Keufelskopf-Ultra (19.05.2018)

Einmal K-UT, immer K-UT. Diesmal jährte sich mein dritter Start, obwohl ich bei den vorigen immer sagte: „Das machst du nicht wieder.“ Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Und es war ja das 10 jährige Jubiläum des K-UT. Unterwegs hörte ich immer wieder etwas von Läuferdemenz… Ich glaube wir haben den Schuldigen!

Dann waren da die Déjà-vu’s. Dem Kollegen sagen, man ist für heute raus, da man noch etwas vorschlafen und Kekse backen will. Um 22 Uhr wieder wach sein und kurz überlegen, ob man nicht doch durch macht, nach einer gefühlten Ewigkeit aber doch wieder einschläft. Der Wecker, der erbarmungslos um 1:15h zum Aufstehen ermuntert. Der erste Kaffee nachts um halb 2. Ich habe es tierisch drauf meinen Körper zu verscheißern. Aber spätestens dann, wenn man im Auto sitzt und Richtung Frankfurt fährt, um eine Fahrgemeinschaft mit Silvan zu bilden, merkt man, dass man durch den Kaffee nicht nur wieder pinkeln muss, sondern auch, dass es definitiv Nacht ist.

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Und wo war eigentlich Georg? Der hatte sich nach vielem Hin und Her doch dazu entschieden, den ersten Double-K-UT zu laufen – falls noch jemand vor ihm auf die Idee käme 😀 Also telefonierten wir immer mal wieder mit ihm und erfuhren die News vom Wald: eine schreiende Wildschwein-Herde und meter-hohes Gras. Um kurz nach 3 hatte er Kilometer 72 erreicht und wir drückten die Daumen, dass er es noch vor dem regulären Start schaffen würde.

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In Reichweiler angekommen, traf ich viele bekannte, aber auch neue Gesichter. Allergietabletten wurden eingeworfen und ich fing an mir mein Porrdige reinzudrücken. Ja, ich war nervös. Nervös, welchen Verlauf der Wettkampf diesmal für mich nehmen würde. Um kurz nach halb 6 stand Georg plötzlich mitten im Raum – er hatte es geschafft! Zumindest für’s Erste.

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Außer meine 6 Kekse, 3 Haferriegel und ein Ziploc mit 150g Reis, hatte ich nichts dabei. Versorgungstechnisch ist es wie immer: autonom. Vier Wasserstationen gibt es, mit der Möglichkeit, seine speziellen Getränke zu deponieren. Ich hatte 3x Maurten und eine Flasche Cola dem „Versand“ aufgegeben. Dabei unterlief mir ein Logik-Fehler, der schon bald eine Rolle spielen würde.

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(c) Marcus Luksch

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Mit 1,5 Litern Wasser auf dem Rücken und einer leeren Softflask mit Xenofit-Pulver darin, begab ich mich langsam Richtung Bühne. Eric hielt seine obligatorische Rede, mit der Essenz, dass es eigentlich keine Notfälle gibt, solange der Kopf noch dran ist und so… 😉 Eine Neuerung gab es auch: jeder war im Besitz einer mini Startnummer, die als Kontrolle des tatsächlichen Starts diente und auf den ersten Kilometern irgendwo in eine Box geschmissen werden musste.

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Wie es der Zufall so will, traf ich Stephan und Christian die sich die 46km antun wollten

6 Uhr – Start
Das erste Feld stürmt los, als würde es sich um einen 10er handeln… und ich irgendwie hinterher, wie immer nach dem leichten Anstieg über die Wiese, in noch sehr frischer, morgendlicher Kühle. Immer wieder schaue ich auf die Uhr. Diese Box musste doch nun langsam mal kommen? Wir queren eine Straße. Ich schaue kurz nach rechts in die Wiese. Dort stehen zwei Personen, die ich als Helfer interpretiere, im hohen Gras. Auf der anderen Straßenseite, winkt mich der Helfer freundlich weiter, über die Straße. Wir verschwinden auf einem sehr schmalen Singletrail, der sich windet und relativ steil ist. Ich nehme ihn größtenteils im Laufschritt. Habe dabei die kleine Nummer in der Hand und werde langsam unsicher, erhöhe das Tempo, laufe auf und frage einen Läufer vor mir, wann die Boxen denn kommen?

