2. Heusenstamm Cross

Vor ein oder zwei Jahren, hätte ich bestimmt noch nicht einmal gewusst, was so ein Crosslauf überhaupt darstellen soll. Da war ich ja eigentlich schon begeistert, so tief in die Materie „Traillauf“ eingetaucht zu sein. Aber wie das manchmal so ist: Leute kennen Leute, man selbst lernt auch immer neue Verrückte kennen und das Läufernetzwerk wächst. Ich für meinen Teil arbeite immer noch am Tempo und finde mittlerweile, dass jede gelaufene (für mich „Kurz“-)Strecke ein Mehr an Erfahrung bringt – für Kopf und Beine gleichermaßen. Da kam so ein Cross gerade recht: ein Mix aus Trail und Sprint.

-Markus- überzeugte Georg und dieser überredete wiederum mich und schon stand ich auf der Teilnehmerliste. Eine Woche vorher, machte ich mir dann mal über die Schuhwahl Gedanken: mir war schon klar, dass die meisten mit Spikes starten würden. So etwas besitze ich aber einfach nicht. Klar war auch, dass kein Crosslauf mit der Schwierigkeit eines Ultras konkurrieren würde – der Untergrund würde zwar sicherlich keine Waldautobahn sein, aber von Fels zu Fels hüpfen musste auch niemand. Also entschied ich mich gegen meine Trailschuhe, da ich mir nicht vorstellen konnte, damit besonders schnell vom Fleck zu kommen. Stattdessen wählte ich normale Straßenschuhe, die am Vorfuß ganz leicht angeraut sind und hoffte auf das Beste.

Durch die letzten etwas wärmeren Tage, sah es nicht mehr nach Schnee aus. Es war jedoch einfach nur kalt. Wir waren etwas mehr als eine Stunde vorher am Sportzentrum Heusenstamm angekommen und wollten nochmal gemütlich die Strecke ablaufen. Mir war zu diesem Zeitpunkt schon so abartig kalt, dass ich das mit Daunenmantel tun musste, ehe ich meine Körpertemperatur, als „leicht angeheizt“ beschreiben konnte. Die Strecke an sich, machte mir weniger Angst. Selbst der Pfad im Wald war feinsäuberlich vom Laub befreit worden und die Wiesenhügel waren für mich, ohne zu rutschen, gut laufbar.

Etwa eine halbe Stunde vor dem Start ging von jetzt auf gleich ein Schneesturm los, der uns allen wirklich zeigen wollte, was er draufhatte. Ich glaubte ja wirklich noch daran, dass er einfach nicht liegenbleiben würde. Es sah zunächst danach aus, aber als die Temperaturen noch mehr sanken, standen wir auf einmal in einer weißen Winterlandschaft, mit dicken verwirbelten Flocken in der Luft und einem äußerst strengen Wind. Wie ich meine zwei Jacken ablegen sollte, ohne dabei zu erfrieren, war mir nicht ganz klar, aber was sein musste, musste sein und ich rannte ohne zu überlegen mit –Miriam– (instagram verbindet 😉 ) nochmal eine Runde auf der zugeschneiten Tartanbahn, sowie anschließend testweise über die Wiese, um zu überprüfen, ob meine Schuhe den Bedingungen überhaupt irgendwie gewachsen waren. Das funktionierte wenigstens halbwegs gut. Hüpfend und springend gesellten wir uns wieder zu –Georg– und –Tim-, während –Kurt Stenzel- noch amüsant die restlichen Läufer der Mittelstrecke abmoderierte und mit seiner Stimme das gesamte Gelände beschallte.

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(c) Thomas Guthmann

Wir wollten nur noch los. Dann endlich, schoben sich langsam alle Frauen der Langstrecke (3x 2,1km) an die Startlinie (die man jedoch nicht mehr sah). Kurt erklärte das Prozedere. Aber die Startklappe fehlte. Markus fehlte. Wir froren wie die Schneider. Ich zitterte von Innen heraus, fühlte mich irgendwie unterzuckert. Sah die Mädels in kurzen Hosen, die sich das bestimmt auch anders vorgestellt hatten. Dachte noch, dass ich so schnell gar nicht rennen kann, um eine kurze Hose zu kompensieren.

Einige wurden leicht ungehalten. Ich konnte das verstehen. Uns peitschte ein Gemisch aus Eiskristallen und Wind ins Gesicht, während wir quasi ungeschützt auf der großen Wiese standen, von einem Bein auf das andere hüpfend. Ich zog mir das Buff über Mund und Nase. Markus wurde ausgerufen – Minuten später sah man ihn dann doch auf uns zusteuern – die heilige Klappe in den Händen.

