Bärfenfels-Ultra – oder wie man mit Asthma überlebt. (1.5.2019)

Nach dem Ultra ist vor dem Ultra, das sagt man ja so schön. Nach dem JUNUT habe ich mich relativ schnell wieder erholt, nur fing die einsetzende Explosion der Natur an mir das Leben reichlich schwer zu machen und mir buchstäblich die Luft abzuschnüren. Vor etwas mehr als einem Jahr glaubte ich noch, all das sei psychisch. Der Lungenfunktionstest im Winter war negativ.

Und nun meine Damen und Herren ist es wieder soweit. Ich begrüße das Mädel, welches gegen alles allergisch ist was grün oder gelb und natürlichen Usprungs ist (Obst eingeschlossen!) und auch noch laufen will. Sie möchte Ultra laufen.

Die Fahrt zum Start war recht entspannt. Ich saß auf dem Beifahrersitz, hatte zwei Ceterizin intus und Georg meinte flappsig vom Fahrersitz, dass 50km doch immer gehen. Ja und nein.

Wie auch letztes Mal, haben wir etwa 30 Minuten vor dem Start nachgemeldet. Alles kein Problem. Nochmal eine Laugenstange durch die Backen gezogen und einen viel zu süßen Lebkuchen und schon stand ich im legendären Tunnel von Hoppstädten-Weiersbach (der Place to be!!) und erblickte neben mir Christian aka Culli von instagram. Endlich war die Tatsache bewiesen, dass er und ich vollkommen real waren.

Das kurze Briefing wurde durch lautes, aufgeregtes Hundegebell, aus dem Tunnel völlig übertönt. Selbst wir in der zweiten Reihe verstanden so gut wie nichts und mussten nur noch lachen.

Wie sooft ging plötzlich der Start los und traf mich leicht unvorbereitet. Ich konnte noch relativ gut atmen, die Beine waren locker und ich hängte mich mit Christian hinter Georg. Gemeinsam ging es zügig ein Stück Asphalt entlang (anders als letztes Jahr) und dann nach links auf eine Wiese, wieder nach rechts neben einen mini Bachlauf, der uns ein paar Sekunden später in den Wald auf die ersten Singletrails führten, die den Namen auch verdienten.

Es war aber auf jeden Fall ein Trail zum cruisen: kurvig, mit kurzen knackigen An- und Abstiegen, sich windend bis zu längeren Anstiegen, von denen ich die meisten auch noch rannte. Ziemlich zeitgleich bemerkte ich schon eine leichte Verengung der Bronchien, versuchte es aber gedanklich wegzudrücken. Schließlich hatte ich letztes Jahr ähnliche Probleme, die sich plötzlich nach der ersten Runde in Luft aufgelöst hatten.

Apropos Runden: diesmal gab es gleich 5 Runden, á 10,6km mit exakt 300 Höhenmetern im Anstieg. Und die sehr fies verteilt. Letztes Jahr waren es 4 Runden mit 12,3km und knappen 300 Höhenmetern.

Wir verließen den Flowtrail und begaben uns nach links auf einen etwas matschigen Wiesen-Singletrail, der kurz aus dem Wald herausführte, bevor es wieder in den Wald ging, mittlerweile stetig leicht ansteigend nach oben, mit Hüpfern über kleine Baumstämme, bis es dann irgendwann zu den richtigen Kalibern kam, auf die man allenfalls heraufspringen konnte und leicht geduckt von oben wieder herunter. Ich verrate euch, wie oft das bei mir geklappt hat – genau ein Mal 😀

Den zweiten Baum seiner Art konnte man dann wieder umlaufen. Insgesamt ist die Runde sehr schön, über mehrere kleine Dowhills mit größeren Kuhlen und viel Gehüpfe wurden wir dann bei einer Minibrücke, die über den Bach führte, wieder ausgesuckt. Dahinter ging es wieder einige Stufen herauf und um die Ecke weiter hoch. Ihr seht, der Kurs hat hier schon ganz schön Kraft gekostet, da es schwer war einen Rhythmus zu finden. Die richtigen Anstiege kamen ja erst noch, zu diesem Zeitpunkt hatte ich etwas mehr als 140 Höhenmeter und etwa 3 Kilometer hinter mir.