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(c) Marcus Luksch

„Die sind schon vorbei!“
Mein Magen zieht sich zusammen. Ich mache auf dem Absatz kehrt und versuche an der Masse an Startern, den engen Singletrail als Downhill zu nehmen. Schiebe mich vorbei, bleibe an Bäumen und Gestrüpp hängen, stolpere, schlittere..renne und beantworte zwischendrin noch eine Menge fragende Gesichter. Dann halte ich nur noch die kleine Nummer hoch, als sei sie mein Freifahrtschein für das was ich da gerade tue. Kurz vor der Straße treffe ich den allerletzten Läufer: „Die Boxen sind schon wieder abgebaut!“

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(c) Marcus Luksch

Entsetzen macht sich bei mir breit
Ich drehe um, frustriert und fast schon verzweifelt. In diesem Moment bin ich die letzte Läuferin. Ich aktiviere meinen Mp3-Player und nehme die Beine in die Hand, überhole wo ich kann, schiebe mich Schritt für Schritt vorbei, bis ich wieder auf einem normalen Pfad bin, dann auf einer Wiese. Laufe unter 5 wann immer es ging. Alles das, was man nicht tun sollte, wenn man noch mindestens 80km vor sich hat.

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(c) Marcus Luksch

Ich versuche zu verdrängen, dass dieser Abschnitt für die Katz‘ war und ich weiß genau, dass ich mich wieder besser fühlen würde, wenn ich wieder einigermaßen auf Position war. Nur wo diese Position sein sollte, war mir unklar.

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Wieder auf Position kommen… (click to watch)

Ich überhole viele Läufer – ein paar kamen mir bekannt vor. Als ich wieder an Georg und Silvan vorbeikomme, weiß ich, dass ich ganz so weit hinten nicht mehr bin, aber eben auch noch länger nicht so weit vorne, wie ich es war. Der Überblick war mir verloren gegangen. Ich habe keine Ahnung mehr, wie viele Leute vor mir sind und schon gar nicht wie viele Damen. Ja, ein bisschen ehrgeizig bin ich durchaus, aber ich atme durch und nehme den Umstand hin. Es war sowieso schwierig, zwischen den Läufern vom Marathon und dem Ultra zu unterscheiden.

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(c) Marcus Luksch

Augen auf beim Traillauf
Wir steigen über Serpentinen die ersten Höhenmeter hinauf. Oben geht es leicht abwärts wieder herunter. Ich überhole Gerhard Börner (JUNUT) und weiter vorne lache ich mit ein paar anderen Kerlen darüber, dass ich ein zweites Mal überhole. Irgendwie gibt mir das alles wieder Mut. Ich bin wieder entspannt und biege scharf links auf einen schmalen Downhill ein, der Laub, Wurzeln und ein paar Naturstufen bereithält. Packe den ersten Keks aus, um das Energielevel weiter hoch zu halten. Getreu nach dem Motto: die frühe Kalorie rettet den Ultra. Wir queren immer wieder Waldautobahnen und verschwinden auf kurvigen, teilweise fast unberührten, verwunschenen Pfaden. Viele hohe Gräser, Gestrüpp, Äste und auch Baumstämme gehören beim K-UT einfach dazu.

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(c) Marcus Luksch

Nach 15 Kilometern
…komme ich langsam in den Flow. Ich höre auf nachzudenken und laufe einfach wie mir die Beine gewachsen sind. Ich habe sogar die Muse ab und an mal ein kurzes Video zu machen, was mir sonst eigentlich immer viel zu nervig und anstrengend war.

