon schwummrig im Kopf und der Arschloch-Berg war noch nicht mal ganz in Sicht. Ich versuchte einen letzten Test und wurde minimal langsamer – vielleicht würde sie es ja dankend annehmen und wir könnten etwas energiesparender… Nichts war. Ich hätte gerne wie ein kleines Kind auf den Boden gestampft.

„Pain is temporary, pride is forever“. Sau dummer Spruch, aber mehr ist mir auf den letzten 1,5km dazu einfach nicht mehr eingefallen. In Reih und Glied liefen wir über die knackenden Nussschalen, auf die letzte enge Kurve zu, die uns zu den Ständen bringen sollte. Mein Gedanke war: „Kürz ab, du bist im Arsch“. Ich tat es aber nicht, weil ich mit ihr fair kämpfen wollte. Als ich noch auf dem Weg um das Gras herum beschäftigt war, sah ich sie neben mir auf dem Gras auftauchen. Sie schrie mich an: „Komm!“, und überholte mich, noch bevor ich schalten konnte was passiert war. Ich versuchte daraufhin auch noch leicht abzukürzen, aber es war zu spät. Sie hatte schon 5 Meter Vorsprung gewonnen und es kostete mich eine enorme Kraft wieder mit ihr gleich aufzuziehen, sodass wir zwischen den Ständen wieder hintereinander liefen und ich merkte, mir reichte die Kraft einfach nicht mehr.

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Arschloch-Berg Klappe die 2. (c) Markus Wiedemann
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Sterben 2.0 (c) Markus Wiedemann

Meine letzte Rettung war der Arschloch-Berg. Als wir den erreichten, hatte ich bereits Kreislauf und das Bedürfnis einfach nur stehen zubleiben und zu gehen. „Es geht vorbei, es geht vorbei..“ Andere schrien: „Beißen, beißen!“ Ich biss, aber es reichte nicht. Ich kam oben an, während sie schon zum Schlusssprint ansetzte. 9 Sekunden hatte sie mir abgenommen, aber das wiederum hielt mich nicht davon ab, mal richtig PB zu laufen, vor allem, als ich aus nächster Nähe plötzlich eine 42 auf dem Display erblickte und alles in mir sowieso nur noch „Gas!“ schrie. Die Zeitmessmatte erreichte meine Füße, oder meine Füße die Zeitmessmatte – wer weiß das schon so genau und ein paar Meter weiter setzte ich mich einfach an den Rand. Netto 42:39.

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(c) Stauch-Cup

Aus und vorbei. Gegenrechnen war da nicht mehr drin, mein Kopf war leer. Ich wusste ich bin gelaufen, irgendwie war das cool, aber umso besser war es, dass es vorbei war. Uncool war mein Kreislauf, aber nach ein bisschen Rumlaufen, alkoholfreiem Bier, Georgs 38:41min und einem Mitläufer, den ich ohne es zu wissen, gezogen hatte, sodass auch er eine PB lief, war ich auch fast wieder bei mir.

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(c) http://www.swp.de

Ich habe eigentlich noch nie eine richtige Platzierung gehabt (bis auf einen meiner Halbmarathons) und wenn, dann war es bei den Läufen irgendwie egal, ob man 2. oder 3. Frau war. An diesem Tag war alles anders. Ich siegte in meiner Altersklasse und war die 3. Frau gesamt und somit gleich zwei Mal auf der Bühne. Obgleich ich auch sagen muss, dass ich mit Aufmerksamkeit nicht ganz so gut umgehen kann. Schön war es trotzdem. Nun bin ich um zwei Urkunden, einem Gutschein den ich hier leider nicht einlösen kann und einen „Stein“ reicher 😛

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FYI: Hier der Link zu Strava, wobei ich dazu aber gleich sagen muss, dass Garmin mich mal wieder um 300m beschissen hat. Die Strecke war nämlich vermessen.

7. Stauch-Cup Kupferzell – Strava Activity

— Jamie

 

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2 Gedanken zu “7. Stauch-Cup Kupferzell 30.09.2017

    1. Huch, achso? Na hätte ich das mal früher gewusst 😉 Ja die Luft war ganz gut, aber das Training hat diesmal eben einfach auch gestimmt. Vielen Dank – und ja, Vollgas hat mir irgendwie gefehlt!

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