Spontan, spontaner…JUNUT (7.04.2018)

Was soll ich sagen. Bin ich vernünftiger geworden? Jein. Hab ich aus meinem spontanen, allerersten Ultra auch nur ansatzweise etwas gelernt? Auf jeden Fall! In erster Linie das wahrscheinlich einzig Wichtige: ich will weiter jenseits der 40, 50 und auch 70km unterwegs sein. Gekostet hat mich das eigentlich nur die ein oder andere Kalorie und vielleicht ein Stück Verstand.

Der JUNUT
…stand schon lange in meinem Kalender, aber nicht als Starter, sondern als Supporter. Was beim HURT100 mit Georg bereits gut funktioniert hatte, sollte sich nun von Freitag bis Samstagnacht wiederholen. Er war für die 170km Bambinidistanz gemeldet. 239km blieben für all jene, die den kompletten Jurasteig unter die Trailschuhe nehmen wollten. Und dann gab es da noch die Ladies Edition. Wohl einmalig in dieser Geschichte. Ein Kindergeburtstag auf 100km. Immer wieder erreichte diese Information mein Ohr und nistete sich ein, in meinem Kopf, der eigentlich wusste, dass der Trainingsplan für diese Woche eigentlich schon fixiert war. Der ebenfalls wusste, dass ich genau einen Monat zuvor bereits einen Ultra gelaufen war, dann eine Woche krank war und nur langsam wieder ins Training hinein gefunden hatte, bis ich erneut von heute auf morgen von Allergien und Asthma ausgebremst wurde. Buchstäblich. Ein 10er in Rodgau, über den ich nicht mal mehr bloggen wollte, weil außer schniefen und husten nicht viel passiert ist.

Plan A
Auf der Fahrt nach Dietfurt arrangierte ich mich mit dem Gedanken, vom zu betreuenden VP in Kastl, bei Km 170, die dort ankommenden Läufer bis zur nächsten VP zu begleiten und wieder zurück zu laufen. Immer und immer wieder, bis mir die Lust verging. Georg würde nach seinem Finish um etwa 13 Uhr dazustoßen und ebenfalls supporten.

Stichelnde Bemerkungen von Herrn Kunzfeld, wie „Du wirst es bereuen, wen du die 100km nicht mitläufst“ und „..aber ne, das kannst du nicht bringen, bist ja zum supporten da“, machten mich mehr als konfus.

Nach dem traditionellen Briefing setzte ich nochmal an:
„Am Samstag 100km zu laufen, wäre ziemlich dumm, oder?“
„Aber hallo!“

Ich spürte genau, dass ich trotzdem unendlich große Lust bekam, selbst zu starten. Ich war schon soweit, dass mir nur jemand dahergelaufenes einen Freibrief zurufen musste und ich hätte sofort „hier!“ geschrieen. Das Thema wurde nochmal beim Abendessen gründlich durchgekaut, wobei ich dann aber selbst zu dem Schluss kam, dass mir niemand anders die Supporting-Aufgabe abnehmen konnte. Somit beerdigte ich die fixe Idee wieder.

Freitag, 14 Uhr.
Nur noch eine Stunde bis zum Start der 170km. Georg und ich im Laufdress – meine Wenigkeit hatte sich entschieden, die Starter mindestens 20km zu begleiten. Sonne satt, kurze Hosen und die Stimmung auf dem Höhepunkt. Jeder kennt irgendwie jeden (nur ich nicht 😉 ) und ich musste mir öfter die Frage gefallen lassen, warum ich nicht selbst mitlaufen würde.

Spätestens als das Thema erneut von Tobi und Gregor erörtert wurde und ich wieder die Supporter-Karte ausspielte, diese aber doch kein richtiger Grund zu sein schien, schickte mich Georg fast schon entnervt zu Gerhard, der als Racedirektor das Sagen hatte.

