Laufen und Trauma

Mir ist es schon lange ein Wunsch über solch ein Thema wie Laufen und Trauma zu schreiben und gleichzeitig fürchte ich mich ein bisschen davor. Vielleicht, weil es über das hinausgeht was dieser Blog sonst für euch bereit gehalten hat. Ich finde es sehr schwierig, den richtigen Umgang damit zu finden, da ich dies nicht ausschlachten möchte und schon gar nicht in eine Opferrolle gedrängt werden möchte. Je mehr ich versucht habe diese Idee wieder zu begraben, desto mehr wurde sie mir präsent.

Wenn man mit einem Trauma lebt, dann ist es immer irgendwie da, es ist nie gänzlich verschwunden. Wie Schatten ist es mal mehr und mal weniger präsent. Es müssen noch nicht einmal so genannte „Flashbacks“ sein, die das Selbst plötzlich aus dem Alltag reißen und ungefiltert eine Bilderflut, von einem oder mehreren belastenden Ereignissen, durch den Kopf hämmern lässt. Gerade wenn man schon mehrere Jahre, oder Jahrzehnte mit dieser Belastung lebt, dann haben Bilder irgendwann ausgedient. Was bleibt ist oft eine innere Leere, Dissoziation, ein starkes Gefühl des Zerreißens, Antriebslosigkeit und ein (chronischer) Erschöpfungszustand.

Manchmal sitze ich im Auto, beschleunige wie in Trance auf der Autobahn, überschreite die 160 und plötzlich bin ich wieder „da“, aber eben doch nicht. Dieses Gefühl versetzt mich immer wieder in Panik – ich kenne es, aber es bleibt dennoch gefühlt unkontrolliert. Ich weiß, dass ich ich bin, doch mein Körper fühlt sich völlig fremd an. Die anderen Autos zischen an mir vorbei und ich bin mir nicht ganz sicher, ob dies ein Traum oder die Realität ist. Ich sehe mich selbst im Auto sitzen und entfremde mich immer mehr von mir und meinem Körper. Mein Herz rast, meine Hände werden kalt und schweißig. Ich versuche tief durchzuatmen, eine Spur weiter nach rechts zu wechseln. Schlage mir kurz ins Gesicht. Alles wirkt so irreal. „Was wäre, wenn ich nur einmal kurz nach links lenken würde?“ Mein Inneres weiß, ich wäre sofort tot. Diese Erkenntnis und die gleichzeitige Angst es doch zu tun, weil alles wie im Tunnel und Trance abläuft, lässt mein Nervensystem schier ausrasten.

Während ich das geschildert habe kann ich es genau fühlen, meine Handflächen sind leicht geschwitzt, es nimmt mich mit wenn ich nur an etwas denke, was durch ein jahrelanges Trauma tief in meinem Autopiloten einprogrammiert ist. Vielleicht gibt das eine leise Ahnung darüber, wie tiefgreifend ein Trauma einen Menschen nachhaltig fordert – all das kostet Energie. Gleichzeitig kann man nicht mehr schlafen. Schlaf wird zu etwas heiligem, was das Leben an sich immer mehr unterordnet, selbst als man starke Medikamente beschrieben bekommt, ist es manchmal immer noch sehr schwierig die Kontrolle loszulassen und in den Schlaf zu sinken und/oder darin zu bleiben.

Eine gute Nacht bedeutet für mich, dass ich zwischen 9 und 10 Stunden Schlaf hatte, welcher besser nicht später als 21 Uhr beginnt und ich im Schnitt nur 10-15 Mal wach geworden bin. Ich brauche den halben Nachmittag um mich auf das Einschlafen vorzubereiten. So wie auch jetzt, es ist kurz vor 18 Uhr, ein Rollläden neben mir ist bereits runter, ich meide helles oder grelles Licht, ich höre Musik, ich brauche es ruhig. Ich besitze eine Brille mit Blaulichtfilter, mein Smartphone ist meist um 20 Uhr ausgeschaltet und wechselt ebenfalls selbstständig in den Nachtmodus (blaues Licht wird deaktiviert). Wenn das nicht so ist, brauche ich wieder zwei bis drei Nächte, um das „Gleichgewicht“ wiederherzustellen.

Meine Abende und Morgen sind bis auf ein paar Ausnahmen, alle gleich und haben den exakt gleichen Ablauf. Ich könnte auch anders, manchmal muss man das ja auch, aber auf lange Sicht tut mir diese Struktur und der immer gleiche Tanz gut. Auch Mori, meine Hündin trägt ihren Teil dazu bei, da wir uns ohne Worte gut tun und ihr meine Struktur ebenso gut tut. Es hilft mir auch sie im Auto zu wissen, wenn ich alleine unterwegs ist. Wenn es ganz schlimm ist, setze ich sie manchmal in den Fußraum neben mir, anstatt in ihre Box in den Kofferraum.