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(c) Thomas Guthmann

„Auf die Plätze, fertig…“

Und die Klappe klappte und wir rannten los wie abgestochen, wie Rugbyspieler, nur etwas leichtfüßiger, in zwei Reihen, nebeneinander her. Ich war völlig betäubt von diesem „Wind-Chill“ von dem jeder spricht, von den Mädels um mich herum, die mich einfach mitzogen und der Tatsache, dass wir am Ende der Wiese durch eine Öffnung im Zaun im Wald verschwinden mussten. Bis dahin musste zumindest irgendeine Reihenfolge erkennbar werden. Ich ließ die ersten drei überholen und sah wie die Spikes der anderen zupackten und ich mehr Kraft in meine eigenen Schritte stecken musste, als mir lieb war.

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(c) Thomas Guthmann

Spätestens nach ein paar hundert Metern, war das Gefühl, dass man auf ewig einen 3er Schnitt rennen kann, fast vollständig wieder verpufft und wich einem Keuchen. Und ja, das kam von mir. Ich ließ fünf Mädels vor mich ziehen und versuchte einfach dranzubleiben, während es auf einen Pfad ging, der das Wort „Singletrail“ tatsächlich verdiente. Gleich zu Anfang lag ein dicker Baumstamm quer über den Weg, den wir noch in Reih und Glied übersprangen. Dann zog sich das Feld leicht auseinander. Die drei Spiridon Mädels preschten weiter vorne weg, ein paar Meter zurück zwei weitere. Während ich das mit zusammengekniffenen Augen und einer Menge Schnee im Gesicht identifizierte, machte ich beinahe einen Überschlag, als ich auf eine glatte, vom Schnee bedeckte Wurzel trat. Danach folgten in sehr regelmäßigen Abständen noch mindestens drei weitere, bis ich aus dem Waldabschnitt herausstolperte und mich die ebenfalls eingeschneite Schaumstoffmatte auf dem Weg, zum nächsten Abschnitt, nochmal bremste, ehe es durch leicht sumpfig-matschigen Boden (der natürlich durch den Schnee verdeckt wurde), an ein paar Pferden vorbeiging (nein, ich bin nicht stehen geblieben und habe gestreichelt). Ich schmierte und stolperte zum nächsten Gatter.

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Ninja in the woods… (c) Thomas Guthmann

Ab diesem Punkt ging es dann endlich mal an „Höhenmeter“: quer und im engen Zickzack über Hügel hinauf und am Ende Vollspeed wieder herunter. Bei dem Schnee war mehr fliegen als laufen angesagt. Runde 1 war noch nicht mal beendet und ich schnaufte wie eine Lok. Der Weg führte mich zackig links und wieder nach rechts direkt auf eine Gerade ins Sandbad, was auch nochmal ziemlich Energie kostete. Danach kam der letzte, wirklich steile Hügel (der aber gerne noch hätte etwas länger sein dürfen), den man am Ende gekonnt oder ungekonnt, in drei Sprüngen hinunter laufen konnte. Ich bremste etwas ab, weil ich nicht wusste, ob der Schnee die Rückseite bereits in eine Eisrutsche verwandelt hatte. Meine Sorge blieb aber so gut wie unbegründet: immer noch laufbar!

Ich hörte Kurt die Läuferinnen vor mir ansagen und beeilte mich wirklich im Zickzack durch die rot-weißen Bänder zu kommen, um schnellstmöglich Runde 2 anzutreten. Auch vor mir machte er nicht halt. Ich sei ja eine so genannte Ultra-Läuferin und so eine Strecke wäre der reinste Kindergeburtstag, weil man ja nicht unter Bäumen hindurchkriechen muss und es kein doppelter Marathon sei. Dafür leider sehr viel schneller und ich somit rekordverdächtig schnell auf dem Weg zur Kotzgrenze. Da kam mir der fast einsame Rasen-Part fast recht, um mich kurz zu sammeln, ehe ich kurz vor dem Zaun wieder anzog, um erneut auf dem Singletrail einzubiegen. Ein kurzer Schulterblick: hinter mir gähnende Leere. Es war niemand zu sehen! Auch die Mädels vor mir verschwanden immer wieder aus meinem Sichtfeld. Also war ich mal wieder mit meiner „Alleingang“ unterwegs. Mir ist ein Rätsel wie ich das immer schaffe. Bei Ultras vielleicht noch irgendwie nachvollziehbar, aber bei Halbmarathons und Zehnern eigentlich recht schwierig. Ich schaffe es einfach immer wieder, entweder genau in der Mitte von zwei Feldern zu laufen oder das erste Feld als Letzte abzuschließen. Mega Motivation sich selbst weiterzupeitschen, sag ich da nur. Zumindest hatten sich mittlerweile meine Füße gemerkt, wo die trügerischen Wurzeln waren, sodass ich keine beinahe-Stürze mehr abfangen musste.