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Ich merke schnell, dass ich einen relativ soliden Tag erwischt hatte: keine tropische Hitze, kein Allergieanfall und die Beine machen mit.

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Wir steuern wieder auf Reichweiler zu, laufen über eine Brücke, verschwinden im Wald, machen nochmal Höhenmeter und erkämpfen uns über einen vorerst letzten Asphalt-Anstieg die erste Wasser-Station. Ich schaue erstmals richtig auf die Uhr. Anstatt 22km wie im letzten Jahr, waren es hier schon 25km (abzüglich meiner anfänglichen Dummheit) mit 850 Höhenmetern und ich sehe die 22km Läufer gerade noch starten. Das bedeutete, ich hatte genau 3 Stunden gebraucht. Ich bin damit zufrieden. Jetzt heißt es einfach, dranbleiben.

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Ich fülle meine Trinkblase auf und als ich das Xenofit anmischen wollte, hatte ich plötzlich so einen Verdacht… „Suchen Sie etwas?“ Ich stehe vornübergebeugt über den Kästen mit den vielen Flaschen und versuche herauszufinden, ob ich doch das Maurten schon hier deponiert hatte. Insgeheim flehte ich darum, denn mir war leicht schwummrig und meine Beine verhärtet. Und so kam es, dass meine zweite Dummheit zu einer ganz großartigen Sache für mich wurde: entgegen meines ursprünglichen Plans, hatte ich die Flasche in die Falsche Kiste gesteckt. Die Verwechslung von Kilometer 25 und Kilometer 72 kann ja schon mal passieren… 😀

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(c) Marcus Luksch

Mittlerweile habe ich Begleitung von drei Jungs. Wir überholen uns immer wieder gegenseitig, im Up- und Downhill und laufen auf die ersten Läufer der 22km auf. Ein weiterer laubiger, steiler schlingel-schlangel Anstieg folgt, aber ich fühle mich wieder gut und komme einigermaßen zügig vorwärts. Mit den Händen auf den Oberschenkeln, kommt mir aber doch immer mal wieder die Frage, weshalb ich Jahr für Jahr eigentlich keine Stöcke mitnehme. Man kann sich einfach prima abschießen, wenn man nicht aufpasst, aber auch, wenn man aufpasst. Dafür sorgen in der Regel Distanz und Höhenmeter.

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(c) Marcus Luksch

Früher oder später ist man dran
In diesem Fall, nach knapp 30 Kilometern. Da taucht nämlich der erste wirkliche Steilhang auf. Ich schnappe mir das dicke Seil und klettere zügig nach oben. So schlimm war es eigentlich gar nicht. Aber ich hatte Hang Nummer zwei vergessen. Womit wir mal wieder bei der Läuferdemenz wären.

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Ich erinnere mich zwar durchaus noch an das dünne, blaue Seilchen, nicht aber an das Adrenalin, welches mir nach der Hälfte plötzlich durch den Körper schießt, weil ich erstmals realisiere, dass man sich so überhaupt nicht gut an dem Seil festhalten kann, wenn man es eigentlich bräuchte. Ich greife in losen Sand, der hier und da mit ein paar für mich, nutzlosen Gewächsen, verziert ist. Wie ein nasser Lappen drücke ich mich oben über den Rand. In mir tanzt Kontrollverlust mit der Höhenangst Samba.

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(c) Marcus Luksch

Dass Hang Nummer drei nach nur einer Kurve kommt, hatte ich natürlich auch vergessen. Nur Flatterbänder markieren die Route, ein Seil gibt es nicht, aber ich kann mich aufgrund der vielen großen Steine besser festhalten.

