Ultra Grauer Kopf – wir kamen, liefen und siegten (21.07.2018)

Mit dem Titel kann ich den Post eigentlich auch schon wieder beenden – mache ich aber nicht 😀 Nach meinem Hinschmiss beim –Another one bites the dust– nach 105km und mega dickem Fuß, eine Woche Schiene und Krücken, sah ich mich eigentlich nicht mehr so schnell wieder auf den Trails. Eigentlich wollte ich auch das Trainingslager im Kleinwalsertal stornieren, aber das war so kurzfristig nicht mehr möglich. Fuß und Bein waren zwar wieder abgeschwollen, aber ruppige Trails und Downhills waren weiterhin kontraproduktiv. Es folgten fünf Ruhetage und ein kleiner Lauf, bei dem ich einen regelrechten Überlebenskampf gegen die Pollen führte. Mit einem durchgängigen Puls von 190 bei geringster Geschwindigkeit sah ich mich eigentlich nirgendwo starten…

Gäbe es da nicht immer diese Leute in sozialen Netzwerken, die Verlinkungen unter irgendwelche Ultras setzen. Hätten mir Uli und Georg dies nicht auch nochmal persönlich mitgeteilt, hätte ich den Ultra Grauer Kopf wohl einfach gekonnt überlesen. Es waren noch fünf Startplätze übrig, die aus einem vorzeitigen DNS resultierten. Nachdem man mich endlich breitgeschlagen und mir eingeredet hatte, dieses Rennen sei völlig harmlos und bestünde in erster Linie aus laufbaren Waldautobahnen standen wir plötzlich zwei Tage vorher auf der offiziellen Teilnehmerliste. Und mal so nebenbei, so ein 66er geht ja sowieso immer.

Unsere kurzfristige Vorbereitung bestand aus dem Besuch eines Italieners, Bier, Schnaps und einem oder mehreren Absackern in Uli’s Wellness-Keller. Um kurz vor Mitternacht fiel ich in einen traumlosen Schlaf und wachte am Ultra-Morgen mit hämmernden Kopfschmerzen wieder auf, untermalt von Donner und Starkregen, welcher gegen die Fensterscheiben prasselte. „Wenigstens die Pollen würden nun endlich sterben“, dachte ich mir, als ich gerade nochmal das Nasenspray hochzog und präventiv eine Allergietablette einschmiss. Mein Frühstück bestand lediglich aus einem Proteinriegel den mein Magen noch nicht mal bemerkte.

Um kurz nach 7 holten wir unsere Startunterlagen ab – es war direkt kühl und das Wetter verbreitete sowas wie eine Spätsommer-Stimmung die gerade in den Herbst überging. Also genau mein Element.

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Aufgrund der Information von „geringem Trailanteil“ entschied ich mich anstelle der inov8 Roclite für New Balance. Straßenschuhe. Kaum gedämpft, verstärkt oder sonst irgendetwas. Schuhe die ich gerne für meine morgendlichen Kurz-Runden benutze oder auch mal für einen Halbmarathon auf Waldautobahnen. Der ausschlaggebende Punkt war aber auch der, dass mir plötzlich in den Sinn kam, dass ich den letzten Crosslauf im dicksten Schnee auch ohne Spikes oder Trailschuhe überstanden hatte. Sicherheitshalber hatte ich sogar noch geistesgegenwärtig die Schnürung verändert, um meiner Ferse mehr Halt zu geben. Dennoch; Notiz für die Zukunft: Cross ist trotzdem kein Ultra.

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Da standen wir nun eng aneinander gekuschelt unter einem Vordach, während Alex Holl uns nochmal das Prozedere in Erinnerung rief und auf die ein oder andere schwierigere Passage aufmerksam machte. Dann ging es endlich raus in den Regen.