„Ich hätte da mal so eine fixe Idee anzumelden…“
Die fixe Idee wurde für gut befunden, sofern Georg tatsächlich um 13h in Kastl aufkreuzen würde, was bedeutete, dass er die 170km in etwa 23 Stunden laufen musste. Ehe ich wusste wie mir geschah, bekam ich einen Tracker in die Hand gedrückt, sowie eine improvisierte Startnummer und stotterte meine Handynummer entgegen. Sogar eine Stirnlampe bekam ich geliehen. Da stand ich also, freudig und fassungslos zugleich. Ich kürzte meinen aktuellen Plan von 20 auf 2 Kilometer und konnte bei Georgs Start direkt mal meine Beine testen: alles ganz okay!

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(click to watch Georg’s start)

Dann wurde mir gewahr, dass ich meiner Spontanität zum Opfer fiel: kein Trailrucksack für so eine lange Tour, keine passende Verpflegung und nur eine 250ml Softflask. Keine Regenjacke, keine Rettungsdecke. Lediglich Basics, wie ein Merinoshirt, ein kleiner Rucksack, ein zufällig gegriffenes paar Trailschuhe und meine geliebte NB Laufjacke, waren das woraus ich mir eine Ultra-Ausrüstung basteln konnte.

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Rucksack und Dropback mit Ersatzshirt, Jacke und Powerbank

Die Sache mit der Ernährung versuchte ich mir einfach schönzureden. Zeitgleich konnte ich auf Georgs Familie zählen: Gertrud sprühte von soviel Herzlichkeit und Supporter-Geist, dass sie sich extra auf die Suche nach meinen speziellen Riegeln machte. Letzten Endes wurden daraus dann normale Müsliriegel, mit nicht mal 100kcal pro Stück – aber der Topf Reis am Vorabend hat mich das direkt wieder vergessen lassen 😀

Wie man aus 4 Liter Volumen, 12 Liter macht
…weiß ich auch nicht mehr so genau. Das was ich in diesen Rucksack hineinprügelte, war eigentlich gar nicht möglich: Softflask, eine 0,5L Flasche, die Jacke, 9 Riegel, Handy, Asthmaspray und Tabletten, iPod, Tracker, Taschentücher, Stirnlampe und Geld. Ich entschied mich mit Armlingen und langer Hose zu laufen, denn morgens und nachts war es noch empfindlich kalt.

Samstag, Schmidmühlen
Da stand ich also, kurz vor dem Start und erklärte meinen Mitstreiterinnen und dem Rest im VP Schmidmühlen erstmal, dass ich mich nur einen Tag zuvor, auch dazu entschieden hatte 100km zu laufen. Ich wurde zunächst von oben bis unten gemustert und dann doch für tauglich erklärt: „Du siehst fit aus!“

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(c) http://www.junut.de

Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich den Track starten konnte und er nicht einfach, wie beim letzten Ultra, plötzlich nicht mehr auffindbar war. Um Punkt 10 Uhr ging es los. Zusammen mit Elke lief ich über eine Straße und hatte zunächst leichte Wegfindungsprobleme, wodurch ich mich immer mal wieder bei ihr absichern musste. Nach weiteren 3 bis 4 Kilometern, klappte das Zusammenspiel zwischen den Jurasteig-Wanderweg-Markierungen und der Wurmnavigation auf meiner Uhr und damit hatte ich dann auch meine Damen hinter mir gelassen, sah und hörte niemanden mehr, während ich über die märchenhaften Singletrails kurvte, hochzufrieden und mit einem Glück erfüllt, welches nur das Laufen schafft.

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(c) http://www.junut.de

Immer wieder war eine falsche Abbiegung dabei, die mich ein paar Meter extra laufen ließ. All das registrierte ich aber nicht so wirklich, denn die Sonne wärmte meine Haut, ich krempelte mir die Hose über die Knie und fing sogar nach 7km mit dem Essen an. Da merkte ich aber auch, dass so ein Riegel ganz schön schnell verpuffte. Zum Glück hatte ich mir am VP noch zwei weitere, sehr gehaltvolle Haferriegel eingepackt, die mir das Überleben sichern sollten. Ich ignorierte von Anfang an das in den Untiefen aufkommende, leicht flaue Gefühl im Magen und sagte mir, Energie ist Energie, du musst sie nur aufnehmen.