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(c) Marcus Luksch
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(c) Marcus Luksch

Mitten auf dem Hang muss ich dann auch noch eine Mitläuferin überklettern, die mir nicht im Weg stehen will. Ich entscheide mich, lieber oben auf sie zu warten. Zeit um kurz durchzuatmen, bevor es wieder über bewachsene Pfade tiefer auf die Trails geht. Meine Beine sind wie Pudding, aber irgendwie komme ich wieder in einen vernünftigen Laufschritt und kann mich auf Station Nummer zwei freuen, welche nach einem matschigen Anstieg zu erreichen ist, der mir dieses Jahr gar nicht mehr so unmenschlich vorkommt, wie im letzten.

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Pfad zwischen der Kletterei (c) Marcus Luksch

Kilometer 37
Eins weiß ich genau, ich muss unbedingt etwas Richtiges essen und auch mein Rucksack kam mir plötzlich so leicht vor. Ich lasse einen Holländer und ein Paar hinter mir, rufe der Kontrollstation meine Nummer zu und lasse mich hundert Meter weiter auf die einladende Bank fallen. Während ich erstmals das Experiment „Reis-essen“ in die Tat umsetzte, setzt sich auf einmal ein anderer Läufer zu mir, der mir zuvor gar nicht aufgefallen war. Ich lasse mir Zeit zum Reden, trinke die zweite Flasche Maurten und mache den Löffel ausfindig, der vollständig im Reis verschwunden ist. Links von mir packt eine Mitläuferin erstmal ein Brot aus. Ich erhebe mich mit einem leichten Stöhnen und verschwinde langsam um die Kurve wieder in den Wald.

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Gute Aussichten (c) Marcus Luksch

Lange bin ich nicht mehr alleine
Mein Banknachbar holt mich wieder ein und wir setzen das Gespräch fort. Wir reden natürlich über Essen, Ultras, Trainings, Ziele und vergangene Erfahrungen. Wie immer fragt man erst Stunden später nach dem Namen. Ich verspreche mir den Namen „Marcus“ zu merken und kann seine Angst, den CutOff nicht zu schaffen, aus dem Weg räumen. Dazu sind wir viel zu zügig, aber ich verstehe auch, dass einem der erste Abschnitt schnell das Gefühl geben kann, man würde nie ankommen, weil man durch die wechselnden Anforderungen, ständig aus dem Tritt gebracht wird. Ich glaube mich daran zu erinnern, das nun ein laufbarer Abschnitt vor uns liegt. Und so ist es auch. Wer hier nicht läuft, ist selber Schuld. Also laufen wir und haben Ruck Zuck einen Marathon in den Beinen.

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(c) Marcus Luksch

Beware of the chair
Und plötzlich kommt wieder das berühmt berüchtigte Schild. Den meisten ist hier bereits klar: gleich gibt es Bier! Marcus nimmt auf dem Thron platz, ich mache Bilder und dumme Witze. Ein weiterer Läufer gesellt sich zu uns.

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(c) Marcus Luksch

Einen Flaschenöffner hat niemand, aber hier scheinen die Männer groß und stark genug, um sich zu helfen zu wissen. Wir laufen wieder weiter, bei dem ein oder anderen schlägt das Bier ein, bei mir ist es der Reis. Selten etwas gegessen, was mir langfristig so einen Energieschub verliehen hat. Ich ärgere mich darüber, dass es nur 150 Gramm sind und mache gedanklich eine Notiz für weitere Events.

 

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(c) Marcus Luksch

Das Wildfrauenloch
Hoch motiviert ziehe ich Marcus hinter mir her, denn er hat ein Tief. Mir geht es daneben ausgesprochen gut, ich kenne den ungefähren Streckenverlauf und mache auf das so genannte Wildfrauenloch aufmerksam: böse Mädchen die in ein Loch im Felsen gesperrt wurden – sagt man zumindest. Über eine Art Steig erreichen wir das Loch, welches bei unserer Ankunft leer ist – anscheinend hatten sich alle bisher benommen. Immer wieder verliere ich Marcus kurz, lasse ihn wieder aufschließen und rufe durch die Bäume „Sieht gut aus!“. Die nächste Station ist nicht mehr weit. Ein Märchenwald-Downhill führt uns kurvig beinahe direkt darauf zu. Mir ist ganz wohl in der Rolle als Zugpferd, sodass ich die kleinen Mimimis gut ausblenden kann. Der Wald spuckt uns in einem Feld aus und ich kann bereits in der Ferne Gabi’s Van erblicken. Dazu müssen wir uns jedoch noch ein Stück nach oben schrauben.

