Wenn aus Biken Laufen wird

Die letzte Bike-Tour habe ich euch, dank des Kurparklaufs in Bad Homburg, komplett unterschlagen. Dabei war die eigentlich ziemlich witzig. Und ich muss auch sagen, je kälter, dunkler und winterlicher es wird, desto größer ist die Gruppen-Schweinehund-Dynamik. Deshalb sind wir zu Dritt gestartet (Gunnar, Christian und ich) – wie immer an der Hohemark und (erst) um 9h. Alle sind müde, wollen länger schlafen…und so 😀

Gunnar war super demotiviert und Christian schnupfte noch durch die Gegend. Ich entschied, dass wir lange und qualvoll fahren. Und dass ich nicht vor hatte mich „tot-zufahren“, wegen dem 10k Lauf den Tag darauf.

Etwas schweigsam ging es Richtung Saalburg mit langatmigen moderaten Anstiegen. Und dann ging die Routenplanung plötzlich ganz schnell – von der Saalburg über den Hessenpark, Richtung Wehrheim und über den Limes-Erlebnispfad. Prima Trail. Und dann wieder zum Sandplacken und von dort auf den Feldberg.

So viele Pilzesammler mit Körben (nagut, auch mit Alditüten) habe ich noch nie im Wald gesehen. Zumindest nicht alle auf einmal. Das triggerte natürlich. Christian spähte schon vom Bike ins Gebüsch. Und spätestens als wir den Limes-Trail erreichten, bekam er wohl schon zitternde Hände. Bestimmt nicht vor Kälte, denn uns war mittlerweile wieder warm und ich hatte meine Jacke auch nicht mehr ausgezogen. Ich hörte nur: „Oh, da ist einer!“ Und: „Hier auch!“

Gunnar war schon voraus gefahren und bekam also nichts mehr mit. Ich durfte erleben, wie Christian plötzlich vom MTB sprang, es mitten auf dem Trail liegen ließ und ins Gebüsch hechtete. Denn die Taunus-Pilze haben kleine Füßchen und können weglaufen. Mit Sicherheit. Der Trick bestand natürlich auch darin, den Trail im Blick zu behalten UND Pilze zu suchen. Ganz so leicht wollten wir es uns ja auch wieder nicht machen.

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Also stieg ich auch ab und näherte mich dem Pilzfetischist (der sie übrigens selbst gar nicht essen mag!!) und schaute ihm bei der Ernte verschiedener Steinpilze zu.

„Mach mal deinen Rucksack auf, die können nicht bei mir rein!“
„Dann sind das aber meine!“
„Ok!“

Gesagt getan. Wasser aus der Trinkblase gedrückt und Hi Steinpilze und Schneckenviecher, macht es euch bequem, denn wir haben noch 2,5h zu fahren. Inzwischen kam uns Gunnar wieder entgegen, mit der Annahme wir hätten einen Defekt. Ja den Pilzdefekt vielleicht.

Dann ging es gemeinsam weiter. Kurz bevor der nächste richtige Anstieg kam, musste Christian doch noch einen riesigen Parasolpilz mitnehmen. Der war so groß, dass er fast in das Netz an seinem Rucksack gepasst hätte, welches eigentlich für einen Helm bestimmt ist. Diese Aktion war so herrlich, dass ich vor lauter lachen fast nicht mehr stehen konnte. Wir räumten die Pilze hin und her, bis wir ihn schließlich doch noch bei Christian unterbrachten. Er hatte zwar den größten Rucksack, aber der war voller Jacken…

Also weiter. Mit Pilzen auf den Rücken. Ich kam mir ein bisschen so vor wie Super Mario.

Oh, nur noch 8km bergan bis zum Sandplacken. Da war bei mir irgendwie schon wieder die Luft raus. Ich dachte mal wieder ich käme mit dem 3-k Protein Shake am Morgen und 50g Maltodextrin während der Fahrt hin. Jaaa. Aber sicher. Nicht.

Also quälte ich mich den Anstieg hoch. Mein Mantra für diesen war: wir fahren nicht mehr auf den Feldberg. Nein das werden wir nicht tun.

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Als die anderen beiden 150m vor mir oben waren, bogen sie schon über die Straße Richtung Feldberg ein. Ich dachte es gäbe wenigstens eine mittlere Diskussion. Aber es gab gar keine. Irgendwie kam ich da auch noch hoch. So wie immer halt. Oben angekommen begrüßte uns der Nebel. Wir stellten die Bikes an den Zaun und Christian packte erstmal den Parasolpilz aus, um ihn atmen zu lassen, ihm den Feldberg zu präsentieren und natürlich um die Unversehrtheit zu überprüfen. Der Pilz wurde liebevoll auf einen Pfosten des Zauns gesetzt. Einige Leute (und man waren das viele) schauten nicht schlecht, zeigten auf den Pilz und fingen an zu lachen. Alles was mir dazu einfiel war: „Wir bringen immer extra einen Pilz von zu Hause mit, damit er mal den Feldberg sehen kann!“