Ich war so entspannt angelaufen, dass es immer lockerer wurde, ich würde sogar von beschwingt sprechen. Alle Mimimis waren ganz weit weg – selbst die restlichen Erkältungsblässchen schienen kleiner zu werden. Ohne Druck erreichte ich nach etwa 15km den ersten VP: „Du bist ja hierher geflogen! Sieht sehr, sehr locker aus!“

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Lei(d)tplanke zum VP Hohenburg (c) http://www.quackensturm.de

Etwas irritierend war, dass ich über eine Leitplanke steigen musste, um eine Straße zu queren und eine Böschung herunter musste, ehe ich den sagenumwobenen Kartoffelbrei probieren durfte, den mein Magen zu tolerieren hatte, sich gefühlt aber leicht zierte. Glücklicherweise wies ein Schild zumindest auf die Richtung hin.

Ich traf auf den Zweitplatzierten, Stephan, der 239km Strecke, sodass es mehr oder weniger gemeinsam, wieder den Hang hinauf, über die Singletrails ging. Recht bald hatte das ganze eher etwas von Urlaub: der Jurasteig ist gesamt gesehen einfach wunderschön und abwechslungsreich: federnde Singletrails, Kiefernwälder mit teilweise Abschnitte die mehr toskanisches Flair hatten, als ein Deutschland, welches gerade erst den Winter überlebt hatte.

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(C) http://www.oberpfaelzer-seenweg.de/vom-jurasteig-zum-goldsteig.html

Weiter ging es für mich, nunmehr mal wieder alleine, etwa 20km nach Kastl zum nächsten VP. Ich hatte ständig das Gefühl, unter Energiemangel zu leiden, sodass der erste hochkalorische Riegel schon bald der Vergangenheit angehörte. Dennoch hatte ich meinen Schritt gefunden und riskierte nichts, was meine Beine mehr beschädigt hätte, als nötig: sobald der Uphill zu belastend wurde, ging ich. Wer wusste was noch kommen würde, denn ich war auf eine solche Distanz nicht eingestellt. Der Pfad schlängelte sich, es ging auf und ab, manchmal etwas technischer, dann wieder flowig. Temperaturen: warm bis sehr warm. Einmal lief ich ausversehen in einen der blau markierten Schlaufenwege, sah aber laut Track auch keine andere Möglichkeit mehr, um wieder auf die richtige Strecke zu kommen. Manchmal erschien es wie verhext, vor allem, wenn es immer mal wieder durch Dorf und Feld ging. Nicht selten musste ich quer über den Acker laufen, um wieder auf die Spur zu kommen. Sehr schnell standen die ersten Extrakilometer auf der Uhr. Insgesamt war es aber kein frustrierendes Verlaufer-Gefühl, sondern ein recht fluffiges Erlebnis.

Schon leicht verstrahlt lief ich gegen 14h in Kastl ein. Georg war schon da und ich freute mich echt ihn zu sehen! Mir ging es immer noch gut, sodass ich nichts aß und nur meinen Riegelvorrat aufstockte: Haferriegel mit Apfel-Zimt-Vanille und Brasil-Nuts ließen mein Herz in diesem Moment höher schlagen. Alles an Getränken war vorhanden, nur das Wasser fehlte. Also irrte ich recht aufgeschmissen durch die Hotelgänge, schielte doch etwas neidisch auf die Finisher der 170km, geriet in irgendeine Sauna, fragte nach Wasser oder Toiletten, fand aber viel zu lange einfach keine, was mich mehr Nerven kostete, als wenn ich mich einfach auf dem Trail verlaufen hätte. Irgendwann hatte die Suche aber ein Ende und Georg konnte mich wieder hinauf in den Wald schicken.