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Wie begossene Pudel warteten wir auf das Startsignal und ohne dass ich es irgendwie bemerkt hätte, waren wir schon auf der Strecke. Ich lief ganz vorne direkt neben Georg. Traditionell gaben wir uns wieder als Trailpärchen zu erkennen: Hand in Hand liefen wir einige Meter zügig durch den Regen bis ins Feld. Irgendwie wurde alles immer schneller, der Boden schmieriger und die Grasnarben holpriger. Georg lief mit ein paar anderen Jungs vor mir und ich mit zwei anderen einfach hinterher. Als wir um die Kurve an den Waldrand einbogen, wagte ich einen kurzen Blick zurück: hinter uns kam erstmal länger nichts mehr. Aber das waren ja auch nur die ersten 2 Kilometer. Spätestens, als ich anfing im Matsch bei jedem Schritt ins Straucheln zu geraten, bereute ich nicht nur die Schuhwahl, auch die anderen Läufer kamen wieder näher.

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Die Sprühkreide die uns unter anderem den Weg weisen sollte, löste sich langsam aber sicher in ihre Bestandteile auf, während ein orangenes Band den Einstieg in einen eigentlich nicht sichtbaren Trail markierte. Schräg zum Hang ließ man uns über Baumstämme hüpfen und uns unter Ästen wegducken. Während ich mal wieder alleine durch dieses Wäldchen stolperte und schmierte, übersah ich ein weiteres Band und lief unnötigerweise im Zick Zack hin und her, ehe ich wieder in der empfohlenen Richtung unterwegs war. Danach folgte ein leichter Anstieg über eine Wiese, sowie ein Schnack mit einem Mitläufer, der auf mich aufgelaufen war und die Vernunft, stellenweise sogar zu gehen. Was das betrifft, bin ich mittlerweile wirklich vorsichtiger geworden und versuche es langsamer angehen zu lassen.

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Das hatte sich jedoch recht bald wieder, da ich plötzlich einen Trail-Abschnitts-Partner namens Stefan neben mir laufen hatte und meine Atmung immer ruhiger ging. Es regnete noch immer, wenn auch nicht mehr so stark, die ersten Kilometer verflogen nur so und wir waren eigentlich die meiste Zeit nur am Reden. „Also, wenn das jetzt ewig so weiter geht, dann ist das ja echt easy heute!“ Jaja, da hatte der liebe Stefan recht. Wir wurden zwar immer wieder einige Sekunden durch leichte Wegfindungsprobleme aufgehalten, aber das konnte mich nicht weiter erschrecken. Zumindest so lange nicht, bis es ins Gestrüpp ging und wir über einen sehr schmalen Pfad holperten. Meine Füße rutschten in den Schuhen hin und her, das nasse Gras und die nicht sichtbaren Löcher taten da ihr übriges, um es mir möglichst anstrengend zu machen.

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Unsere Gruppe wurde um Don Downhill und seine derzeitige Laufehefrau erweitert, sodass recht bald der Kommentar fiel, dass wir doch eine recht „nette Trainingsgruppe“ abgeben würden. Unbemerkt hörte es unterdessen auf zu regnen. Wir waren recht zügig, aber durchaus noch in meiner Komfortzone unterwegs.

 

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Immer wieder durchquerten wir kurz ein kleines Dorf, nur um danach wieder auf zunehmend mehr zugewachsenen Pfaden unterwegs zu sein. Dornen zerkratzten unsere Beine, Brennnesseln regten die Durchblutung an.

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Mit der Zeit wuchsen mir diese Gewächse buchstäblich über den Kopf! Ich weiß nicht ob es Seerosen gibt die an Land wachsen, aber genau so sah es aus. Riesige grüne Blätter, beinahe so groß wie Autoreifen und über 170cm hoch, irgendwo unsichtbar ein Bachlauf daneben. Die riesigen Blätter hatten in etwa die Funktion einer Regenwald-Dusche, was für mich persönlich jedoch furchtbar angenehm war. Unangenehmer war da eher das ständige Umknicken, aber da musste ich wohl einfach durch.