Ein weiterer Wurzeltrail führte etwas steiler wieder nach oben und ich entschied diesen zu gehen. Am Feldrand angekommen liefen wir sofort wieder an, denn es folgte eine leicht abfallende Waldautobahn, die jedoch an vielen Stellen auch eher uneben war, sodass man den Blick oft nicht schweifen lassen konnte.

Ich dachte an letztes Jahr, wie ich locker unter 5 laufen konnte. Dieses Mal war mir das kaum möglich. Ich fing wieder an zu husten und fühlte mich beim Atmen gehemmt. Weiter versuchte ich ruhig zu bleiben, mein Ding zu machen. Ich befand mich auf Platz zwei der Frauen, aber erkannte recht schnell, dass ich an diesem Tag niemand jagen können würde.

Bevor Christian etwas weiter vor mir völlig falsch lief, rief ich ihn schnell noch zurück. Denn wir sollten links in einen Trail einsteigen, der mit hellen, brachliegenden Birkenhölzern dann doch etwas verblockt und nicht ganz gut einzusehen war. Dort knallte die Sonne schon richtig herunter und der Boden schien staubtrocken.

Wieder im Wald ging es nun zum richtigen Anstieg, welcher auch schon letztes Jahr die Hauptattraktion gewesen ist: ein laubiger, steiniger, gemeiner Trail der gute 100 Höhenmeter oder sogar mehr brachte. Es dauerte gefühlte Ewigkeiten ihn zügig hochzuwandern. Gerne wäre ich zumindest teilweise gelaufen, aber damit hätte ich mir sofort alle Chancen genommen, das Ding durchzubringen. Damit verlor ich nach knapp 5km den Anschluss an Christian und an Georg.

Wenn man dachte, die 50 flachen Meter danach münden in einen Downhill, so hatte man sich getäuscht. Diesen musste man sich durch einen weiteren Anstieg auf einer Waldautobahn erarbeiten, der sich ewig zog. Bei uns würden wir sagen das war Taunusflach – gut vielleicht etwas mehr. Sowas laufe ich, komme was da wolle. So natürlich auch an diesem Tag. Der Strick um meine Lunge zog sich immer fester. Meine Beine wurden immer weicher, ich keuchte immer mehr, fühlte mich komisch und friemelte mein erstes Mineralien-Gum aus meiner Handbottle.

Achja, die Sache mit der Handbottle. Laufrucksäcke sind Luxus, machen wir uns mal nichts vor. Aber es ist auch Luxus, sich ohne Rucksack befreit fühlen zu dürfen, vor allem wenn einem gefühlt ein Elefant auf der Brust sitzt. Die Handbottle hingehen fing mich an auf den ersten Metern zu stören (ich trug sie rechts auf dem Handrücken). Recht schnell löste sich das Konstrukt und ich zog sie entnervt noch einmal richtig an. Als später plötzlich die Softflask fast herausfiel, hatte ich die Faxen dick und krallte mir die Flasche mit der linken hat, hielt sie fest.

Wenig später kam dann die Erfindung meines Lebens: ich wickelte einfach nur noch das Band mit dem Klettverschluss um meinen Handrücken und steckte die Finger nicht mehr in die Konstruktion. Und damit war die Sache gerettet und vor allem nicht mehr nervig.

Nach der monoton ansteigenenden Waldautobahn ging es plötzlich scharf links ziemlich steil auf etwas, was ich noch in der ersten Runde „100m Islandsteig“ getauft habe. Man was hätte man da wahnsinns Bilder machen können… Betonung auf können. Man stieg da also nach oben und über größere Felsbrocken wieder ab und wenn man nicht aufpasste, konnte man gut und gerne direkt in die zwei Damen der ersten VP springen.

