Schlumpf auf Banane – or how not to run 170k

Noch nie habe ich so viele Wochen so viel gegeben, noch nie bin ich so viel gelaufen, hatte so viele qualitative Einheiten, so viel Überwindung, aber auch so viel Freude. Ich merkte, dass sich da etwas großes tat: es gab Fortschritte. Mein Körper nahm das Training an, ich fühlte mich nach langer Zeit endlich wieder selbstbewusster. Und das wichtigste: ich konnte nach über 500 Monatskilometern noch immer zügig laufen, war gesund geblieben, unverletzt und ich war vor allem eins: glücklich.

Die Woche vor dem JUNUT war es privat etwas stressig bei mir, ich hatte viel vorzubereiten, einiges zu arbeiten und wusste manchmal nicht mehr wo mir der Kopf stand, weil ständig wieder etwas unvorhergesehenes passierte, was meine Aufmerksamkeit erforderte. Ich wollte alles klären, damit mein Kopf frei ist und sich auf die 170km mit seinen 5400 Höhenmetern konzentrieren konnte. Dazu kam immer wieder die Nervosität, die mir wie ein Stromschlag immer wieder in den Magen fuhr, was dazu führte, dass mir öfter schlecht war.

Die Nacht vor dem JUNUT schlief ich richtig gut und ich beruhigte mich auch wieder, sobald ich merkte, dass es losging und ich etwas dafür tun konnte, dass es nicht mehr weit war all die zurückgehaltene Energie endlich an der Startlinie loszuwerden. Ich freute mich auch über alle bekannten Gesichter und die Herzlichkeit, die ich auch schon letztes Jahr erleben durfte, was auch ein Grund meiner Wiederkehr war. Ich wollte es besser machen, denn ich war optimal vorbereitet und es gab aus dieser Sicht keinen Grund, der ein Scheitern gerechtfertigt hätte.

(c) JUNUT.de

Also standen wir gegen 15h fröhlich schnatternd in Dietfurt auf dem Platz der kleinen Altstadt und plötzlich ist der Start vollzogen. Georg verabschiedet sich relativ schnell von mir, um sich an die Spitze zu gesellen. Ich bleibe in einem Tempo in dem ich gar nicht merke dass ich laufe. Ich freue mich darüber, habe ein Grinsen im Gesicht, denn es wird alles gut. Trotz dieser nervösen Übelkeit. Ich muss ja nur laufen.

Wir verlassen die Stadt, überqueren eine Straße und haben den ersten steileren Anstieg vor uns, den jeder zügig hoch wandert. Ich mische mich unter das bunte Feld, rede noch ein bisschen mit Anke und entscheide kurze Zeit später sie und ein paar Läufer vor mir etwas weiter ziehen zu lassen. Ich möchte im Komfortmodus bleiben, solange mir das möglich ist. Wir verschwinden auf den ersten Singletrails und irgendwie wird das Tempo unbemerkt immer zügiger. Immer wieder bremse ich mich und spätestens beim ersten richtigen Downhill spüre ich wie wackelig ich auf den Beinen bin. Und auf einmal weiß ich, dass das heute kein Spaziergang wird. Mein Gefühl der ersten 500m war auf einmal gewichen. Es ist zwar kein Kraftakt, aber es ist auch nicht mühelos. Jeder Schritt fühlt sich nach reinem Durchhalten an und gleichzeitig vermisse ich das Gefühl, gerade auf dem Weg zu etwas Großartigem zu sein. Meine Spannung war bis zum Start unermesslich gewesen und auf einmal war mein Geist erschlafft. Es fühlt sich an als sei der Drops bereits gelutscht, bis auf die Tatsache, dass da mindestens noch 167 Kilometer auf mich warten.

Ich verstehe es nicht. Mein Kopf fängt an zu rattern, während ich versehentlich Steine vor mir herkicke und überlege wo in der Gruppe ich mich einordnen soll. Oder ob es überhaupt eine Gruppe gibt. Denn alleine laufen, das habe ich ja schon zu Genüge getan. Dennoch dränge ich diese Gedanken an die Seite und versuche wieder meinen Fokus zu finden. Meinen Willen, dieser Biss, den Drive, oder um es ganz kitschig zu formulieren: die Passion. Nichts davon ist auffindbar. Manchmal sehe ich mich quasi selbst laufen, selbst in den dunkelsten Stunden meiner kleinen Laufkarriere hat es bisher immer das Gefühl gegeben, dass ich liebe was ich tue. No matter what. Das Gefühl sich erst recht kräftig abzudrücken, wenn es zäh wird, buchstäblich die Zähne zusammenzubeißen, allein um die Situation zu besiegen… es kam einfach nicht.