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So harmlos fing meist alles an 😉

Nach 15 Kilometern wurden wir an einer inoffiziellen VP ausgespuckt, an der es jedoch nur Wasser gab. Auffüllen musste noch niemand von uns, sodass wir daran vorbei liefen. Unterdessen kaute ich immer wieder an meinem Haferriegel, denn das Frühstück war mir zu spärlich gewesen. Irgendwann nach Kilometer 25 ließ ich die Jungs dann am nächsten bewachsenen Pfad ziehen. Ich war leicht aus der Puste und musste dringend Energie nachladen, wenn ich es ohne Einbruch zu VP 1, bei Kilometer 31 schaffen wollte.

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Über kleine, schmierige Brückchen ging es immer wieder über Bach und Fluss, sowie wunderschöne Singletrails auf und ab. Etwa 700 Höhenmeter hatte ich bereits hinter mir gelassen und ich wartete auf den nächsten adäquaten Berg, um meinen Reis aus dem Ziploc zu inhalieren. Den Löffel hatte ich mir griffbereit vorne zur Softflask gesteckt. Ich war mal wieder im Trailtunnel, bemerkte weder Zeit, Raum noch Geschwindigkeit, sodass ich mich irgendwann selbst ermahnen musste, die Zeit nicht unnötig zu verbummeln.

Als der Trail plötzlich augenscheinlich endete und ein orangenes Band vor meinen Augen baumelte, war ich wieder wach. Zu meiner rechten ging es ziemlich senkrecht einen Hang hinunter, zu meiner Linken senkrecht hinauf. Vor mir eröffnete sich ein Geflecht von zwei bis drei Baumstämmen und dazwischen war eigentlich kein Platz, noch gab es eine Standfläche, da dort einfach der Pfad fehlte und die umgestürzten Bäume quasi den Weg ersetzten. Meinen Schuhen fehlte dazu der Grip, als ich mich langsam versuchte mit dem Mittelfuß in den Hang zu graben und gleichzeitig mit dem anderen über und zwischen den ersten Baumstamm zu steigen. Es gab aber keine andere Möglichkeit. Ich rechnete damit jeden Moment dass irgendwer von irgendwoher auf mich auflaufen würde. Ich kam mir einfach unendlich langsam vor, hing ich doch eher wie ein Faultier dort herum: mit den Armen Baumstamm Nummer 2 schräg über mir umschlungen, während ich noch im halben Spagat über Baumstamm Nummer 1 stand und mit den Augen schon Nummer 3 suchte. Es war eher ein gewaltsam verkrampftes Festhalten, denn meine Füße waren mir einfach wortwörtlich keine Stütze. So viel bemooste Natur hatte ich zuvor noch nie umarmt, aber irgendwann ist es halt soweit. Mit leichter Unentschlossenheit, ob drüber oder lieber drunter, stand ich plötzlich dann doch auf der anderen Seite. Kurz schaute ich zurück auf das Monster was ich da überwunden hatte – aber von dieser Perspektive sah es mysteriöser weise plötzlich wieder nach Kindergeburtstag aus.

Ich verfranzte mich noch ein paar Mal und startete dann sicherheitshalber doch lieber den Track auf der Uhr. Es ging weiter unter tiefhängenden Armen von Nadelbäumen, die bis zum Boden reichten und einen Tunnel bildeten. Darunter war es kurz eine ganz eigene kleine Welt, durch die man nur als Zwerg hätte aufrecht gehen können. Immer wieder gingen plötzlich Stichwege ab. Einer führte Downhill hinab und ich sah erst nach einigem Hin und Her, dass ein Band auf der anderen Bachseite an einen Baum gebunden war. Dazwischen lagen mindestens 150 Meter, ein Downhill, eine Bachquerung über Steine und einen steilen Uphill. Das Gewässer lag nun zu meiner Rechten und ich schraubte mich weiter und immer höher empor, bis ich das Wasser nur noch dezent rauschen hörte. Um es kurz zu machen: ich hatte schon lang keine Waldautobahn mehr gesehen.

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Alex, der glückliche Veranstalter (c) Alex Holl
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Georg am Berg der Tränen

Am „Berg der Tränen“ ging ich dann doch wieder ins Speedhiken über. Das ständige Wegrutschen auf den nassen Steinen ging mir nämlich auf den Keks und so blieb auch etwas mehr Muse für das ein oder andere Bild.