Ein Weg am Waldrand mit groben Schotter und roten Tonscherben, brachte mich etwas aus dem Tritt – es war einfach mühseliger zu laufen als die schönen Singletrails – spätestens im Wald war das aber wieder vergessen. Wie sooft erwartete ich den Moment, an dem man die Belastung der Beine etwas spüren konnte, mit einer gewissen Ehrfurcht. Richtige Probleme stellten sich jedoch nicht ein – die Belastung war ganz klar nach ca. 35km spürbar und auch der Magen wurde immer mehr zur Prinzessin auf der Erbse, aber all das hielt mich keineswegs von einem konstanten Tempo ab.

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(C) http://www.kompass.de

Die Softflask war recht schnell leer, sodass ich umständlich hinter mich greifen musste, um an meine Wasserflasche zu kommen. Alles weitere ist wie mit den Poles: hat man sie erstmal ausgepackt, packt man sie auch nicht mehr ein und trägt sie all die Kilometer mit sich herum. Und dann ausgerechnet ich, die es noch nicht einmal verkraftet, den Haustürschlüssel bei einem 45min-Lauf in der Hand zu halten. Was hätte ich um eine Handbottle gegeben! Irgendwie verschmolzen die PET-Flasche und ich dann doch zu einer Einheit, bei jedem Schritt gluckernd, Kilometer um Kilometer, bis über die Marathonmarke hinaus. Wieder auf dem freien Feld, musste ich einen Traktorfahrer darum bitten, mir die richtige Richtung nach Habsberg zu weisen, den ich jedoch wegen seinem Slang kaum verstand. Da stand ich also, mitten auf dem Feld im Acker, neben dem Traktor und erklärte mich mit Händen und Füßen. Erst als er den Traktor ausmachte und begriff, dass wir mehr als nur ein paar Kilometer liefen, zeigte er in die Richtung in die ich laufen musste. „Ihr seid doch irre!“

Kurz vor Habsberg kam ich Downhill ins Straucheln, dann ins Stolpern, fing mich drei Mal wieder und verbog mir dabei die Zehen so sehr, dass ich kaum mehr weiterlaufen konnte. Manchmal ist es einfach besser, wenn man nicht in das Schicksal eingreift 😛

VP Habsberg
Und dann sah ich irgendwann den VP schon auf der Uhr markiert, vor mir. Ein wenig kraftlos war ich, das Wasser so gut wie leer, Energiespeicher auf einem Minimum. Dann nochmal ein kleiner Umweg, bis ich verstand, dass ich sehr viele Steinstufen hinaufsteigen musste, ehe ich einen Stopp einlegen durfte. Ich nahm die Treppe halb rennend und gehend, als mir plötzlich die VP-Verantwortliche entgegen kam, sogar mit Hund 🙂 Sie war ihrem Gefühl nachgegangen, einfach mal zu schauen, ob da nicht mal wieder jemand angelaufen kam. Und das war total in time!

Mich erwartete ein perfekt aufgebauter VP im Vorraum eines Restaurants. Erst kippte ich ohne nachzudenken eine Apfelschorle herunter und dann machte ich mich über zwei große Kartoffeln mit viel Salz her. Langsam kippte in mir körperlich etwas und der Apfelsaft war wahrscheinlich genau das, was das Fass buchstäblich zum Überlaufen brachte. Mindestens zehn Minuten verbrachte ich im VP, versuchte wieder Energie zu tanken, während andere Gäste draußen in der Sonne saßen und ein Akkordeon-Spieler an mir vorbei lief. Alles etwas surreal, aber das ist eben Ultra (so wie ich ihn mag).