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Kilometer 57
Ein kleiner Pfad leitet mich direkt auf die Wiese zu meiner Flasche Maurten. Ich setze mich in den Schatten vor den Van, freue mich über die Wildblumen-Romantik auf dem Tischchen neben mir und habe einen netten Plausch mit den Helfern.

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(c) laufticker.de
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(c) laufticker.de
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Marcus und ich (c) laufticker.de

Wie sooft leicht verstrahlt, esse ich nicht nur Reis, sondern auch erstmals in meinem Leben Beef Jerkey. Einfach, weil es da war und ich nur Gutes darüber gehört hatte. Keine Minute später, merke ich, welch großer Fehler das ist. Mir wird so schlecht, dass ich reumütig, sofort Reis nachschiebe, aber was zu spät ist, ist eben zu spät. Vielleicht weiß mein Körper mittlerweile nichts mehr mit Fleisch anzufangen und jetzt bekomme ich die Quittung. Sitzen bleiben bringt nicht viel und ich kündige mein Aufbrechen an.

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(c) laufticker.de

Eine Kurve später stehe ich schon im Gebüsch. Mir ist kotzübel, ich wandere frustriert weiter und lasse mich von Marcus einholen, sage aber zunächst kein Wort darüber. Er hatte seine Tanks wieder aufgefüllt und ich habe so eine Ahnung, dass er demnächst mein Zugpferd spielen würde.

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(c) Marcus Luksch

Es wird zäh
Ich unterrichte Marcus von meinem Zustand. Dann klingelt mein Handy: Georg gibt sein neustes Statusupdate und fragt nach meinem Befinden. „Mir ist schlecht, aber wir laufen einfach weiter!“ Er ist etwa 50 Minuten hinter mir, aber ich schließe in diesem Moment nicht aus, dass er mich eventuell noch einholt. Ich versuche gute Miene zu machen und meinen Magen nicht zu sehr über meine Beine bestimmen zu lassen. Dennoch werden wir langsamer. Nach weiteren 10 Kilometern, erreiche ich einen Punkt, an dem ich nagenden Hunger bekomme. Mir ist jedoch so schlecht, dass ich nichts essen kann. Ich warte eine weitere halbe Stunde ab, ehe ich es mit Reis versuche. Langsam aber sicher, fange ich mich wieder ein wenig. Der Reis war definitiv zu wenig und ich fange an zu haushalten.

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(c) Marcus Luksch

An einer Kontrollstation sinke ich auf den Boden, meine Beine schmerzen höllisch und ich drücke mir einen Keks in die Backen, der mir die nötige Energie geben soll. Währenddessen werde ich wieder vom Brotzeit-Pärchen überholt. Da ich meine Position immer noch nicht kenne, habe ich keine Ahnung, ob es hier um eine Platzierung geht oder nicht. Doch eins ist mir klar: mich wegen zwei Sekunden schlechter zu platzieren, als nötig, ist eigentlich total unnötig. Plötzlich stehe ich wieder wie eine Eins, mein Körper akzeptiert den Keks mehr oder weniger und ich gebe Marcus zu verstehen, dass ich den Kontakt ab hier nur ungern abreißen lassen möchte. Im Stechschritt geht es einen ewigen Arschlochberg hinauf. Ich schließe wieder auf und ich unterhalte mich ein bisschen mit meiner Mitläuferin. Mittlerweile ist es deutlich warm, aber ich kann wieder laufen, lasse sie und auch ihr Zugpferd hinter mir. Irgendwann ist auch Marcus wieder an mir dran und wir schieben uns bestimmend Richtung finaler Station. Den letzten Kilometer durch den Pfälzer Dschungel laufen und marschieren wir alle gemeinsam.

