25. Offenbacher Mainuferlauf 15.10.2017

Was folgt auf einen Zehner? Richtig, ein Halbmarathon. Nach 1,5 Jahren mal wieder, nachdem ich zuletzt in 1:45h und total am Ende durch das Ziel gestolpert bin und erkannt habe, dass das alles ohne spezifisches Training keinen Sinn hat. Dass Trails und Ultras nur bedingt mit neuen PBs vereinbar sind. Womit wir wieder beim Thema wären: der Trainingsplan war eine meiner besten Entscheidungen dieses Jahr.

Um 7:30h machten wir uns auf dem Weg zum Einlaufen. Der Start hingegen war erst um 10h. Da der KiLL50 jedoch naht, musste ich die 30km an diesem Tag irgendwie voll kriegen. Also warum nicht mal knapp 9km einlaufen? Ich muss gestehen, das fühlte sich so richtig suboptimal an. Morgens war es noch richtig kalt und irgendwie war mein ganzer Körper steif und müde. Ich hatte wirklich Mühe ein normales Dauerlauftempo anzuschlagen und bekam es direkt wieder mit der Angst zu tun. Die Kilometer verflogen auch einfach nicht. Zum Auto, zurück, durch die Straßen und am Main entlang. 15 Minuten vor dem Start hatten wir es dann endlich und ich war zumindest warm. Trotz der vielen Läufer, traf ich auf Matthias, Tim, Bryce und auch Davut. Das hob meine Laune wieder, während wir uns zum Start schlängelten, um uns einzureihen.

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Bryce, Davut, Georg, Jamie, Matthias

Mein Magen drehte sich immer wieder ganz leicht, dieses Gefühl der Ungewissheit habe ich noch nie gut vertragen. Ich hatte keine Zielzeit auf dem Plan, nur das Wissen, dass unter 1:40h auf jeden Fall drin sein musste. Um überhaupt wieder einen neuen Anhaltspunkt zu haben, musste ich mir eine neue Zeit erlaufen. Trotz oder gerade wegen dem langen Einlaufen. Trainiert nebenbei bestimmt auch den Kopf.

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(c) Thomas Guthmann

Matthias und ich beschlossen zusammen zu laufen, wobei er sich nicht sicher war, ob er an mir dran bleiben würde. Ich sah da aber eigentlich keine Probleme, zumal ich ja selbst nicht wusste, wie die Sache ausgehen würde. Irgendwo weit weg, nahm ich gerade noch so das Herunterzählen wahr und schon hatte ich die Zeitmessmatte überquert. Jetzt war es zu spät, jetzt musste ich einfach laufen. Plötzlich war Matthias weg und ich hatte mich das erste Mal in meinem Leben nicht zu einem Sprint hinreißen lassen, lief stoisch meine 4:15 – 4:20 und grübelte nach dem ersten Kilometer, wie lange es sich noch so locker anfühlte. Mittlerweile liefen Matthias und ich wieder nebeneinander und nach etwa zwei Kilometern lichtete sich das Feld und teilte sich in mehrere Gruppen. Es lief sich nahezu locker für mich. Ich traute diesem Frieden jedoch nicht, da ich noch nie die Erfahrung machen durfte, das Tempo auch auf längere Zeit zu halten, aber in diesem Fall zahlte sich das ganze Tempotraining einfach aus. Ich konnte noch mit meinem Umfeld reden und ohne ständig auf die Uhr zu gucken, liefen wir exakt 4:20, Kilometer um Kilometer am Main entlang, über buntes Herbstlaub, an einem strahlend schönen Tag. Wohl das erste Mal in meinem Leben, dass ich die Umgebung während eines Wettkampfs so sehr wahrnahm.

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(c) Thomas Guthmann

Nach etwa 7 Kilometern begann das große Einsammeln: Läufer die vorher noch weit weg erschienen, saugten wir quasi Zentimeterweise an und überholten letzten Endes. Jetzt zahlte sich aus, dass wir das Tempo einfach beibehielten und uns nicht an anderen orientiert hatten. Mittlerweile liefen wir in einer kleinen Gruppe mit einem Triathlet zusammen, der entweder mich mal zog oder ich ihn. Vom Start an sahen wir uns immer wieder und pendelten uns auf das selbe Tempo ein.

An der zweiten Wasserstation blieben plötzlich mitten auf der Strecke zwei Läufer abrupt vor mir stehen. Mir entfuhr nur ein „Nicht stehenbleiben!“ während ich abbremsen musste und im Zickzack vorbeischlängelte, während ich merkte, dass mir die Beine beim erneuten Anlaufen begannen zu ziehen. Wenigstens auf die Seite hätte man sich stellen können…