Nur eine Minute, nachdem ich auf dem nächsten Downhill stand, fing der Apfelsaft an, sich selbstständig zu machen. Die nächsten drei Gebüsche waren die meinen. Ich fing an auf Reserven zu laufen, denn ich war komplett leer. Ununterbrochen versuchte ich immer wieder Stücke vom Riegel abzubeißen, diese blieben mir jedoch maximal eine halbe Stunde erhalten. Ich lernte aber auch, mich mit diesen 30 Minuten zu arrangieren und konnte dieses Tief überwinden. 22 Kilometer bis nach Deining lagen vor mir und plötzlich hatte ich keine Ahnung mehr, wie ich mit knapp einem Liter Wasser, bis Kilometer 65 überleben sollte.

Unterwegs begegnete ich wieder ein paar von der langen Strecke – gemeinsam verliefen wir uns im Gestrüpp und das Unterfangen endete damit, dass wir einen Steilhang hinauf kletterten, um wieder auf den Track zu kommen >.<

Über schier endlose Felder ging es stetig immer weiter hinauf. Jedoch war das nichts, was mich besonders abschreckte. Ich wusste, dass ich sowas mittlerweile mental gut abkann und seit dem Schneewittchen-Trail hatte ich die Sicherheit, dass ich das alles rennen konnte, ohne meine Beine nachhaltig zu zerstören. Wer schneller läuft, ist eher da oder so… Unterdessen rief mich sogar meine Mutter auf dem Handy an, sie wusste nichts von meiner Spontanaktion, was dann aber doch für etwa 40 Minuten Gesprächsstoff sorgte und ich es schrecklich erfrischend fand, einfach mal ganz normale Stories zu hören, denn ich war viel zu lange mit mir allein gewesen. Dann rief auch noch Georg an, um sich erst nach dem Verbleib seines Ladekabels und dann nach meinem Zustand zu erkundigen… 😀

Wie eine Fatamorgana
…tauchte auf einmal oben an einer Kreuzung des Feldweges, ein Camper vor mir auf. Ein netter Typ grüßte mich und es stellte sich heraus, dass er auch zum JUNUT gehörte. Ob ich etwas bräuchte? Zum Glück hatte er eine weitere Plastikflasche für mich parat, mit irgendeinem wunderlichen Koffeinpulver darin. Recht schnell bekam ich wieder Flügel verliehen. Eine Ampulle „Activator“ (ebenfalls Koffein) machte mein Herz zu dem eines Duracell Häschens. Ich hatte das dringende Bedürfnis, nur noch Flüssignahrung zu mir zu nehmen, aber das Zeug aus der Flasche war einfach nicht genug, aber ich konnte keine Riegel mehr sehen. Ich rannte noch bis zum Dorfrand und ließ mich dann im Schatten der Bäume erstmals auf den Boden sinken. Es war deutlich anstrengender geworden und mein Magen fing an sich zu drehen. Ich blieb so lange sitzen, bis ich ein Viertel meines Riegels heruntergewürgt hatte. Alles was ich wollte war Salz, aber das hatte ich nicht.

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(c) junut.de

Wieder im Wald
…hoben Märchentrails auf Kiefernadelbetten und Sandpfade meine Stimmung enorm. Ich rechnete die Kilometer herunter und kam zu dem Schluss, nur noch 2 bis 3 vor mir zu haben und wollte diese ohne Riegel meistern, um im nächsten VP etwas salziges zu essen.

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Die Hoffnung: Kilometer 62 (click to watch)
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Forever alone (click to watch)

Als ich jedoch über eine Wiese lief und dabei den Track herauszoomte, sah ich, dass das nicht stimmen konnte. Es waren laut Maßstab 5 Kilometer mehr, was mich zunächst zur Verzweiflung trieb. Eigentlich nicht die Welt, aber in diesem Moment sah ich den Untergang vor mir. Mir war mehr als übel und dennoch wusste ich, dass ich den Riegel doch noch weiter anknabbern musste.