Ich änderte meine Taktik, den VP im Start/Ziel Bereich zu nutzen und ließ dort meine Softflask mit Wasser auffüllen, während ich mit der anderen Hand 250ml Cola inhalierte. Noch immer war ich auf dem Trip, nicht mehr Zeit als nötig zu verlieren. Also lief ich sofort weiter zur nächsten kurzen Waldautobahn und bog rechts auf den wahrscheinlich technischsten und steilsten Downhill der ganzen Strecke ab.

Es fing human an, aber spätestens als es um teilweise lose Holzfassungen an Erdstufen mit herausstehenden Eisenstangen ging, fing ich an zu trippeln und damit dann auch an zu rutschen. Meine Beine hatten immer noch keine Power, aber spätestens als ich unten ankam, hatte ich wieder einen kleinen Schub, der mich zumindest einen weiteren gemeinen, steilen Offtrail hinaufbrachte. Oben war ich völlig außer Atem, so sehr haben mir Anstiege noch die zugesetzt… Ich erinnerte mich kurz an die Kanzelwand des Kleinwalsertals – 1,6km und knapp 800m – und ich habe selbst im Blutnebel noch gelächelt und war zügiger unterwegs!

Wir werden alle sterben, aber das hatte ich nicht für mich an diesem Tag geplant. Also ging ich oben ein paar Schritte und lief wieder auf einem flachen Wurzeltrail an, ehe es mit Anlauf zum nächsten Taunusflachen Anstieg ging, der natürlich wieder bis zum bitteren Ende gerannt wurde. Mit Musik wurde das ganze erträglicher, ich versuchte einen Flow zu finden, mir einzureden, ich spüre so etwas wie einen starken Abdruck. Meine Beine konnten mehr, aber meine Luft ließ das nicht zu. Ich versuchte nicht Frustration oder Traurigkeit zuzulassen. Nicht schon wieder!

Also tat ich das was ich noch konnte: mich etwas langsamer, aber dafür gleichmäßig da hinaufzuschieben. Danach ging es wieder scharf links und es folgte ein ewiger Waldautobahn-Downhill, auf dem ich natürlich wieder kaum Gas geben konnte.

Dieser Downhill führte irgendwann wieder nach rechts auf einen steinigen Trail, auf dem ich jedes Mal mehrmals umknickte und dann befand ich mich auf dem Asphalt-Baller-Downhill vom letzten Jahr. Was war ich da im Rausch der Geschwindigkeit gewesen, habe immer wieder eine 3 auf meiner Uhr vernommen und war einfach nur gestört happy über die ganze Situation.

2019 war das eher so 5 bis 5:30, mit leichtem Druck dahinter und Gehuste. Man kann nicht alles haben, aber wie gerne hätte ich mich nochmal so leicht und frei gefühlt. Auch dieser Downhill hatte ein Ende und führte auf erdigen Waldautobahnen wieder leicht hoch, mal mehr mal weniger wellig, aber immer schön ansteigend. Zu meiner linken ein Weiher, zu meiner rechten massives Felsgestein. Am Ende des Anstiegs ein kleiner Tunnel, der einen nach links zum Start/Ziel Bereich geleitet.

Nicht schön aber selten – the asthmatic swan

Ich versuche nochmal die Beine in die Hand zu nehmen, aber der Begriff erwies sich als unwürdig. Fast ohne einen Ton überrannte ich diese zweite Möglichkeit der VP und lief die Strecke bis zum Feldrand wieder zurück, um das gleiche Spiel von vorne zu starten.

Ich merkte wie sehr 10,6km schon an mir zehrten. Ich spürte auch, dass noch eine Runde drin war und das eigentlich sterben erst danach anfangen würde. Ein blödes Gefühl, aber in der Regel trügt mich meine Intuition nicht. Ich wollte nicht an aufhören, aber auch nicht an nicht-aufhören denken. Meine 6er Pace war dahin, aber das war egal. Ich nahm einen gehörigen Zahn raus und versuchte herauszufinden, wo ich Energie sparen konnte, ohne zu langsam zu werden.