Ich hauchte dem einsamen Streckenposten am Ende des Trails, ein ernst gemeintes „Danke“ entgegen, denn er feuerte mich an und das war auch gut so. Mein Kopf war voller Schnee, meine Wimpern wie zwei Fächer ebenfalls total eingeschneit, sodass ich sie gefühlt alle zwei Minuten wieder freiwischen musste, um überhaupt noch zu erkennen, wo ich lang lief. Jedes Mal versuchte ich die besonders tiefen und schlammigen Stellen irgendwie zu umgehen, schaffte es aber nicht. Sah von Weitem die anderen bereits die Hügel hinauf hasten. Als ich dort ankam rutschte ich um die Kurve, musste stark abbremsen, um dann irgendwie bergauf wieder Fahrt aufzunehmen, nur um dann von weiteren Kurven und dem Sand gebremst zu werden, während die ersten Mädels gerade die letzte Runde antraten. Dafür kam ich den kleinen Downhill zügig herunter und lief endlich auch auf die Wiese. Kurt hatte nun auch festgestellt, dass ich gerade mein eigenes Rennen lief und kommentierte das natürlich entsprechend. Ich hatte fast keinen Blick mehr für Tim und Georg, freute mich aber dennoch, dass sie mich so anfeuerten.

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Auf dem letzten „Gang“ zum Zaun, wurde mir leicht übel. Mein Befinden schwankte ständig zwischen „Ich kann nicht mehr“ und „Ich kann noch schneller“. Diese große Diskrepanz machte mich irgendwie noch fertiger – der Schneesturm erledigte den Rest. Ein letztes Mal Baumstamm – den ich schon nicht mehr ganz so hoch überspringen konnte, ein letztes Mal den Streckenposten bedacht und ein letztes Mal den Gedanken, lieber Pony streicheln zu wollen, überwunden. Ich kämpfte mich durch den Sand, als wäre er ein Moor und danach lief es glücklicherweise wieder. Zumindest bis ich feststellte, wie ich mich durch die unzähligen rot-weißen Bänder bewegen musste, um zum Ziel geleitet zu werden und kurz wieder das Tempo anzuziehen, um als 6. Frau zu finishen.

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Kurt klatschte mich ab, Georg reichte mir einen warmen Tee und ich wollte einfach nur raus aus diesem Flockenmassaker. Die Lippen blau, Haare gefroren und der Rest klatschnass. Aber eigentlich mag ich das ja – mir ist das alles lieber als ein brütend heißer Sommer. Trockene Klamotten und einen Käsekuchen später, sah die Welt schon wieder anders aus. Zusammen mit Miriam feuerten wir die Männer an, die sich nun an die Langdistanz machten: 4x 2,1km und natürlich auch im Schneesturm.

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(c) Thomas Guthmann

Insgesamt ein wirklich gelungenes, toll organisiertes Event von –Markus Heidl– und mit Sicherheit nicht mein letzter Crosslauf – den nächsten dann aber vielleicht doch lieber mit Spikes!

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Kurt, Markus und Svenja (c) Thomas Guthmann

Noch ein ganz herzliches Danke an Thomas Guthmann, der eisern im Schneetreiben ausharrte und mir seine Bilder für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hat. Über -www.lauf-fotos.de– findet ihr übrigens alle Bilder der Veranstaltung!

–Jamie

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4 Gedanken zu “2. Heusenstamm Cross

  1. Hey Jamie, vielen Dank für den netten Bericht! Für nächstes Jahr bestelle ich wieder besseres Wetter, dass du die Pferde auch streicheln kannst ohne zu erfieren 😉
    Bis bald,
    Markus

    1. Hi Markus, lieben Dank! Ach, das Wetter war eigentlich ganz witzig, das darf nächstes Mal gerne wieder so sein, nur dann stehe ich wahrscheinlich mit anderen Schuhen am Start 😀
      Pferde streicheln verschiebe ich dann lieber auf nach dem Rennen, auch wenn es schwer fällt 🙂

      LG,
      Jamie

  2. Super durchgekämpft! Vor allem so auf’s Tempo zu drücken ist nach all den langen und hügeligen Einheiten garnicht mehr so einfach, muss aber eben auch ab und an mal sein.
    Und bald hälst du bestimmt auch ganz vorne den Anschluss, egal über welche Distanz

    1. Danke! Ja, beides unter einen Hut zu bekommen ist nicht so einfach und so ein Ultra hängt einem irgendwie länger nach, was das Tempo betrifft, als ich das dachte. Aber bin ja auch schon wieder am dran-weiterarbeiten und auf-der-Bahn-quälen und so 🙂 Und: dein Wort in meinem Gehörgang!

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