Von Vormittag bis Nachmittag bin ich recht flexibel und benötige das auch, da ich sonst Gefahr laufe vor lauter To Do’s zu erstarren und es kostest enorme Kraft mich daraus zu lösen und produktiv zu werden. Ohne Home Office schätze ich mich als nicht arbeitsfähig ein. Dazu gibt es aber bereits einen anderen Blogeintrag.

Das ist für mich bisher das beste Leben was ich für mich führen kann, um am Leben teilhaben zu können, genug Kraft für Freunde, Spaß und Sport zu haben, auch wenn sich das vorerst nicht immer so anfühlt. Wobei wir da genau an dem Punkt wären:

Wie passen Laufen und Trauma eigentlich zusammen?

Als psychischesseelisches oder mentales Trauma (Plural TraumataTraumen) wird in der Psychologie eine seelische Verletzung bezeichnet. Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet allgemein Verletzung (griechisch Wunde, τραύμα), ohne dabei eine Festlegung zu treffen, wodurch diese hervorgerufen wurde.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Trauma_(Psychologie))

Zunächst muss ich für mich selbst sprechen und sagen, dass ich absolut froh bin, dass ich damals so selbstzerstörerisch und bissig war. Denn nur das hat mich zum Laufen gebracht. Vor etwa 12 Jahren wollte ich mir permanent selbst schaden, mein Selbsthass war riesig und gipfelte irgendwann in einer Kombination aus hungern und Sport im Fitnessstudio. Der Kampf gegen mich selbst wurde glücklicherweise irgendwann zum Kampf zu mir selbst. Den Kampf gegen mich führte ich jedoch leider mindestens 7 Jahre, natürlich bei weitem nicht mehr so extrem wie am Anfang, aber ich fühlte mich nie wohl in meinem Körper und Kontrolle hatte lange Priorität Nummer eins.

Als ich Anfang 2016 die Trails für mich entdeckte und die Strecken plötzlich immer länger wurden, merkte ich dass Nahrung logischerweise ein wichtiger Bestandteil war, um weiter laufen zu können. Diese Erkenntnis setzte sich innerhalb der folgenden zwei Jahre und ich lernte meinem Körper und vor allem mir selbst, wieder zu vertrauen. Das erste Mal in meinem Leben war ich ab und an mal wieder Stolz auf mich.

Ich hatte über die Jahre eigentlich völlig verlernt auf mein eigenes Bauchgefühl zu vertrauen, da mir immer eingetrichtert wurde, dies sei schlecht. Ich bin seit ich 6 Jahre alt war in einer Religionsgemeinschaft/Sekte aufgewachsen und lernte darin folglich der Bibel „Sich nicht auf den eigenen Verstand zu verlassen“, sondern zu leben und zu handeln wie Gott es gefällt und vor allem, wie es meinen Eltern gefiel. Mein Vater war als das Haupt der Familie Jesus unterstellt, meine Mutter ihrem Haupt und ich meinen Eltern. Gedeckelt mit einer Gemeinschaft voller Gleichgesinnten, keinen Kindern in meinem Alter, wuchs ich quasi unter Erwachsenen auf.

15 Jahre

Freundschaften wurden erstickt und so oder so entwickelte ich mich zum Außenseiter, welcher nicht einmal bei den Unbeliebten in der Pause stehen durfte. Ich wusste nicht wo ich lieber war, in der Schule oder zu Hause. Ich wollte eigentlich nur weg, wusste aber nicht wohin. Die Gemeinschaft wusste all dies und sie schützten mich nicht. Es gab keinen Rückhalt für mich und ich hatte mir zu Hause keine Fehler zu erlauben, so klein sie auch waren. Ich fühlte mich bis ich 24 war schuldig und schämte mich für meine Fehler. Eine frühere Therapeutin von mir fasste meine Schilderungen so zusammen: „Das ist genau wie bei der Stasi mit ihren Foltermethoden“.

Man kann sagen ich habe mich freigelaufen und ich bin noch dabei, denn wie man so schön sagt ist bekanntlich der Weg das Ziel. Wenn ich so zurückdenke, waren die Trails eine riesen Herausforderung für mich. Mit einem Trauma kann man lange in einer Art innerlichen Schockstarre gefangen sein, die sich auch auf Motorik und Intuition auswirken kann. Das wirkte sich derart bei mir beim Traillaufen aus, sodass ich mindestens ein Jahr keinen steileren Downhill im Laufschritt heruntergekommen bin. Damals habe ich deswegen oft geweint, weil ich mir es nicht erklären konnte. Deshalb entwickelte ich eine Liebe für das Bergauflaufen, setzte mich aber gleichzeitig derart unter Druck, Downhill endlich besser zu werden, dass ich immer mehr daran scheiterte.