Pflicht war es einfach zu laufen, auch wenn ich bereits schwer atmete, wenn es flach war oder nur leicht oder kurz hinauf ging. Etwas längere Anstiege wurden gegangen. Ich konnte nicht mehr tun. Das war keine Renntaktik, das war meine persönliche Survival-Taktik, mehr nicht – aber für mich Prio Nummer 1. Ich wurde aus dem vorderen Feld sehr schnell in das mittlere Feld durchgereicht, aber auch schon dafür hatte ich keinen Blick mehr. Die zweite Frau zog dann auch relativ schnell an mir vorbei und der Abstand wurde immer größer und größer. Da die Konzentration nur auf sich selbst zu lenken, wenn man genau weiß, dass man die Form hat und ja eigentlich „könnte“… hat mich doch ab und zu gebissen. Ich musste dabei auch an Marisa’s Worte denken: Bleib bei dir.

Auch stellte ich relativ schnell fest, dass das Wasser nur gerade so reichte, da es vor allem auf den ersten 4 Kilometern immer heißer wurde. Also musste ich auch da taktisch vorgehen. Pro Runde gab es etwa 2-3 Gums und bis Ende der zweiten Runde immer zwei Becher Cola.

Der lange Arschlochberg über das Laub raubte mir fast den Verstand, aber das war vielleicht auch besser so, denn weniger denken war in meinem Fall besser. Auch die dritte Frau überholte mich an diesem Berg. Also setzte ich ein Lächeln auf und sagte mir, dass all das nur Zeit ist und diese vergehen wird, wenn ich mich bewege. So war es dann auch.

Ich schaute nur noch vor mir auf die Trails und versuchte zu vergessen, wer oder was sich da vor mir abspielte. Und plötzlich war ich alleine. So alleine, wie schon lange nicht mehr und das für gefühlte Ewigkeiten. Irgendwie war mir das im zweiten Moment gerade recht – denn so konnte ich mich noch besser auf mich selbst konzentrieren, zudem lag ich laut meiner Rechnung auf Platz 3 und hinter mir schien lange niemand mehr zu kommen – eine Tatsache die mich entspannte.

Am Islandsteig war ich dann so richtig out of water und musste erstmal zwei Becher Wasser und nochmal zwei Becher Cola runterkippen. Die Handbottle wurde aufgefüllt, aber den Fehler dabei bemerkte ich erst später. Ich griff mir ein paar Salzstangen, setzte mich sogar kurz in die Hocke und versuchte die Bronchien zu entspannen. Weiter ging es.

Der Offtrail Downhill klappte dann auch direkt schon besser, denn meine Beine waren stärker und ich wusste was auf mich zukam. Leicht ging es mir auf das linke Knie, was mir mal wieder zeigt, dass richtig lange Ultras eben ihre Zeit brauchen bis sie verdaut sind, auch, wenn sich das scheinbar erstmal nicht so anfühlt – im nächsten Rennen merkt man das bestimmt!

Mittlerweile hatte ich die Runde schon grob in Abschnitte unterteilt, wurde aber dennoch immer mal wieder von ein paar Trails und Abzweigen überrascht, die ich schlicht vergessen hatte. Völlig unspektakulär und etwas schneckig brachte ich dann auch die letzten 3 km hinter mich und entschied spontan unten an der VP Cola nachzutanken. Das ganze in dem Zustand und ohne ausreichend Energie wäre reiner Selbstmord gewesen.

Mir entgegen kamen Walker und Läufer, die schon glaubten ich hätte die letzte Runde beendet. Schön wär’s! Dennoch klingt „Ich beginne die dritte Runde“, einfach besser als „Ich muss noch drei Runden laufen.“ Mit dieser Einstellung und der blubbernden Cola im Bauch lief ich wieder zur Wiese und kam auf dem kommenden Flowtrail schon viel behänder weg als noch in der Runde zuvor. Einmal Cola immer Cola. So will es das Ultra-Gesetz.

Auch wenn Luft und Lust nicht unbedingt vorhanden waren, schätzte ich dieses Laufgefühl doch sehr. Bis zum riesen Baumstamm. Jede neue Runde bereitete mir dieser mehr Probleme hinauf und herunter zu kommen – das ganze hatte etwas von einem nassen Sack und war sicherlich ein amüsanter Anblick.