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Die Erkenntnis (click to watch)
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(click to watch)

Irgendwie stolperte ich über ewige matschige Felder, den Fluss entlang, zum nächsten VP in Deining – meine Uhr zeigte knapp 69km. Ich ließ mich im Wirtshaus in der Küche auf einen Stuhl sinken und merkte wie mir Tränen in die Augen traten, einfach, weil ich so fertig war. „Bist du die Jamie? Hier wurde was für dich abgegeben!“ Man reichte mir einen kleinen Plastikbeutel mit meinem Namen und einem Herz darauf: eine Packung Maurten und eine Stirnlampe waren darin. Ich schluckte meine Tränen herunter und versuchte das Tief und den Zusammebruch meines Kreislaufs zu bekämpfen. Der Wirt bot mir an, Spaghetti zu kochen. Eigentlich wäre das perfekt gewesen, aber ich wusste, ich hätte fast alles stehen gelassen. Also probierte ich es mit Cola, alkoholfreiem Bier und Maurten. Mir war trotz der Wärme des Raumes unfassbar kalt, ich zitterte am ganzen Körper. Mir war kotzübel und ich spürte, dass es lange dauern würde, bis ich wieder fähig war, die nächste Etappe anzutreten. In mehreren Anläufen, fing ich an mich für die Nacht zu preparieren. Ich fischte mein Ersatzshirt aus der Dropbag, zog mir die Jacke an, krempelte die Hose wieder herunter und nagte an einer Scheibe trockenem Brot. Es war kurz nach 19 Uhr.

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„Kommt denn niemand mehr nach mir?“
Tatsächlich, waren die anderen Läufer nach Tracker, mindestens noch fünf Kilometer hinter mir. Ich wünschte mir so sehr jemanden an meiner Seite, denn ich war gefangen im Tief, aber war mir dessen bewusst, sodass ich es fertig brachte, wieder aufzustehen. In meiner Hand zwei Scheiben Brot, in der Brusttasche zwei Activator. Nach nur 200m war ich schon wieder lost – ich brauchte lange, um den Einstieg in die Natur wieder zu finden. Sehr nervig, wenn man für sowas eigentlich keine Kraft mehr hat. Lange Holzstege führten über das Gewässer zurück auf die Wiesen, immer am Fluss entlang, vor mir die untergehende Sonne. Ich saugte alles Schöne ein, konzentrierte mich auf den nächsten VP.

Nur noch 22km bis Holnstein
Wer rechnen kann, wird schnell herausfinden, dass ich am Ende 107 Kilometer auf der Uhr stehen haben würde. Zu viele Verlaufer, zu viel Hin und Her. Mir begegneten Mountainbiker, als ich wieder in den Wald lief und es plötzlich stockdunkel wurde. Nun sah ich aber die mit Reflektoren markierten Bäume und tat mich mit der Navigation leichter, weil es nun möglich war, aus der Ferne den weiteren Verlauf auszumachen. Dann die Ernüchterung – Garmin meldete: Akku schwach. Ich hatte nichts zum Nachladen dabei, sah die Tatsache aber als Ansporn, nicht zuviel zu wandern und mehr zu rennen.

Laufen, Gebüsch, laufen, Gebüsch…
So und nicht anders gestaltete sich die Strecke für mich. Ich überlegte mir schon mal für den Notfall, wie ich vorgehen würde, wenn ich der Ohnmacht erliegen würde. Mir war nämlich auch bewusst, dass ich an einen Punkt gelangt war, welcher kein Tief beinhaltete, welches ich hätte überwinden können. Im Zickzack lief ich über die laubigen Wurzeltrails, beobachtet von funkelnden Tieraugen. Der Schwindel hatte mich fest in der Hand und es gab kein Entkommen. Dann verlief ich mich erneut, lief einen Umweg über Felder, ehe ich über einen fiesen Downhill wieder auf den Track gelangte. Ich hatte wahrlich keinen Spaß mehr, aber ich musste es einfach zu Ende bringen, wenigstens bis zum nächsten VP. Dann schickte mir der Ultragott noch eine echt bescheidene, sehr lange Rampe, sodass ich dachte ich krepiere. Zu meinem Glück und gleichzeitiger Überraschung, standen am Ende eine Hand voll Menschen mit Bier in der Hand, die meinen Namen riefen, weil sie mich schon über den Livetracker hatten kommen sehen. Das gab mir die Sicherheit, weiterzumachen, da ich wusste, im Notfall könnte ich einfach umdrehen und abrechen.