Ich spüre meine vorhandene Kondition, aber ich spüre keine Freude. Meine Augen halten sich an der Natur fest, mein Kopf sucht nach Smalltalk mit den Mitläufern, nach Ablenkung. Ich gebe meinen Ohren Musik. Ich fühle nichts. Da ist nichts was mich antreibt. Da ist nur die Tatsache, dass ich dafür trainiert und bezahlt habe und es keinen Grund gibt das Handtuch zu werfen und ich weitermache, auch wenn ich kriechen muss. Tief in meinem Unterbewusstsein begraben, fängt die Angst vor der eigenen Courage mit spitzen Fingern an meinen Eingeweiden zu kratzen. Das ungute Gefühl und die unvorstellbare Tatsache sich mindestens 24 Stunden alleine fortzubewegen.

Das einzige Bild was ich während dem Lauf gemacht habe (blurred like my mind)

Wir kurven weiter in Serpentinen, schnaufen die Berge hinauf, es geht immer auf und ab und alles was in meinem Kopf vorgeht, ist: „Nicht denken, hör auf weiter als zu deiner Schuhspitze zu denken. Nimm es wie es ist, denn es geht vorbei. Es ist nur Zeit, Zeit die vergeht, ob du läufst oder nicht läufst, zu Hause auf der Couch sitzen kannst du später noch genug.“

Gedanken bei Kilometer 10. Gedanken, die man an dieser Stelle vielleicht nicht haben sollte. Ich höre auf, auf die Uhr zu schauen. Ich verliere mich in Gesprächen. Ich habe unbändigen Durst und auch irgendwie großen Hunger und fange am nächsten Steig an den ersten Riegel zu essen. Es ist warm, ich laufe im T-Shirt und habe mir die Armlinge auf die Handgelenke gezogen. Der Riegel schmeckt mir nicht und ich merke dass mir noch immer übel ist. In jedem Downhill schlagen meine Magenwände zusammen. Das gibt ein komisches Geräusch.

Andreas keucht hinter mir den nächsten Anstieg hoch. Wir sind bei Kilometer 20 und er fühlt sich, als sei er schon einen Marathon gelaufen. Mir geht es nicht anders, aber ich möchte mich nicht runterziehen lassen. Also mache ich irgendwelche dummen Sprüche. Lächle, obwohl mir gar nicht so sehr danach ist. Als wir umgestürzte Bäume übersteigen, durchbohrt sich Andreas vor mir mit einem spitzen Ast seinen Schuh, flucht und es wird wieder weiter gekeucht.

Ich schließe auf die anderen beiden vor mir auf und frage zaghaft nach, wann die erste VP kommt: bei Kilometer 26. Bis dahin sollen uns über 1000HM in den Beinen stecken. Mir erscheint es lang, auch wenn ich das nur widerwillig wahrnehmen möchte. Gleich sind meine Softflasks leer, andererseits muss ich auch nur noch etwa 8 Kilometer durchhalten. Aber durchhalten? Davon sollte man bei dieser Distanz eigentlich gar nicht sprechen. Ich mache langsam und komme mir auch genau so vor.

Manchmal laufen wir ein paar Meter falsch, bis wir wieder auf dem richtigen Track sind. Am Vorabend habe ich die Eselsbrücke schlechthin geprägt: Schlumpf auf Banane. Der Jurasteig ist unterschiedlich beschildert, einmal mit blauem Zeichen auf gelben Grund (Schlumpf auf Banane) oder eben mit gelben Zeichen auf blauem Grund (Schlaufenwege, die nicht gelaufen werden). Es erscheint so einfach sich das zu merken, aber glaubt mir, ab einem gewissen Punkt spielt der Kopf einem Streiche.

Wir laufen über eine Brücke in ein kleines Dorf und treffen an der VP Riedenburg ein. Ich fühle mich schon erschreckend leer, fülle mein Wasser auf, esse eine halbe Laugenstange und nehme mir eine Brezel mit auf den weiteren Weg. Ich frage nach wann Georg durch sei und erhalte die Antwort, es wären bloß 30 Minuten. Das kann ich kaum glauben bei dem Schneckentempo…

Schmerzlich denke ich an meine Magentropfen im Dropback bei km 78 in Matting. Bis dahin muss ich erstmal durch die halbe Nacht kommen und zudem noch VP2 bei km 53 und etwa 900HM erreichen. Ich verkneife mir die Tatsache, dass es noch immer weit über 100 Kilometer sind, die da auf mich warten. Ich konzentriere mich auf den Moment, klammere mich an meiner Brezel fest und unterhalte mich lange mit Frank, versuche dabei zu vergessen, dass ich laufe und dass ich sehr bittere Magenprobleme habe. Ich äußere den Wunsch mich mal so richtig zu übergeben, aber dieser wurde leider nicht erfüllt. Wer mich gut kennt, der weiß, dass Übergeben eines der schlimmsten Dinge für mich ist. In diesem Fall aber…

Nach flowigen Singletrails erreichen wir felsiges Gelände mit teilweise rutschigen Steinstufen, entweder steil nach oben oder nach unten. Georg hatte mich schon vorgewarnt, aber schlimm finde ich es eigentlich gar nicht und habe immer noch Zeit und Muse um an meiner Brezel zu knabbern. Hinter mir stolpert der ein oder andere, fängt sich aber wieder.

