39. Halbmarathon Mörfelden 20.02.2016

Eigentlich will ich gar nicht groß darüber schreiben, aber ich mache es dennoch – denn dann lerne ich hoffentlich endlich mal aus meinen Fehlern, auch wenn ich die ganz Schlimmen in der Regel nicht wiederhole.

Letztes Jahr bin ich den Halbmarathon in Mörfelden ebenfalls gelaufen und zwar direkt mit einer PB von 1:43:57h von ehemals 1:57h. Das war ein Sprung der mir innerhalb von knapp einem Jahr geglückt war, aber auch nur, weil ich gelaufen bin wie eine Verrückte, seitdem fast täglich und oft am Anschlag. Das war zwar oft schmerzlich und mit vielen Anfängerfehlern verbunden, aber letzten Endes hat es mich aus dem Sumpf meiner gottgegeben Grundgeschwindigkeit herausgezogen und mir gezeigt, dass ich etwas erreichen kann, wenn ich denn will.

Für mich war klar, dass ich den selben HM das Jahr drauf nochmal laufen würde und eigentlich hatte ich den Plan mich gezielter darauf vorzubereiten, denn eigentlich war ich noch geübter über längere Distanzen und mit Intervallen auf der Bahn kam ich meinem Wunschtempo immer näher und es wurde gefühlt immer leichter. Ich hoffe noch immer mit Biss und Training bei 1:30 herauszukommen. Ich hatte letzten Oktober damit angefangen und Ende November bzw Dezember war es dann aus, weil ich nur noch Schmerzen hatte und nach dem Silvesterlauf zog ich dann komplett die Bremse. Erst 4 Wochen vor dem Wettkampf konnte ich es mal wieder ansatzweise mit Tempoläufen probieren (wovon einer mit 17km sich auch echt mal nach was anfühlte), aber ich war es einfach auf die lange Strecke nicht mehr so gewohnt und das wurde mir am Sonntag leider zum Verhängnis.

Ich pendelte zwischen gar nicht nervös und sehr nervös, etwas dazwischen gab es nicht. Es ist schwierig die richtige Taktik zu wählen, wenn man mittlerweile weiß, dass man auch deutlich unter einer 5er Pace laufen kann. Also setzte ich mir das maximale Zeitziel von 1:38 und das minimale von 1:43h. Ich wusste, dass ich in der Lage sein musste im Schnitt 4:45 zu laufen, selbst wenn es weh tun würde.

Thomas fuhr mich nach Mörfelden und Gunnar leistete ihm Beistand. Ich war relativ still und eigentlich die meiste Zeit am überschlagen und rechnen. Am Abend vorher hatte ich noch meinen Fuß mit Tapes stabilisiert und rechts die Adduktoren geklebt, weil es da immer noch leicht zog. Und zumindest das fühlte sich richtig gut an.

IMG_20160221_091428463

Wir kamen auf dem Parkplatz an, es regnete, es war windig, der Boden war komplett aufgeweicht, sodass ich schon beim Aussteigen mit dem Fuß im Matsch versank. Startunterlagen abgeholt, die erste Jacke ausgezogen, um kurz nach 9 auf der Bahn eingelaufen und ich hatte noch immer keine Ahnung was das werden würde. Die letzten 10 Minuten vergingen viel zu langsam, alle stellten sich auf der Bahn am Start auf, ich stand wie das Jahr zuvor ziemlich weit vorne, am äußeren Rand während das Adrenalin wie eine doppelte Dosis Red Bull von mir Besitz ergriff und ich einfach nur noch loslaufen wollte.

IMG_20160221_093017459

Dann der Startschuss und ich merkte schon nach den ersten beiden Schritten wie mir fast die Beine wegsackten, weil ich innerlich anscheinend schon die ganze Zeit über zitterte. Warum ich mich so verrückt machte, kann ich auch nicht sagen. Ich wollte es wahrscheinlich einfach nur mal wieder wissen und ignorierte dabei die Tatsache, dass ich mich tempotechnisch nicht darauf vorbereitet hatte.

Es dauerte zwei einhalb Kilometer, ehe ich das Gefühl hatte, dass meine Beine mich wieder trugen. In meinem Kopf kamen immer wieder ganz kurz Szenarien durch, wie ich auf dem schlammigen Waldboden wegrutschte und ein paar Nussschalen küsste. Meine Uhr gab mir anfangs die meiste Zeit 4:45-4:50 aus, sodass ich dachte ich könnte auf den flachen Strecken ruhig noch ein bisschen auf die Tube drücken. Ich hatte es vollkommen vergessen: schon letztes Jahr war das mit dem GPS und dem angezeigten Tempo so eine Sache in diesem Wald. In Wahrheit lief ich nämlich 4:30 und das war für mich für einen HM einfach zu schnell. Ich hatte auch vergessen, wie trügerisch die latenten Steigungen und deren bergab-Passagen waren. Nicht alles was aussah wie bergab war es auch. Das merkte man jedoch erst, wenn man auf der Parallelen wieder zurück lief und entweder erfreut feststellte, dass man leichter schneller laufen konnte oder man eher gebremst wurde.