Ich kannte natürlich die Technik, aber das eigentliche Problem war mein Kopf, der nur selten im Moment und bei der Sache war, dazu mein permanent überreiztes Nervensystem, welches bei solchen Unterfangen natürlich sofort Alarm schlug. Wieder war ich an dem Punkt zu denken: „Was nur ist falsch mit dir!?“ Meine Konzentration reichte etwa für 50-100m, dann musste ich oft stehen bleiben und Kopf und Füße ordnen. An ganz schlechten Tagen verschwamm alles vor mir. „Accept the downhill“ – das hatte ich mir lange gewünscht. Letzten Endes arbeite ich noch immer daran, jedoch ist es kein Vergleich mehr zu meinen Anfängen.

Auf meinen gewohnten Laufstrecken schaffte ich es irgendwann abzuschalten und Leichtigkeit zu entdecken. Zudem spürte ich, dass dies ein Zustand war, den ich sonst noch nie spüren durfte: ich war mit mir im Reinen und hatte ein gutes Körpergefühl. Ich schaffte die Waage ab, verbot mir nichts mehr zu essen, nahm 5-10 Kilo zu und biss die Zähne zusammen. Mein Stoffwechsel normalisierte sich über die Jahre und plötzlich nahm ich ohne darauf zu achten fast alles wieder ab. Mit jedem Jahr fühlte ich mich wohler in meinem Körper, denn mit der Zeit hatte ich einen Körper, der durch Laufen und Krafttraining geformt war und ich hatte das Wissen, dass ich sehr vieles schaffen kann, wenn ich nur dran bleibe. Die 90km Keufelskopf-Ultra waren nicht nur mein erster Ultra überhaupt, sondern auch ein Tag an dem ich so stolz auf mich war, da ich nicht begreifen konnte, wie ich so etwas mit nur ein bis zwei 50km-Läufen (etwa 5 Wochen davor und der zweite 5 Tage davor) geschafft hatte.

K-UT (erster Ultra)

Laufen ist tatsächlich für mich die Antwort auf fast alles. Egal wie ich mich fühlte, ich wollte es zumindest versuchen einen Schritt nach draußen zu wagen. „Wenn es nichts wird, läufst du halt eine 6er Pace und weinst zu Hause eine Runde“. Ich glaube die Fälle in denen das vorgekommen ist, kann ich an einer Hand abzählen. Tatsächlich glaube ich auch, dass Laufen im Vergleich zu gehen eine Form von Meditation ist, die ich beim Gehen nicht erreiche. Ich stelle mir das ähnlich wie bei der Therapiemethode des EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) vor, bei der es das Ziel ist beide Gehirnhälften mittels Augenbewegungen auszubalancieren und so Erlebtes als weniger belastend zu empfinden. Mein Therapeut wendet bei mir gerade EMDR in Form einer haptischen Methode an, aber wir stehen erst am Anfang.

Die Hälfte des letzten Jahres (2020) und diese erste Jahreshälfte haben mich mental nochmal einen Schritt nach vorne gebracht, da ich es endlich geschafft habe, etwas Druck von mir selbst abzulassen. Plötzlich lief alles weicher, lockerer und vor allem schneller. Zudem habe ich mir schon sehr lange abtrainiert, mich mit anderen zu vergleichen und schaffe lieber die bestmögliche Version meiner selbst. Ich habe vor einiger Zeit ein Buch gelesen, in welchem folgender Satz in mein Auge fiel:

„Und auf ihrem/seinen Grabstein stand – „Hat alle glücklich gemacht, nur sich selbst nicht“.

Das Laufen lehrt einen auch etwas mit sich anzufangen zu wissen, wenn man gerade wegen Verletzung o.ä. nicht dem Sport nachgehen kann. Ich habe Tage da ruhe ich in mir selbst und lächle bestimmt wie Buddha, oder ich habe Tage, in dem mich die Leere in mir fast auffrisst, ich dauermüde bin, mich eine halbe Stunde hinlegen muss, oder ich derart nervös bin, dass mein ganzer Körper zittert, ehe ich es schaffe die Schuhe anzuziehen und in den Wald zu gehen oder zu laufen. Und dann sehe ich dieses Grün, spüre die frische Luft, bin draußen und weiß dass ich da hingehöre. Mein Kopf wird mit jedem Schritt leichter und klarer. Ich lache über Mori oder höre Musik. Laufen hilft, wenn man es kontinuierlich tut.