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(c) Marcus Luksch

Kilometer 72
Oben an der Straße angekommen, telefoniere ich nochmal mit Georg und mische das Xenofit an. Die geplante Flasche Maurten ist hier nicht an Bord, die war ja versehentlich bei Kilometer 26 gelandet. Also gibt es Salztabletten und ich fülle Cola in meine Radflasche. Auf Essen habe ich gar keine Lust mehr, also stehe ich wieder auf und laufe langsam über die Straße zum nächsten Anstieg, ziehe an der Colaflasche.

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Stolperfalle die 1337. (c) Marcus Luksch

Dann wird es wieder flach, ich renne wieder an. Mit einem lauten Knall, ergießt sich im nächsten Moment die Cola über meiner Hand. Dummheit Nummer drei also. Hallo auch. Ich habe keine Ahnung, was ich mit der Flasche machen soll, halte sie also weiter in der Hand, trinke immer wieder. Alles klebt. Beim nächsten Uphill, stopfe ich sie hinter mich in den Rucksack. Eine weitere Minute später habe ich Cola im Genick, immer und immer wieder, so lange bis die Kohlensäure weitestgehend verschwunden ist. Ich konzentriere mich lieber wieder auf das Xenofit-Gemisch in meiner Softflask. Cola pusht mich heute überhaupt nicht. Mir ist klar, ich muss früher oder später etwas essen. Mir ist schwindlig, aber ich versuche gleichmäßig zu laufen.

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Oben angekommen..fast (c)Marcus Luksch

Ein mittelmäßiges Hoch
…lässt mich noch ein paar Anstiege rennen und spuckt mich an einer weiteren Kontrollstation aus. Ich grinse wieder und biege rechts auf einen Wiesen-Uphill ein. Ich lache auf und es entfährt mir ein „Ach du scheiße“, während die Helfer alle laut mitlachen. Ich schaffe die Hälfte noch im Rennen und muss dann wieder wandern. Aus den Augenwinkeln sehe ich Marcus. Dafür, dass er eigentlich die Anstiege nicht rennen wollte, war er stets flott unterwegs. Ich habe ihn im Blick, aber warte nicht mehr, denn ich habe meinen Vorsprung zum Pärchen ganz gut ausgebaut, bin mir aber auch sicher, dass wir bald wieder wie ein altes Ehepaar unterwegs sein würden. Über elend lange Wiesen schieben wir uns weiter. Laufen, marschieren, laufen…

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(c) Marcus Luksch

Nur noch 1000 Höhenmeter
Man kann sich nicht vorstellen, was da noch großartig kommen soll, da sich die Kilometer ja eigentlich dem Ende zuneigen. Fakt ist, man sollte sich nicht täuschen lassen. Spätestens, als wir wieder vereint in den Wald abtauchen, werden aus Hügeln bald wieder kräftezehrende Rampen. Kurze, aber sehr viele. Ein mentales Brett. Apropos Brett: ich vergaß die Menge an Baumstämmen zu erwähnen, wovon sich die meisten nicht mit einem lässigen Sprung überwinden lassen. Und dann ist da ja immer noch die Sache mit den Seilen. Warum sollte das auch aufhören? Mit und ohne Seil geht es noch mehrmals perverse Rampen hinauf und kurze schmerzhafte Downhills wieder herunter. Meine Oberschenkel waren zermatscht. Die Federung meiner Beine nicht mehr existent. Andächtig schweigen wir vor uns hin. Einzig das Geschnaufe übertönt eventuell das gegenwärtige Vogelgezwitscher. „Wenn du kannst, lauf, ich kann gerade nicht mehr!“ Jeder flache Meter will genutzt werden, aber das Anlaufen gestaltet sich jedes Mal härter. Wir sind richtig durch und ich weiß einfach, dass das dicke Ende noch kommt.