Auf dieser Runde hatte ich sporadisch ein paar Mitläufer und sogar ein paar aufbauende Gespräche, vor allem am Arschlochberg. Jener erzählte mir, er habe sonst keine Allergien, würde es aber nun auch deutlich spüren. Gegen die Mittagszeit gab es dann nämlich immer wieder Pollen wie Schnee, die meine körperliche Lage ebenfalls immer mehr zuspitzte.

Immer häufiger musste ich gehen oder in die Hocke gehen, denn eigentlich machte es das Gehen alleine auch nicht besser, eben nur nicht schlimmer. Laufen dagegen tendenziell schon. Ich dachte daran auszusteigen. Aber bei 40km aussteigen? Wegen einer blöden Runde, die ich mit Sicherheit noch schaffen würde, auch wenn sie alles andere als eine Komfortzone sein würde? Zumal ich mir auch nicht ausmalen wollte, was das mit mir mental wieder angestellt hätte. Dieser Lauf blieb absehbar, da er runden-basiert ist.

So ein Finish ist daher fast geschenkt, denn viel passieren kann einfach nicht und ich fühle mich in der Lage noch beurteilen zu können, ob ich mich mit solchen Entscheidungen in eine lebensbedrohliche Lage bringe, oder mal wieder eine Gradwanderung mache, die größtenteils noch kontrolliert geschieht. Letzteres habe ich in diesem Fall so in Kauf genommen.

Also hangelte ich mich wieder den elenden Anstieg bis zum Islandsteig hinauf zur nächsten VP, trank sogar zwei Becher Wasser und wieder ebenso viel Cola und nahm diesmal die Handbottle von der Hand. Und siehe da: auf einmal passten auch 500ml hinein. Dort hockte ich kurz mit einem anderen Läufer auf einer Bank und versuchte meinen Atem zu beruhigen, mich kurz abzulenken.

Mit ein paar Salzstangen in der Hand machte ich mich wieder auf den Weg zu meinem Spezialdownhill, der diesmal etwas Wanderer- und Hundeverseucht war – dennoch war ich irgendwie froh über jeden menschlichen und tierischen Kontakt und jedes noch so müde Lächeln. Noch etwa 100 Höhenmeter und Runde 4 kann beginnen. Nicht denken, laufen. Oder auch stolpern (mehrfach) und umknicken (vier-fach).

Irgendwie schaffte ich es dann doch noch am letzten langen Anstieg zwei Kerle in blau zu überholen – man sieht sich sowieso immer mehrmals bei solchen Läufen, selbst wenn sie nicht auf Runden basieren. Als ich noch ein Gum in die Backe schieben wollte, bemerkte ich, dass die Packung wohl aus der Tasche der Handbottle gerutscht war. Also noch ein Grund mehr Runde 4 anzutreten.

Auf dem Asphaltdownhill musste ich mir erstmal einen Weg durch einen Pulk Jugendlicher bahnen, die völlig in ihrer 1. Mai Feierei aufgingen und mich angröhlten, was mir auch nochmal kurz Geschwindigkeit verschaffte, ehe ich keuchend wieder im Wald verschwand.

An der Station, wieder zwei Cola und ich saß sogar im Gras. Ob es denn schlauchen würde? Nicht direkt… auf meinen Wunschzettel stand sowas wie „weite Bronchien“. Etwas steif trat ich beinahe ohne Mimik die vorletzte Runde an.

Die Überwindung nicht zu gehen, war wirklich riesig. Dann aber die Erfahrung zu machen, dass Laufen die Sache nicht immer schlimmer oder anstrengender macht, war wirklich wichtig für mich in diesem Moment. Irgendwo hinter mir waren wieder zwei Jungs, auf die ich immer wieder auflief oder sie überholte. Also wieder nicht so ganz und gar allein, das gab mir etwas Sicherheit, während ich damit beschäftigt war, die Pollen aus meinem Gesichtsfeld zu blasen.