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Mittlerweile war es verdammt kalt und das wurde beim Runterfahren leider auch nicht mehr besser. Wir wollten nur noch nach Hause. Tja und zu Hause waren es dann 61km und 1317HM. Ich hatte eigentlich mit 1500HM gerechnet, aber war ja auch egal. Glücklicherweise hatte ich ja gleich das Mittagessen mitgebracht – inklusive zweier (Protein)-Schnecken. Mit Gnocchi waren die Steinpilze echt hervorragend. Nur die Küche roch irgendwie nach…Wald? 😀

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Wenn aus Biken Laufen wird. Eigentlich war ich gedanklich die ganze Zeit da. Es ist wie gesagt kälter, dunkler und im Dunkeln ist es in den Wäldern des Taunus echt gruselig irgendwie, oder nennen wir es einfach beklemmend. Dazu kommt, dass ich jetzt endlich mal wieder einen Schritt weiter kommen möchte. Nach meinem persönlichen 10k-solala-Disaster (und ich stehe übrigens schon wieder in der Zeitung…der 2. Platz der AK20 war wohl doch erwähnenswerter als der 1. Platz, warum auch immer?) habe ich viel nachgedacht. Und dann ist mir klar geworden, dass ich jetzt einfach mal gewisse Dinge anders machen muss und erst am Ende entscheiden sollte, wie langweilig/anstrengend/furchtbar es wirklich ist.

Also gut. Bin dann am Montag mit den negativsten Gefühlen, die ein Läufer so haben kann, direkt gestartet. Dunkel, Regen, Laufband. 10km, 5:30er Pace. Noch mehr Zeit zum Nachdenken. Und auch Zeit zum Aufregen, denn allein das lief als hätte es diesen Sonntag gar nicht gegeben. Ich fühlte mich komplett regeneriert.

Gestern wieder so ein merkwürdiges Gefühl, ich saß schon im Büro und starrte in das trübe Grau was sich mir bot und überlegte was ich tun sollte: laufen, nicht laufen, draußen laufen. Diese Entscheidung erledigte sich dann doch von ganz alleine. Manchmal ist es gut, wenn man gewisse Automatismen verinnerlicht hat: heimkommen, umziehen, Laufschuhe an und los. In diesem Fall zog mich alles raus. Eigentlich wollte ich mit mir ganz allein sein, aber Thomas schloss sich mir mit Mojo an und ich wusste ja sowieso nicht was ich wollte.

18h lief ich los, schaute nur sporadisch auf die Pace, aber öfter auf die Herzfrequenz. Beim zweiten Berg war sie so um 145 und pendelte immer munter in diesem Bereich hin und her. Ich fühlte mich locker, befreit und wirklich richtig gut. Wir unterhielten uns die ganze Zeit und so merkte ich nicht, wie die Kilometer dahinschmolzen. Erst als es wieder 3-4km mal mehr, mal weniger bergan ging, änderte sich das mit dem Puls natürlich. Aber der Unterschied war, dass es sich herrlich locker anfühlte.

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Langsam dämmerte es und wir machten schon mal das Licht am Bike an. Sehr viele andere Läufer rannten durch die Gegend – man merkt dass der Frankfurt Marathon näher rückt.

Nach 10km hatte ich noch immer Saft und Thomas lotste mich durch die Felder, ich lief einfach hinterher, mit dem Wunsch noch mehr Kilometer zu machen. Mein Gefühl sagte 20km. Thomas Hände sagten: Näää. Kalt.

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Ein paar Schleifen und Schlenker später war es stockdunkel und ich konnte die Anzeige meiner Garmin nur noch sporadisch mal sehen, wenn das Licht anging. 13km später, kam in mir der Gedanke auf, dass ich in diesem Tempo nicht nur locker 20km laufen kann, sondern wahrscheinlich noch mehr. Irgendwann teste ich das mal. Und falls der Test positiv ist, hätte ich da noch so ein Ziel. Ausdauer ist eben die eine Sache, Muskeln, Sehnen etc. eine andere.

Nach 15,5km konnte ich meinen Begleiter leider nicht mehr dazu überreden, die 20k noch vollzumachen, also ging es wieder Richtung Haustür. Ich war so voller Zufriedenheit und Glück, dass ich sogar nachts nur einen sehr leichten Schlaf hatte. Könnte aber auch am Redbull liegen, was ich aus lauter Not nachmittags im Büro vernichtet hatte. 😀

Heute war wieder alles okay – ich merkte gar nichts von dem Longrun gestern. Da es fies regnete, ging ich ins Studio: Hantelbank, Latzug etc. Und natürlich 10k auf dem Laufband. Ging wieder wunderbar locker und ich kann jetzt schon feststellen, dass der Puls immer weiter absinkt und sich länger niedrig hält. Gestartet mit ca. 125 und bis Kilometer 4 noch bei 135. Und bei 5-6 war ich dann bei 145 (plus minus). Kam aber insgesamt auch am Ende nicht mehr über 160. Endlich scheint mal was zu funktionieren. Endlich.

Mal sehen wie lange die Motivationswelle noch anhält, aber ich laufe jetzt einfach – am besten ohne viel zu nachzudenken – weiter. Und so wird aus viel Biken viel Laufen. 😉

— Jamie

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