Kilometer 82 bis 91
…waren buchstäblich zum Niederknien. Immer wieder musste ich stoppen, mir war so elend, ich aß, obwohl ich nicht konnte, bis ich in einem Dorf ausgespuckt wurde, etwa drei Kilometer vor Holnstein. Ich ließ mich auf eine Treppe vor einer kleinen Kirche fallen. Ich hatte noch ein paar Optionen: heulen, Georg anrufen, im Notfall einfach irgendwo im Dorf klingeln und mich retten lassen.

Mein Selbstmitleid war unermesslich. Ich heulte auf, meine Atemwolke zitterte im Schein meiner Stirnlampe, ich legte meinen Kopf auf die Knie. Warum laufe ich eigentlich? Warum will ich das? Ja verdammt, warum eigentlich?

Auch Georg hatte mir nicht mehr so viel zu sagen. Wir beide wussten, dass es klar war, dass es hart werden würde. Hart war die eine Sache, ich wusste nur, dass es diesmal keinen Plan B gab, es gab keinen Shortcut mehr, keine Überlistung des Körpers. Mir war bewusst, ich würde demnächst aussteigen. Noch bewusster war mir, dass es eiskalt war. Null Grad. Ob ich es wollte oder nicht: ich musste weiter.

Drei Höllenkilometer
Einer führte wahllos über irgendein sumpfiges Feld, auf dem ich zwischen Schilf und Morast wieder die Orientierung verlor und letzten Endes bis zur Wade in irgendeinem saukalten Schmodder steckte, aus dem ich mich laut schimpfend und heulend wieder befreite. Die restlichen 1,5 Kilometer rannte ich. Fragt nicht wie, aber ich rannte sie. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass ich dann ja eigentlich noch die restlichen 16 bis ins Ziel anhängen könnte, wenn ich dem noch mächtig war. Doch das war eher ein Aufbäumen und ohne weitere Energie würde ich das nicht durchhalten. Die Sache mit dem Essen hatte sich schon lange erledigt, ich war so leer wie nach einer Magendarm-Grippe. Meine Uhr hatte noch 10 Prozent Lebensdauer. Ich sah keine Chance es bis ins Ziel zu schaffen und schleppte mich den Anstieg bis hoch zum VP, durch Baustellenzäune bis ins Innere.

Fünfzehn Minuten später verkündete ich meinen Entschluss, stoppte die Uhr, heulte nochmal, aber wohl eher auch vor Erleichterung. So spontan dieser Ultra war, so spontan beendete ich ihn auch und niemand konnte mich mehr überreden. Für mich hing nichts davon ab, auch wenn ich meinen Mädels mindestens über 2 Stunden abgenommen hatte und eigentlich hätte gewinnen können. In diesem Moment war mir das aber völlig gleichgültig. Ein gewisses Maß an Qual gehört dazu, aber in diesem Moment war das überschritten. Selbst nach über einer Stunde fing ich mich nicht mehr. Trotz Decken zitterte ich noch immer. Gertrud holte mich ab und die 30 minütige Rückfahrt ins Hotel nach Kastl, war fast schlimmer als die letzten Kilometer. Mir war so verdammt schlecht, dass ich mich wenig später wieder übergeben musste.