Dazu die mentale Kiste: jeder Kilometer war markiert, aber da man erstens die 10,5km Strecke zwei Mal laufen musste, gab es jeweils immer zwei verschiedene Markierungen im Abstand von etwa 500 Metern. Gleichzeitig stellte ich fest, dass Garmin mir 200m zu wenig anzeigte. Noch bevor ich bspw. bei Kilometer 4 ankam, passierte ich das Schild von Kilometer 11. Gedanklich sieht man sich dann schon das zweite Mal dort entlanglaufen, guckt auf die Uhr und fragt sich wie lange das überhaupt noch auf Runde 1 gut gehen sollte. Ich hatte zwar kurzzeitig nach 5km in unter 23 Minuten das gute Gefühl endlich im Tritt zu sein, aber spätestens nach dem Kerl mit der Kuhglocke und dem ersten Feld welches mir auf der Parallelen schon wieder entgegen kam, während ich dieses bergan-bergab Spiel des Mörfelder Lummerlands versuchte zu meinen Gunsten zu spielen, wusste ich bei Kilometer 8, dass dies kein Kindergeburtstag mehr werden würde.

IMG_20160221_101317170

Ich sagte mir: „Keiner hat gesagt, dass es leicht wird. Es ist ein Wettkampf. Das tut weh. Lauf.“ In mir nagte das beklemmende Gefühl, dass ich zwar meinen Kopf besiegen können würde, aber ich mir nicht sicher war, was mein Körper vor hatte. Und genau in diesem Augenblick verließ mich auch die Musik in meinem Ohr, warum auch immer. Das was mich möglicherweise noch etwas leichter über die letzten 5 Kilometer getragen hätte. Ich hatte alles so derart gut untergebracht, dass ich daran nichts mehr ändern konnte. Also lief ich einfach weiter und überschlug munter die Kilometer. Wenn ich es erst bis Kilometer 9 geschafft hätte, wäre ich fast wieder im Stadion. Und ich war gut in der Zeit, ich musste einfach weiter laufen und hatte keinerlei Schmerzen.

CM160221-102439013

Und schon war ich im Begriff den Wald wieder zu verlassen – begleitet von erbitterndem Gegenwind. Kurz vor dem Stadion sah ich Gunnar und Thomas am Wegesrand stehen und ich konnte kurz lächeln. Ab auf die Bahn (ach was lief es sich da plötzlich so leicht) und knapp 400 Meter lang nochmal einen Zahn zugelegt. An meiner rechten Hand der Transponder, vor mir das Time-Gate inklusive der Uhr, die sich gerade auf 50 Minuten zubewegte. In genau 50,01min war ich mit einem Piep hindurch. Zurück auf den schlickigen Untergrund, zurück zu den leichten aber energiefressenden Steigungen. Zurück zu dem Wunsch kurz langsamer zu machen.

CM160221-102439016

Kurz nach Kilometer 11 – ein letztes Mal Thomas und Gunnar. Lächeln ging nicht mehr. Mir entfleuchte ein kurzes: „oh verdammte Scheiße..“, bevor ich mich wieder auf Atmen und laufen konzentrierte. Ich war eigentlich schon fast am Ende, es war ein Gefühl wie kurz vor dem Umkippen und ich drosselte das Tempo auf über 5. Ich dachte ich könnte darüber hinaus gehen, aber es funktionierte nicht. Da hatte ich das erste Mal seit sehr sehr langer Zeit keine Schmerzen und dann sowas. Rückblickend kann ich kaum noch beschreiben was ich da überhaupt fühlte, es war keine Schwäche und mein Puls war kaum über 180. Ich hatte einfach keine Power mehr. Mir wurde bei jedem Atemzug schlechter, sodass ich teilweise dachte ich müsse mich übergeben. Nur mit dem Kopf zu laufen funktionierte nicht mehr. Es war eine Verzweiflung wie ich sie keinem wünsche. Dass mir 5:10 jemals so schwer fallen würden, hätte ich nicht mehr für möglich gehalten. Bei Kilometer 13 dachte ich an abbrechen. Ich dachte daran einfach kurz stehen zu bleiben. Ich schaute auf die Uhr, vergaß immer wieder wie weit ich schon gelaufen war, sah die Markierungen nicht mehr, wurde überholt.

Kilometer 15 kam in Sicht, ich wusste, dass ich bei 1:10h sein musste, um mein Zeitziel zu erreichen. Die Realität sah anders aus und bewegte sich schon auf über 1:12h zu. In meinem Kopf erwachte das Mittel-Ziel: 1:41h. Wenigstens bitte das! Noch während ich das versuchte in Angriff zu nehmen, kreuzten plötzlich Radfahrer und Walker meinen Weg, brachten mich aus dem Tritt. Ich wurde noch langsamer und jeder Kilometer kam mir vor wie eine Ewigkeit. Mir war speiübel und ich wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen, denn bitte was sind schon 21km? Ich versuchte mich nicht schon während des Laufs anzuzweifeln, aber diese Frage nach dem Warum und dem Sinn..was würde es mir bringen das jetzt durchzuziehen? Auf der anderen Seite: wie würde ich mich nachher fühlen, wenn ich einfach aufgeben würde? Was, wenn es doch nur der Kopf war?