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Ab Kilometer 40 wird es langsam dunkel, aber auf Feld-, Wiesen und lichten Waldwegen brauchen wir doch noch kein Licht. Erst nach einer halben Stunde frage ich Frank nach einem Gefallen und er reicht mir meine Stirnlampe aus einem Fach meines Rucksacks. Bei dem Versuch bemerke ich bereits, wie steif mein Oberkörper schon ist und brauche Hilfe.

Nach einiger Zeit bemerke ich, dass die Akkus gerade dabei sind ihren Geist aufzugeben. Frisch geladene Akkus. Zum Glück habe ich Ersatz dabei. Wieder müssen wir stehen bleiben, bis ich den friemeligen Austausch vollzogen habe. Da jedes Stück Brezel mir genau so viel Energie gibt, dass ich wieder 20 Minuten weiterkomme, laufen wir auf die anderen zwei wieder auf. Also alles nicht so dramatisch, denn ich kann ja noch, trotz Dauerbegleitung meiner Übelkeit.

Wir laufen in die schwarze Nacht hinein und recht bald sind wir auf „tricky“ Terrain, mit vielen losen Steinen und Wurzeln, mit kleinen Senken und Gruben, die mit der Dunkelheit einige von uns zu Fall bringen. Also halten wir noch mehr Abstand zueinander, um nicht alle wie die Dominosteine umzukippen. Mal führe ich die Gruppe an, mal jemand anderes. Ich habe Probleme damit alle Läufer mit Namen zuzuordnen, denn ständig ist mal jemand neues oder anderes dabei oder verschwindet aus der Gruppe.

Wir biegen Richtung Kehlheim ein und laufen einige Zeit am Fluss entlang. Obwohl es stockfinster ist, bin ich überrascht dass ich so gar nicht friere. Diesen positiven Umstand notiere ich mir natürlich gleich auf der Haben-Seite meines Gehirns. Wieder sind es ein paar Meter zuviel am Fluss entlang, bis wir den richtigen Weg finden, der nach links über ein paar Straßen führt, vorbei durch ein Städtchen, in dessen Häuser mit flimmernden Fernsehern oder Schachspielenden Menschen gucken kann. Ich klammere mich an dieses Stück Normalität das an uns vorbeizieht, bevor ich meine volle Aufmerksamkeit wieder der vor uns liegenden VP schenke.

Angekommen lasse ich mich fertiger als erwartet auf eine unbequeme Bank fallen und schiebe mir das letzte Stück der Brezel in den Mund. Ich bin total durch und versuche darüber nicht völlig den Verstand zu verlieren. Zum Glück füllt man mir meine Softflasks auf und fragt, ob ich Brühe möchte. Ich nehme sie einfach an mich, denn ich kann nichts von all dem Angebot essen was ich da sehe. Geistesgegenwärtig stecke ich mir ein Snickers in den Rucksack, denn ich will weiterhin die Taktik fahren, nicht viel, aber dafür hochkalorisch zu essen, denn mir schmeckt einfach nichts, das Wasser schmeckt nach Metall, und egal was ich mir in den Mund stecke – es ist bitter und scharf. Ich erbettele mir bei Frank noch eine extra Minute, muss dann aber doch im Gehen weitertrinken und auf einmal ist es richtig kalt.

Meine Beine sind noch funktionsfähig, aber mein Körper ist es umso weniger. Ich glaube, dass wir bereits nach 22 Uhr haben und somit ist es kein Wunder, wenn der Körper etwas runterfährt. Wie gerne hätte ich schon hier einfach aufgegeben. Aber mein großes Zwischenziel ist ja Matting, von dem uns 28 Kilometer mit mindestens weiteren 800HM trennen. Über eine Straßen und eine Brücke geht es bald wieder in den Wald.Wir alle werden immer langsamer, stolpern mehr, schweigen. Ich selbst schwanke immer mehr, kann weniger anlaufen, wandere sehr viel und verliere massig Zeit. So sehr, dass wir erst gegen 2 Uhr 30 durch die schöne Altstadt von Matting liefen. An einem Club standen ein paar Leute und ein Türsteher – die Blicke: priceless.