Es wurden immer mehr Wanderer – die meisten picknickten direkt neben dem Trail oder am Feldrand und immer wieder versuchte ich mir ihre Perspektive vorzustellen, mit noch frischen Beinen und dann gingen auch wieder ein paar Kilometer, zumindest bis zum Arschlochberg. Ich sehnte mich nach ihm und hasste ihn gleichzeitig. Aber am meisten sehnte ich mich nach dem Islandsteig, doch dieser Meilenstein musste genommen werden, bevor man sich auf den nächsten konzentrieren konnte.

Auf der Waldautobahn zum Steig fand ich dann tatsächlich die verlorene Packung mit den verbliebenen zwei Gums darin, die natürlich genau in der Sonne lag und noch klebriger und weicher geworden war, als sowieso schon. Diese steckte ich mir einfach mittig (und nichts ahnend) in den Hosenbund.

An der Island-VP habe ich mich dann mal richtig setzen müssen. Mir war jenseits von Gut und Böse zumute, kippte Cola als ginge es um mein Leben, aber auch, weil ich das Gefühl hatte, dass das Koffein etwas für mein Luftproblem tat. Auch wenn das nur wenige Minuten waren. Ich sagte nochmal Tschüss und verschwand wieder Richtung Downhill. Mein Knie tat nun richtig weh, aber ich konnte es noch belasten. Glücklicherweise erholte es sich jedes mal wieder am letzten wirklich steilen Aufstieg, sodass ich normal weiterlaufen konnte.

Doch auch an diesem Aufstieg wurde ich wieder überholt. Dame Nummer 4 hatte Stöcke dabei und meinte es ernst. Ich lächelte und ließ sie passieren, observierte noch ein bisschen in die Ferne, aber ließ es dann gut sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele hier nicht genau wissen, wie sich sowas anfühlt, wie es ist mit angezogener Handbremse unterwegs zu sein und nicht zu wissen, was mit einem passiert, ob man umkippt, wann man umkippt, wie schlimm das noch werden kann. Es ist so einfach zu denken „Lauf doch einfach“. Das waren sogar meine Gedanken währenddessen! Ging halt nur leider nicht. Kein Sauerstoff in den Muskeln, kein richtiges Aus- oder Einatmen = kein Tempo.

An diesem Tag habe ich den Kampf nicht mit meinen Mitläuferinnen ausgetragen, sondern allein mit mir selbst, was sicherlich auch nicht so unwichtig ist. Auf den letzten zwei Kilometern kam dann die fünfte Frau auf mich aufgelaufen, fragte, ob dies meine letzte Runde sei (natürlich nicht), ich hängte mich an sie dran, wir redeten kurz, ich erklärte mein Dilemma und ließ auch sie ziehen.

Während die frisch gebackenen 2., 3., und 4. Frauen auf dem Parallelstück entgegengesetzt schon in Runde 5 liefen, musste ich wieder an der VP halt machen und nochmal Cola tanken. Das was da noch ging war nicht mehr viel. Aus den Augenwinkeln sah ich die erste Frau schon mit einer Medaille um den Hals am Rand stehen. Ich glaubte, dass sie uns überrundet hatte und war etwas perplex. Es stellte sich jedoch später heraus, dass sie aufgegeben hatte und sich somit die Rangfolge doch etwas geändert hatte. Nur wusste ich das zu diesem Zeitpunkt nicht. Aber seien wir mal ehrlich: das waren nur kurze Gedankenblitze, denn meine Gedanken lagen ganz woanders.

Ich kämpfte mich in den Wald hoch, blieb mehrere Sekunden auf dem Monsterbaumstamm sitzen, musste immer wieder gehen und war komplett alleine. Meine Lunge fühlte sich an wie mit Strohkordeln zugeschnürt, ich versuchte ruhig und kontrolliert zu laufen, zu atmen und am besten noch durch den Bauch. Panik konnte ich mir nicht leisten, aber regelmäßige Sitzeinlagen an beinahe jeder Kreuzung, sicherlich. Laufen, gehen, laufen, gehen… Hi Arschlochberg.