Wenn man dann nach Hause kommt, besonders wenn man von einem Tempotraining nach Hause kommt, dann gibt es da nicht mehr viele Zustände im Körper. Automatisch besinnt man sich auf die simplen Dinge des Lebens wie Duschen, Essen, es sich gemütlich machen oder Weiterarbeiten mit einem frischen Kopf. Alle kleinen piekenden Gedanken sind fast verschwunden und dann hat man eines der erstrebenswertesten Ziele erreicht: Im Moment zu Leben. Zu atmen, von einer Sekunde auf die andere. Zu lächeln (auch beim Laufen), weil das Gehirn dann Glückshormone ausschüttet.

Ich möchte euch noch gerne etwas an die Hand geben, wenn gar nichts mehr geht, bspw. wegen einer Panikattacke oder Ängsten, das kann man machen egal wo man ist. Ich mache es am liebsten mit geschlossenen Augen.

Atme 6 Sekunden ein, halte den Atem für weitere 6 Sekunden und atme dann wieder 6 Sekunden aus.
Wiederhole dies so lange, bis du deutlich ruhiger bist. Das kann 4 Minuten oder mehr, dauern.

Wenn ihr lieber die Augen auf habt und eine schnelle Lösung sucht, dann hilft auch dies hier sehr gut:

Fokussiere den Raum in dem du dich gerade befindest. Benenne dann alle Dinge in Gedanken, die sich um dich herum befinden (Ein Glas, ein Schrank, ein Bild, eine Decke etc. )

Ich würde mich freuen wieder mehr mit euch in den Austausch zu kommen und ich hoffe euch hat dieser etwas andere Beitrag trotzdem gefallen 🙂

— Jamie

7 Gedanken zu “Laufen und Trauma

  1. Wow, allergrößter Respekt Jamie vor Deiner schonungslosen Offenheit. Chapeau! Oftmals habe ich mich selbst in Deinem Text wiederentdeckt… Hat Spaß gemacht, Deinen Text zu lesen und mit Dir zu empfinden. LG, Uwe

    1. Dem kann ich nur voll und ganz beipflichten.
      Vielleicht sind deinen unglaublich intensiven und intimen Texte ein weiterer Weg zu dir selbst zu finden.
      Außerdem bewundere ich deinen Mut all deine Gefühle und Emotionen so offen preiszugeben.
      Freue mich jetzt schon wieder von dir zu hören und zu lesen!
      Alles Liebe von Harry

      1. Danke Harry! Ich hoffe dass ich das nicht bereuen werde, oft nagt die Angst, was andere wohl von mir denken… Aber dem sollte man eigentlich nicht weiter nachgehen. Freut mich ebenfalls wieder von dir gehört zu haben!

  2. Das ist total lieb, vielen Dank. Ich habe beim Schreiben immer das Gefühl gehabt es ist nur ein winziger Teil den ich preisgegeben habe, da es noch so viel mehr zu erzählen gibt, deshalb ist mir das eher leichter gefallen 🙂
    LG, Jamie

  3. Danke für Deine Offenheit Jamie, das ist stark. Ich selbst habe generalisierte Angststörung mit ein paar Co-Morbiditäten und habe mich in vielen Aspekten Deines Artikel wieder erkannt, witzigerweise vor allem in dem Punkt „Downhills“. Mit dem Begriff „überreiztes Nervensystem“ hast Du die Problematik auf den Punkt gebracht.

  4. Hallo, Jamie, auch ich bin überrascht über deine schonungslose Offenheit, finde es aber gleichfalls sehr gut, dass du alles niedergeschrieben hast, was andere von dir – deinem Leben denken – kann dir egal sein !

    Da ich bekanntermaßen schon seit 42 Jahren laufe, kann ich nur lauthals bestätigen, dass Laufen auch für mich ein Allheilmittel ist /war, mir schon in manchen Lebenslagen Halt gab, mir half, so manche – vielleicht für andere – unüberwindbare Hürden zu meistern. Laufen hilft, Laufen Elixier für Körper GEIST und SEELE, kann dir nur beipflichten, ein Leben lang dabei zu bleiben, du wirst es nie bereuen, vorausgesetzt, du verlangst irgendwann zu viel von dir, dann geht der Schuss in die falsche Richtung !

    Schreiben hilft auch – auch das habe ich lernen dürfen !

    Alles Gute für dich – bleib auf diesem Weg 😎 🍀

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