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Kurz danach wurde ich wieder in einem Dorf ausgespuckt und rannte auf die ersten Helfer an der Straße zu, die mich anfeuerten und mir schon mal viel Spaß beim Aufstieg wünschten. Ich dachte mir noch Wunder was da kommt, aber so schlimm war es dann auch wieder nicht. Als ich die Burg erreichte war das schlimmere Übel eher der Asphalt-Downhill, welcher ziemlich steil und rutschig wieder nach unten führte. Das ganze fühlte sich für mich eher nach rohen Eiern an.

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Es folgte noch ein ebenso steiler Anstieg zu VP1, den ich ebenfalls gewillt war zu rennen. In Gedanken überlegte ich mir schon, in welcher Reihenfolge ich mir die Kalorien wieder zuführen würde. Oben angekommen wurde ich zunächst beim Anblick der VP und den jubelnden Leuten etwas aus dem Konzept gebracht: es gab einfach fast alles! Schweren Herzens schüttelte ich mir jedoch nur Maurten zurecht, füllte meine Flaschen auf, kippte einen Becher Sprudelwasser (wie kam ich eigentlich auf die Idee?), nahm ein großes Melonenstück in meine rechte und den Drink in die linke Hand und machte mich im Stechschritt an den nächsten Anstieg. Nach 2 Kilometern würde man wieder an der VP vorbeikommen, aber ich brauchte die Energie jetzt und nicht später.

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Das Sprudel rumorte in meinem Bauch, das Melonenwasser rann mir das Kinn herunter und Maurten klebte mir bis an die Nase. Manchmal ist es gut allein zu sein… Oben angekommen wurde es plötzlich technisch und ich sah nach ein paar hundert Metern keine Chance mehr mit Flasche in der Hand heil unten anzukommen. Also wieder ab in den Rucksack und mit höchster Konzentration die großen Felsabsätze herunter, Serpentine für Serpentine. Meine Fußinnenseite schmerzte schon lange und ich hatte pochende Knieschmerzen. Laufbar war anders, es war größtenteils eher ein Abstieg. Meine Schuhe waren für eine solche Unternehmung eigentlich das allerletzte – die epische Schilderung meines unentwegten Gerutsche erspare ich euch jetzt einfach mal. Meine verdreckten Hände erzählten dabei die eigentliche Geschichte.

Kilometer 33: „Und jetzt?“ Grinsend stand ich erneut am VP und war mir nicht ganz sicher, in welche Richtung es nun weitergehen sollte. Ich wurde auf Asphalt verwiesen, welcher mich wieder hinab ins Tal bringen sollte. Doch so richtig auf Tempo ging zu diesem Zeitpunkt nicht mehr und ich hoffte, dass mein Knie noch bis zum Ende mitspielen würde. Das da noch nicht alles tiptop ausgeheilt war, war mir von Anfang an klar gewesen, also musste ich nun damit leben.

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Plötzlich erschien eine Gruppe Mountainbiker vor mir und am nächsten Anstieg kam ich beim Überholen kurz ins Gespräch.
„Was ist das hier eigentlich für eine Veranstaltung?“
„Das ist ein Ultramarathon.“
„Aha und wie viele Kilometer haben Sie denn schon?“
„So 35..“
„Ach du liebe Güte, sowas fahren wir nur mit dem Rad!“

Dann war ich wieder alleine und wurde von der Strecke irgendwie geschlaucht, zumindest mental. Es ging ewig am Waldrand entlang, ewig durch Felder, ewig über Schotter, ewig runter, rauf, rauf, runter. Zudem war es schwül geworden und die Sonne fing an unheilvoll auf mich herab zu brennen. Meine Motivation zu rennen war nicht mehr allzu hoch. Aber nicht nur meine – ich lief auf einen anderen Läufer auf, der auch nur noch ging, obgleich es nahezu flach war. Die gute Nachricht ist oft einfach nur die: anderen geht es auch nicht besser.