Ich überrundete ein paar weitere Läufer, hatte kurze Unterhaltungen, sah immer wieder Wanderer – was da hieß ich war nicht allein, man würde mich schon im Worstcase finden.

Und dann kam es: das gute, warme Gefühl zu wissen, dass man es schaffen kann, wird und das ganze weder unrealistisch ist, noch lange dauert. Dass ein 50km Finish mal so wichtig für mich sein würde, hätte ich mir nicht erträumt, aber ich wollte unbedingt mal wieder durchziehen, auch bei ganz widrigen Umständen und weniger Cleverness dem eigenen Körper gegenüber. Ich brauchte das einfach, denn ich weiß wie sehr die Seele einen Körper auffressen kann. Diesmal wollte ich all diese Gedanken nicht haben „was-wäre-wenn“. Oder gar „Ich bin zu angegriffen und kann es in Zukunft gleich vergessen“. Wenn man zu oft nachgibt, dann schleichen sich die falschen Mantras in den Kopf, die vor allem dann auftreten, wenn es mal wieder richtig unkomfortabel wird. Dann muss man sich sicher sein, dass man da durch kommt und nur deshalb habe ich an diesem Tag so gehandelt wie ich gehandelt habe.

The last K (it’s uphill..) *click to watch*h

Mit diesem Wissen bin ich dann also auf den letzten Kilometer, immer schön nach oben, als ich Georg irgendwann erblickte der das Leid natürlich filmte 😉 Manchmal habe ich vorher eher so Gedanken, ins Ziel zu gehen und danach einfach aus Trotz ohnmächtig zu werden, aber das hat bisher noch nie funktioniert 😀

Ich schaffte es in 6:15h, ca 50km und 1500HM mit einem 0,3sek Lächeln ins Ziel (genau 1h langsamer als letztes Jahr). Danach fing ich jedoch an zu hyperventilieren und gleichzeitig zu heulen, vor allem weil mich das letzte Stück nochmal so richtig fertig gemacht hatte. Irgendwann konnte ich zumindest wieder aufstehen, Georg umarmen, mich umziehen, meinen Mitläuferinnen gratulieren und mich davon überzeugen zu lassen, doch 4. Frau zu sein – wie gesagt, Nebensache.

Fun fact: die halbe Packung Gums im Hosenbund haben mir einen fetten lila Bluterguss beschehrt – mein Körper ist eine Primel!

Ich bin einfach nur froh, das Ding überlebt zu haben und einen Tag später habe ich dann auch direkt Cortison bekommen und jetzt geht es mir auch wieder einigermaßen – also braucht sich aktuell niemand Sorgen machen, ich passe auch in Zukunft auf mich auf und schaue wie diesen und kommenden Sommer sinnvoll gestalte, um genau solche Erfahrungen zu minimieren.

— Jamie

2 Gedanken zu “Bärfenfels-Ultra – oder wie man mit Asthma überlebt. (1.5.2019)

  1. Liebe Jamie,
    ich liebe Deine Berichte und diesmal wusste ich ja schon wegen der Hinweise auf Instagram wie viel Leid in diesem Lauf gesteckt hat. Ich muss trotzdem meine Bewunderung ausdrücken, denn das Ding ohne die Unterstützung des Körpers nur mit dem Kopf, der ja auch noch etwas angeschlagen war, nach Hause zu laufen, grenzt schon an eine Meisterleistung. Chapeau!
    Ich kann Dir mal wieder nur gratulieren und wünschen, dass Du in der Zukunft mit den Allergenen besser fertig wirst

    Salut

    1. Lieber Christian, freut mich einen solch treuen Leser zu haben, auch wenn hier nicht immer alles so rosarot ist 🙂 Ganz lieben Dank für deinen Kommentar, das hast du tatsächlich sehr treffend gesagt, so hatte ich das nämlich noch nicht gesehen. Mittlerweile habe ich Cortison und siehe da, ich kann wieder am Leben teilhaben…

      LG,
      Jamie

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