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(c) Marcus Luksch

Kilometer 82
…weckt die Illusion, es seien nur noch 4 Kilometer. In der Ausschreibung ist zwar immer die Rede von 85 oder 86 Kilometern, aber ich weiß aus Erfahrung, dass am Ende 88 Kilometer auf der Uhr stehen. Langsam raube ich Marcus den Glauben an das baldige Ende und wir rechnen nun neu gegen. Wir stapfen sinnlos durch Matsch um einen Teich herum und machen uns an einen weiteren Anstieg, der mir irgendwie den Rest gibt. Gleichzeitig höre ich immer wieder Stimmen hinter mir. Entweder es sind bereits Halluzinationen, Paranoia oder wir sind wieder eingeholt worden. Ich kämpfe gegen den Drang noch einen Gang runter zu schalten und laufe immer und immer wieder an. Marcus schüttelt nur den Kopf über mich, denn auch er muss sich jetzt überwinden und hätte sicher auch nichts dagegen, wenn wir einfach ins Ziel wandern würden. Die Stimmen waren tatsächlich echt und ich lege einen Zahn zu. Plötzlich stehen wir vor einem Steinbruch und sehen ein neues Schild, welches auf einen neuen gemeinen Abschnitt verweist. Nur 2 Kilometer vor dem Ziel!

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Steinbruch kurz vor dem neuen Downhill (c) Marcus Luksch

Vor mir geht es Downhill so steil herunter, dass man darauf nicht stehen kann. Das heißt ich müsste hüpfen, aber das gaben meine Beine nicht mehr her. Den Ersatz meiner Beine, übernimmt Marcus. Mit einer Hand auf seiner Schulter, schaffe ich es herunter. Danach folgt ein Trail auf dem man stellenweise das Gefühl hat kriechen zu müssen, immer noch eng gewunden, kurz steil, rauf und runter.

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Sieht harmlos aus, aber das tut es immer (c) Marcus Luksch

Party
Wir kommen wieder aus dem Wald heraus und hören von weitem Musik, grölende Jugendliche und sehen recht bald auch deren Lagerfeuer. Über uns brüllt es: „Läufeeeer!“ Und alle machen unten Radau, während wir Stufen zum Lagerfeuer hinuntersteigen und uns im Laufschritt wieder von den Jugendlichen entfernen.

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(c) Marcus Luksch

Beschwerden?
Dann sehe ich endlich wieder die lang ersehnte Wiese, die zum Ziel führt. Wir rennen bis zur „Beschwerden-Tonne“. Diesmal schaue ich hinein: nichts drin. So übel scheint es also bisher nicht gewesen zu sein. Oder zu schwach zum Tonne öffnen?

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(c) Marcus Luksch

Die letzten 1,5km
Eine leicht ansteigende Wiese, die in 100m Schritten die Entfernung, auf einem Schild, anzeigt. Ich weiß nicht, ob das nett gemeint ist oder uns zusätzlich brechen soll. Ich für meinen Teil will in diesem Fall eigentlich nicht wissen, wie lang hundert Meter sind.

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(c) Marcus Luksch

Die Frauenstimme ist noch immer hörbar, also laufe ich weiter, so gut es geht. Menschen leuten mit Kuhglocken am Rand, andere grölen und klatschen. Zwei Spaziergänger konnten ebenfalls nicht fassen was sie da sahen und zollten mir ihren Respekt.