Das hatte sich zum Glück im Verlauf des nächsten Tages irgendwann wieder und aus dem Gefühl des Versagens, wuchs ein Gefühl der Zufriedenheit: noch nie in meinem Leben war ich einfach mal so aus dem Training heraus über 90 Kilometer gelaufen, es war sogar bisher die größte Distanz mit dem meisten Spaß und Gefühl der Leichtigkeit. Das konnte mir dann auch nicht mein aufgeriebener, blutiger Rücken madig machen, auch wenn ich unter der Dusche fast geschrieen hätte (das zum Thema, spontane Aktionen, mit spontanen Klamotten, machen spontanes Aua). Die Beine haben es aber richtig gut weggesteckt, sodass ich bereits nach 3 Tagen wieder laufen konnte, als wäre all das gar nicht passiert.

Damit ihr seht, was ihr eventuell verpasst habt, schaut euch dieses coole Video an

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click to watch (c) Matthias Börner

 

Und eins steht fest: ich komme wieder, nur nicht mit ganz so viel Spontanität und dann auch auf der nächst-längeren Strecke! Danke an Margot & Gerhard Börner für das Möglich-machen meines Spontanstarts – das war eine super Aktion! Das gesamte Team rund um das Event war wirklich für jeden einzelnen Läufer da und da ist es wirklich nicht übertrieben, wenn sich das ganze „Familie“ schimpft 🙂

— Jamie

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4 Gedanken zu “Spontan, spontaner…JUNUT (7.04.2018)

  1. Liebe Jamie,
    ich denke DU hast richtig entschieden, wer weiß, was Du auf den verbleibenden Kilometern an Schäden an Deinem Körper riskiert hättest. Mental war es ja auch ein absolutes Tief, ich habe mitgelitten. Aber Dein letzter Absatz stimmt mich doch versöhnlich, denn wer wieder so was angehen will, hat durch seine Erlebnisse keinen Schaden genommen, sondern Stärke gewonnen 😉

    Salut

    1. Lieber Christian,
      schön, dass du das auch so siehst. Ich bin da mittlerweile etwas entspannter geworden, da ich weiß, dass noch viele Läufe und Ultras kommen werden und ich deshalb nicht auf Biegen und Brechen die magische 100km Grenze überschreiten muss 😉 Mental war das eine harte Kiste, aber das kann ich (mit zunehmender Erfahrung) immer besser ab, bzw. einfach objektiv „zur Seite schieben“. Der limitierende Faktor war ganz klar die Physis.

      Ich habe in der Tat bloß einen positiven Schaden davon genommen und du hast da ganz recht, solche Erfahrungen machen in der Regel stärker und geben den Mut für neue Abenteuer. Es ist schön von sich selbst zu wissen, zu was man in der Lage ist und es erfüllt mich regelmäßig mit Zufriedenheit und Dankbarkeit – selbst auch auf ganz kurzen Strecken. Laufen ist einfach etwas Erfüllendes was ich nie wieder missen möchte 🙂

      Liebe Grüße,
      Jamie

  2. DU bist doch echt verrückt. Im positiven Sinn.
    Und Aufgeben ist keine Schande – erstaunlich, dass ich das schon wieder schrieben kann 😀
    Du kommst gewiss stärker zurück und wirst dann eine Menge Spaß haben!

    1. Ich hab zwar gedacht, ich wäre geheilt, was Spontanstarts betrifft, aber es gibt einfach viel zu viele verrückte Mitmenschen die einem Flöhe ins Ohr setzen und mittlerweile bin ich ja selbst der Ansicht, ein 50er geht immer und noch ein 50er drauf vielleicht auch… Machen wir es kurz: ich hatte wahnsinnig Lust (lange) zu laufen und bin dem einfach nachgegangen.

      Die wirklich großen Abenteuer kommen ja noch, daher wollte ich mir den Weg dahin nicht schon so früh verbauen und bin ausgestiegen. Qual gehört zum Spaß ganz sicher auch dazu, aber eben alles im „vernünftigen“ Maß (obwohl ich nicht weiß, ob das Wort „vernünftig“ hier überhaupt verwendet werden sollte 😀 ). Danke dir für deinen Kommentar! Habe eben nämlich auch deinen Bericht gelesen.. 🙂

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