So langsam dachte ich schon an den Wendepunkt bei Kilometer 10,5 und fragte mich, wann mir die ersten Läufer entgegenkommen würden. Das war dann kurz nach 9km der Fall und nach 10 sah ich dann auch Davut, Georg und Tim auf der Parallelstrecke. Meine Uhr zeigte 43:50min und es war quasi fast schon Halbzeit. Dass ich das mal im Halbmarathon hinbekommen würde, daran hatte ich eigentlich nie geglaubt. Zumal ich immer irgendwie verletzt oder komplett am Limit war. Aber diesmal war ich das einfach nicht. Trotzdem spürte ich, dass die Lockerheit schwand und sich mein „Einlauf“ langsam bemerkbar machte. Es wurde schwieriger die Beine zu bewegen. Beim doch sehr engen Wendepunkt, spürte ich das plötzlich sehr deutlich. Gleichzeitig war mein Kopf aber wieder da: ich musste ja nun „nur“ noch zurück rennen. Ab diesem Punkt wurden die Kilometer stetig weniger und eigentlich musste ich ja nur laufen. Mit etwa 70 Höhenmetern war das der flachste Lauf den ich jemals gelaufen bin dieses Jahr – selbst meine Oberurseler Felder sind hügeliger 😉

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(c) Thomas Guthmann

Nach Kilometer 12 fing ich an den Schwung zu verlieren. Ich konnte auch schon gar nicht mehr sagen, ob es nun leicht hinauf ging oder leicht hinunter. Nach weiteren zwei Kilometern aktivierte ich kurz mein Gehirn: so schlecht ging es mir eigentlich gar nicht, die Beine waren einfach nur angestrengter, aber die Atmung war komplett ruhig, ich war ja noch nicht mal richtig im Schnaufmodus! Also versuchte ich wieder anzuziehen und alles in Etappen zu sehen. Freute mich auf das KM 16 Schild. Danach fing ich wieder an in mich hineinzuhorchen, denn ich war gute 15 Sekunden langsamer geworden und auch mein Kreislauf fing wieder an zu rebellieren. Ein leidiges Problem, was immer wieder auftaucht, egal ob lang oder kurz. Ich überlegte kurz mir an einer Station ein Wasser abzugreifen, entschied mich aber dann doch dagegen, da es mich komplett aus dem Rhythmus gebracht hätte. Das was sich da an den Stationen abspielte, war eher Wasser-werfen, anstatt Wasser-trinken.

Es überholte mich plötzlich ein Kerl, der mir noch zurief: „Hübsche Zöpfe!“ Und ich mir nur dachte: „Das war alles was man jemanden beim Sterben zuruft!?“

Ich hatte noch ein Gel in der Tasche meiner Laufhose, war aber eigentlich zu faul es herauszufriemeln. Dann überwand ich mich aber doch. Sollte es mir auf den letzten Kilometern nochmal einen kleinen Boost bringen, dann war es den Versuch wert. Nach zwei Schlucken beendete ich das Experiment jedoch wieder – zu groß die Angst, dass der Magen das nicht mitmachte. Nach fünf Minuten hatte ich das Gefühl wieder einen klareren Kopf zu besitzen und reichte das restliche Gel an Matthias weiter, der mittlerweile auch sehr kämpfen musste. Wir redeten auch kaum mehr, jetzt ging es nur noch ums Durchhalten.

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(c) Norbert Leiendecker

Ich hatte dennoch irgendwie Spaß am Durchbeißen. Kopf hoch und laufen – das fühlte sich gut an. Weniger gut erlebte ich die Kilometer 19 bis 21. Wenn ich das jetzt so reflektiere war es fast nur eine Kopfsache. Man wollte alles hinter sich bringen, hatte aber keinen richtigen Biss mehr nochmal anzuziehen. Auch aus Angst, dass auf einmal gar nichts mehr gehen würde, da sich die Beine immer mehr verdichteten und jeder Schritt unglaublich viel Kraft zu kosten schien. Die Unsicherheit lief einfach bei mir mit, sodass der zweite Teil langsamer war, um ganze 3-4 Minuten. Ich schaute ständig auf die Uhr, ich wollte nicht langsamer sein, als 1:35h, versuchte gegenzurechnen und gleichzeitig meine Beine zu bemühen.

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Leichtes Sterben bei Kilometer 19 (c) Thomas Guthmann

Auch der letzte Kilometer erschien ewig, für einen Sprint war ich zu müde und auch Matthias war froh darüber (glaube ich 😉 ). Die letzten 300m wurden wir wieder schneller und rannten zeitgleich bei 1:35:25h über die Ziellinie. Direkt dahinter empfingen uns die anderen, die mit Zeiten von 1:22 bis 1:25h natürlich deutlich schneller waren. Eigentlich wollte ich mich wie immer, einfach nur auf Grund und Boden fallen lassen, aber Georg animierte mich dann doch zum Rumlaufen und Zitronentee trinken.

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Die ex-PB von 1:43h war auf jeden Fall mehr als geplatzt, aber in diesem Moment kam das alles in meinem Kopf überhaupt nicht mehr an. Ich wäre gerne konstant unter 4:30 gelaufen – gleichzeitig muss ich eben aber auch anerkennen, dass ich vor einem halben Jahr noch gejubelt hätte, wenn ich ohne zu Sterben 4:30 bloß auf 10km gelaufen wäre.

Mit 30km in den Beinen und einer mittlerweile eisigen Kälte im Körper machte ich mich wieder auf den Heimweg und checkte erst zu Hause die Ergebnislisten: 12. Frau und 4. meiner AK – damit kann ich ganz gut leben 🙂

— Jamie

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