„Das ist doch Amok, Jamie!“
„Ich weiß, aber ich will das Elend hinter mich bringen!“
Spätestens als es nur noch 300 Meter ins Ziel geht, setze ich zum Schlussspurt an, denn ich kann das Ziel schon sehen. Wie immer habe ich daran weniger Erinnerung, aber ich weiß dass alle dort richtig Stimmung gemacht haben, als ich ankam und mir jemand die Medaille um den Hals hängte. Ich bin absolut zufrieden, ich hatte mich nicht überholen lassen und ich war schneller als letztes Jahr. Mein Kreislauf fängt jedoch an, sich langsam zu verabschieden, während Marcus einlief und kurz danach eine Verfolgerin, aber nicht meine ursprüngliche.

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(c) Marcus Luksch

Wir setzen uns zusammen, bis es uns richtig kalt wird und steigen die Stufen hoch zur Halle. Ich ziehe eine Jacke an und merke wie mir der Kreislauf abschmiert und ich anfange zu zittern. Mehrere Minuten verharren wir so und entscheiden dann, die 400m mit dem Auto zu den Duschen, zu fahren, die sogar noch warm sind.

Und glaubt mir, welches Gefühl ist besser, als sich das Cola vom Körper gewaschen zu haben? 😀

Zwischenzeitlich
…kam auch Georg ins Ziel. Ich bin stolz! Zwei Mal K-UT bedeutet 176km mit 7000HM. Ich selbst hätte nicht gewusst, wie ich danach nochmal loslaufen sollte… Zumindest erfuhr ich dann, dass ich 4. Frau geworden war, knapp am Podium vorbei, aber was soll’s! Für mich habe ich die Rechnung mit diesem Lauf erstmal beglichen, denn es war rundum ein Lauf, den ich gut aushalten konnte. Ich hatte Spaß, coole Trails und eine tolle Begleitung 🙂

— Jamie

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7 Gedanken zu “Keufelskopf-Ultra (19.05.2018)

  1. Liebe Jamie,
    warum lesen sich Deine langen Berichte von noch längeren Läufen immer so kurzweilig?
    Ich finde Du hast alles richtig gemacht und ich kann mir gut vorstellen wie sich diese Cola-Mess angefühlt hat…brrrr 😂
    Ich hoffe sehr, Du bist schon wieder erholt, wobei ich das Gefühl beim Lesen hatte, dass Du überwiegend Spass hattest, was die Regeneration sicher beschleunigt

    Salut

    1. Lieber Christian, freut mich, dass dir meine Berichte so kurzweilig vorkommen – ich habe beim Schreiben manchmal schon ein schlechtes Gewissen! Ja, da hast du ganz recht, ich war in der Tat schneller erholt als ich das vermutet hatte 🙂

      LG, Jamie

  2. Toll geschrieben, wie immer, hab Dich nur kurz gesehen vor Deinem Umkehren wegen der kleinen Startnummer. Ich bin mit meinem Rennen recht zufrieden, gut 2:20 Std. schneller als letztes Jahr…..
    Liebe Grüsse an Georg, hatte ihn nach dem ersten Zwischenhalt von seinem 1. Lauf beim Ziel gesehen und dann kurz vor dem Start – Hammer, Hammer, Hammer…..eine unglaubliche Leistung.
    Gute Erholung und bis zum nächsten Trail 🙂
    Liebe Grüsse
    Heinz (Vegan Trailrunner)

    1. Dankeschön 🙂 Ja beim Umdrehen hatte ich nochmal das Vergnügen, jeden einzeln zu grüßen 😀 Wow, da hast du dich aber mit über 2h stark verbessert! Grüße an Georg sind ausgerichtet – er hatte Angst, es könne jemand vor ihm auf die Idee kommen, einen Double-KUT zu laufen.. 😀

      LG!

  3. Hi Jamie, es war schön mit Dir durchs Unterholz zu laufen. Toller Bericht den Du da geschrieben hast. Ich hoffe Du bist wieder vollständig fit.
    Bis zum nächsten mal
    Marcus

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