Um mich selbst in Schach zu halten, ging ich wenige Meter und rannte dafür wieder ein ordentliches Stück, sobald es aufwärts ging. Der Rest wurde einfach durchgelaufen, es gab keinen vernünftigen Grund weshalb ich mich länger in der Sonne braten lassen sollte. Eminem mit „Till I collapse“ bestärkte mich in diesem Vorhaben.

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Bis über die Marathonmarke war es irgendwie ziemlich zäh, vor allem, weil ich alleine war. Aber wie es ja nun mittlerweile schon bekannt sein dürfte bin ich das irgendwie immer, bis auf einige spärliche Ausnahmen. Dazu bekam ich fürchterlichen Hunger, zierte mich aber den Reis herauszuholen, denn die meisten Pfade konnten gerannt werden und die die ich kurz ging, forderten meine Aufmerksamkeit.

Noch einmal war mir die Wegführung nicht so ganz klar und es gab wieder einen technischen Downhill. Dann erschienen Wanderer die mich noch ungläubiger anschauten, als die Mountainbiker.
„Was machen Sie denn da?“
„Hier ist heute ein Ultramarathon“
„Das klingt ja spannend. Wie viele Kilometer vom Marathon haben Sie denn schon?“
„45“
„Aber ein Marathon hat doch nur 42 Kilometer!?“
„Ja, aber wir laufen heute ein bisschen länger!“

Plötzlich erschien wie eine Fatamorgana an einem Anstieg Donald wieder vor mir. Niemals hätte ich geglaubt, dass ich noch einmal auf einen meiner Jungs auflaufen würde. Ein paar Minuten später waren wir in Hörweite und ich ließ ein freudiges „Hi!“ erklingen. Oder wie Loriot es sagen würde: „Da ist dann immer ein großes Hallo und es macht Puff und alle Kühe fallen um.“

Gemeinsam stapften wir die Anstiege hinauf und er nahm mir relativ schnell die Illusion, dass ein VP bei km 48 auftauchen würde. Ich dachte ich hätte da was mit „alle 15km..“ gehört, aber dem war nicht so. Es war ekelhaft schwül und insgesamt hatte ich vielleicht nur noch 150ml zu verwalten. Nun wusste ich, dass ich noch 9 Kilometer vor mir hatte. Also wieder Reis geschaufelt, wir verabschiedeten uns auf dem nächsten Singletrail und schon bald konnte ich Donald noch nicht mal mehr hinter mir erahnen. Die Sache mit einem Trail-Abschnitts-Gefährten hatte sich nun anscheinend endgültig für mich erledigt.

Nur noch ein Halbmarathönchen, das ist ja eigentlich nichts mehr. Die Halbzeit war schon länger überschritten, nur das Höhenprofil kündigte nochmal Unheil an. Dazu fühlte sich mein Körper an wie ein einziges klebriges Bonbon. Neben mir plätscherte immer wieder der Bach entlang, aber ich traute mich nicht zu stoppen, aus Angst ich würde die trübe Plörre vielleicht auch noch aus Verzweiflung trinken.

Also nippte ich immer wieder an meinen Softflasks und hoffte einfach VP2 zügig zu erreichen. An das was dazwischen passierte habe ich irgendwie keine Erinnerung mehr, die Steuerung übernahm mein Autopilot.

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Und plötzlich war die Station zum Greifen nahe. Oase bei Kilometer 57,5. Noch überforderter als bei VP1 ließ ich einfach meinen Beutel Reis neben mich fallen und rührte mir ein letztes Mal Maurten an, denn energetisch war ich irgendwie durch. Da Maurten mindestens so empfindlich ist wie mein Magen und ich der Meinung war, das ganze mit Sprudel auffüllen zu müssen, löste sich der Mist natürlich nicht auf. Ohne den netten Helfer an meiner Seite, der mindestens zwei Minuten meine Flasche durchschüttelte, wäre das wohl nichts mehr geworden. Zudem konnte er den dort anwesenden Kindern anschaulich zeigen, was man unter einer gesättigten Lösung versteht und ich durfte erklären, was das weiße da im Ziploc ist.