Kilometer 17. Mein Kreislauf spielte verrückt, mein Puls sank auf das untere Ende von 150. „Wenn du noch Kilometer 18 erreichst, dann kann nicht mehr viel passieren.“ Also lief ich beinahe blind weiter, um jeden Meter kämpfend. Es war wie ein schlechter Traum. 18 kam in Sicht und plötzlich geschah es, der Zugläufer, der lange Zeit noch Minuten hinter mir gewesen war überholte mich, locker plaudernd. Als ich nochmal irgendwie meine Kräfte mobilisierte und zum Überholen ansetzen wollte, war diese Zugläufer-Front mit mindestens 6 Mann quer über dem Waldweg verteilt. Ich lief im Zickzack hinter her und kam nicht mehr vorbei.

Erst auf der Bahn, auf der ich wieder hätte laufen können, verteilte sich alles wieder. Ich sah mich schon im Ziel liegen. Ja ganz recht, liegen. Alles was ich wollte war noch immer: stehen bleiben. Auf der zweiten Hälfte der Bahn zog ich nochmal ein bisschen an, aber viel ging nicht mehr. Ich wollte nur dass es „Piep“ machte. Ich sah die 1:44h und es war als rammte mir jemand etwas in den Magen. Egal was ich jetzt auch tat, ich war langsamer als letztes Jahr. Bei 1:45:16h war der Spuk vorbei.

IMG_20160221_111515714

Ich bewegte mich auf die Tribüne zu, setzte mich hin, unfähig zu sprechen. Unfähig die Frage: „Wie wars?“, zu beantworten. Nichts von diesen 21 Kilometern hätte ich zu diesem Zeitpunkt in Worte fassen können. Es war ein Schlag ins Gesicht und mir unbegreiflich wie man einen so furchtbaren Split mit 5 Minuten Differenz laufen konnte. Ich war noch nicht mal froh, dass es vorbei war. Ich war einfach nur betäubt. Hatte keinerlei Bedürfnisse mehr.

Erst als mir kalt wurde, setzte ich mich wieder in Bewegung und merkte das erste Mal, dass ich absolut schmerzfrei geblieben war. Das letzte Mal konnte ich nämlich nicht mehr gerade gehen.

IMG_20160221_115447668

Wir warteten noch, bis die Ergebnislisten ausgehängt wurden. 3. Platz, AK W20. Die beiden anderen vor mir mit einem riesigen Zeitunterschied von fast 20 Minuten. Nur knapp 10 Sekunden hinter mir die 4. Platzierte. Ich wünschte mir, sie wäre schneller gewesen als ich, denn ich wollte für das was ich da gelaufen war, keine Urkunde. Nein das wollte ich nicht. Aber es war halt so. Und danach war ich sofort wieder weg. Ich saß im Auto und fing wieder an zu rechnen. Ich hätte eine glatte 5er Pace ganz gemütlich laufen können und hätte mich dann nach hinten raus nicht so prügeln müssen. Aber ich hatte es riskiert und leider im Kampf gegen mich selbst verloren. Ich sagte mir, dass ich dafür nicht spezifisch trainiert hatte. Ich sagte mir, dass ich schmerzfrei war.

Als wir zu Hause waren, stand ich bis zum Abend immer wieder kurz davor mich zu übergeben. Mein Gefühl hatte mich doch nicht getäuscht, im Rennen selbst war schon eine Menge nicht in Ordnung gewesen und das bekam ich noch stundenlang weiter nachgetragen. Es ist nicht immer nur der Kopf der einem etwas vorschreibt, in diesem Fall war ich total an mein Limit gekommen und hätte ich noch weiter gebissen, wäre ich wahrscheinlich tatsächlich einfach umgekippt. Sowas ist mir bisher noch nie passiert, aber es ist wie sooft eine Erfahrung die man unbedingt mitnehmen sollte, da ich nun definitiv weiß, wann es zuviel wird.

Auch die Auswertung bei Garmin sagte mir die ersten Kilometer bei 4:30 an, zur Mitte hin dann 4:46 und der langsamste war 5:23.

Was bleibt ist jedoch immer noch ein bitterer Nachgeschmack und der Versuch, das was da ablief, irgendwie in Worte zu packen – doch ich glaube das gelingt mir in diesem Leben nicht mehr. Ich bin etwas sprachlos und kann das weder als positiv noch als negativ bewerten. Wichtig ist jetzt nur, dass ich einen Anknüpfungspunkt finde und auf die Schmerzfreiheit aufbaue, die ich echt mehr als genieße.

Advertisements