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Noch eine Cola auf Ex und ich war schon wieder unterwegs. 10 Kilometer to go, machte nach meiner Berechnung jedoch leider 67,5 Kilometer, anstatt 66,0. Ich versuchte mir vorzustellen, wie wenig 1,5 Kilometer mich normalerweise tangieren und ich glaube das hat auch einigermaßen funktioniert. Ein kurzes Telefonat mit Georg informierte mich darüber, dass er bereits im Ziel war. Ein Grund mehr nicht unnötig langsamer zu werden. Entgegen meines Plans, musste ich doch noch mehr Reis essen als ich auf den Schlusskilometern eigentlich wollte, denn meine Energie war gefühlt alle hundert Meter erschöpft.

Die letzten fünf Kilometer verliefen in der prallen Sonne auf Schotter, direkt am Waldrand, der mir manchmal seine Schwüle ins Genick hauchte. Dazu ging es die meiste Zeit immer schön aufwärts. Die groben Steine schienen sich gefühlt bei jedem Schritt direkt in meine Fußsohle zu bohren. Ein bisschen weniger Minimalismus wäre doch irgendwie ganz nett gewesen. Mein Blick ging gefühlt alle zehn Sekunden auf meine Uhr, die Höhenmeter und die Strecke meiner Karte. Total Banane. Es war ein bisschen wie im Alptraum, denn das Ziel kam einfach nicht näher. Ich wusste aber, dass es noch weniger schnell näher kommen würde, wenn ich durch die Gegend spazierte.

100 Trailjahre später war ich am Scheitelpunkt der letzten Kurve auf der Karte angekommen und steuerte nun auf dem offenen Feld direkt auf den Austragungsort zu. Kein Grund nicht auf die Füße zu achten, die nochmal über holprige Wiesen und Stoppeln laufen mussten. Dabei fiel mir ein, dass ich plötzlich keine Erinnerung mehr daran hatte, wie und wo wir am Morgen überhaupt gestartet waren. Ein grober Anflug von Traildemenz?

 

ziel
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Die letzten Meter führten natürlich noch einmal nach oben, war ja klar. Dann Asphalt, dann Kreidespray und nur noch 150m! Unfassbar, aber der Scheiß war gleich vorbei. Mit einem verstrahlten Grinsen im Gesicht rannte ich durch den Zielbogen und betätigte die Klingel.

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Medaille um den Hals und dann sitze ich im Gras und erfahre eine gute Minute später, dass ich erste Frau geworden bin und 10. gesamt!

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Einerseits war mir das auf der Strecke auf dem ersten Drittel bewusst, aber irgendwann war ich mir durch die Verlauferei da nicht mehr so sicher. Der nächste Hammer war, dass Georg und ich mal wieder einen legendären Doppelsieg hingelegt hatten. Spontan, anfangs noch ohne Ambitionen und wie sooft mit ganz viel Mimimi. Wer hätte das gedacht? Also wir nicht!

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— Jamie

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2 Gedanken zu “Ultra Grauer Kopf – wir kamen, liefen und siegten (21.07.2018)

  1. Liebe Jamie,jetzt muss ich doch auch mal wieder bei dir vorbeischauen:Überraschung – du bist super,ganz herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten Platz – toll ! Pass gut auf dich auf, dass es immer so bleiben möge, habe schon so viele“ Leichen „n den vielen Jahren auf den Strecken gesehen, die sich schlichtweg übernommen haben, zu viel des Guten, das soll dir nicht passieren, bist ja noch so jung und knusprig – Nochmals ganz herzlichen Glückwunsch und Grüße von der Ostsee 😎

    1. Hey, ganz lieben Dank! 🙂 Ich versuche immer langfristig zu denken (und zu laufen), aber man merkt immer wieder, dass die Tendenz mittlerweile bei so vielen zu immer höher-schneller-weiter geht, sodass man wirklich aufpassen muss, sich da selbst nicht mitreinziehen zu lassen. Bin da ein potentieller Kandidat für.. 😉 Aber ich habe auch genug Personen an meiner Seite die auf mich aufpassen, dass sowas nicht passiert 🙂

      Liebe Grüße von den Taunustrails zurück zur Ostsee,
      Jamie

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