Meine Gedanken drehen sich seit Stunden nur noch um eins: es bis nach Matting schaffen und dann von mir aus einfach zusammenbrechen, mal auf den Rücken legen. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir immer wieder auf die Augen drücke oder mir mit der linken Hand ins Gesicht schlage. Eigentlich kann ich eine Nacht durchlaufen, das ist ja nun nicht das erste Mal, jedoch ist heute anscheinend nicht alle Tage.

Wir stolpern in das hell erleuchtete Feuerwehrhaus, drinnen ist es warm, aber nicht zu warm, alles sitzt auf Bänken, man trägt mit meinen heiß ersehnten Dropback hinterher und auf dem Tisch steht frische Pizza. Ich kann sie nicht essen, allein vom Anblick wird mir schlecht. Ich sitze auf einer Bierbank und versuche nicht einfach darauf umzufallen. Durchwühle die Tasche, nehme die Stöcke heraus, ziehe mir eine Jacke an, sehe auf mein Handy und bemerke unzählige verpasste Anrufe von Georg. Ich rufe zurück, aber sein Handy ist wieder aus. Also schreibe ich ihm meinen Zustand und gehe davon aus, dass er versteht, dass ich keine Kraft dazu habe mein Handy auch nur in der Hand zu halten. Dann schiebe ich mir ein paar Löffel Reis in den Mund, die ich mehr wieder hoch würge, als alles andere.

Wir versuchen eine Lösung zu finden, mein allerletztes Maurten zu mischen, aber dieser Versuch scheitert. Erstens war es viel zu viel Wasser und zweitens enthält dieses wahrscheinlich auch zuviel Calcium, was dazu führt, dass sich das Gemisch nicht lösen kann. Ich lege meinen Kopf auf den Tisch und merke wie ich einfach ein paar Sekunden völlig weg bin. Bis die Leute von der Feuerwehr aufstehen und es anfängt wieder unruhig zu werden.

Ich weiß, wir müssen gehen, aber ich bin alles andere als bereit dazu. Ich vergesse meine Powerbank, meine Wechselschuhe. Jeder Plan mich an der kommenden VP mal richtig vollzustopfen ist gescheitert. Mir treten die Tränen in die Augen, ich fühle mich bis aufs letzte ausgezehrt, mein Magen schlägt Purzelbäume und ich fange schon im Warmen an zu zittern. Alles was ich will ist ein DNF flüstern und irgendwo heulend in einem warmen Auto zu sitzen. Stattdessen stehe ich schwankend auf, die Tür wird geöffnet und mir schlägt der kalte Atem der Nacht entgegen. Prompt wird mir noch schlechter, ich taumele hinter den anderen her, Richtung Boot, muss würgen, presse mir die Hände vor den Mund, lasse es sein, beuge mich Richtung Gebüsch, aber es kommt nichts, außer dass ich mich immer mehr in diese Situation hineinsteigere. Panisch hustend hängt man mir eine riesige Schwimmweste über die Schultern. Meine Arme schlagen vor Kälte so sehr nach links und rechts, dass ich nicht fähig bin die Weste zu schließen. Umständlich und völlig wackelig muss ich vom Uferrand in das schwankende Boot steigen, über eine kleine Reling. Sofort ist es gefühlt noch kälter. Meine Stöcke schlagen selbstständig immer wieder gegen Frank der neben mir sitzt und trocken meint: „Man sieht gar nicht dass dir kalt ist“. Ich hauche ein „Nein..“, ziehe den Kopf wie eine Schildkröte zwischen die Rettungsweste und lasse den Schirm meiner Kappe den Deckel schließen. Das Boot setzt sich mit Geknatter in den Gang, der Wind lässt mich alles erfrieren was ich habe und in meinem Kokon fließen die Tränen. Beim Aussteigen falle ich fast in die Donau. Die Weste wird mir wieder entfernt und stocksteif gehen wir Richtung pechschwarze Nacht auf die zweite Etappe.

In meinem Hals kriecht ein Wimmern hoch, welches ich mit einem Mineralien-Gum versuche zu ersticken. Gefühlte Ewigkeiten später kommt wieder mehr Leben in meinen Körper, wir laufen wieder und reden über die nächste Station in Schönhofen, die laut Roadbook nur 10km entfernt ist, dafür aber 500HM hat. Recht bald wird auch klar, wieso wir dafür 2,5 Stunden brauchen – es ist unübersichtlich, manchmal laufen wir falsch, es ist technisch und ich mehr als nur übermüdet. Ich klammere mich an meinen Stöcken fest und sage mir in Gedanken immer nur „Schlumpf auf Banane“. Mittlerweile bin ich soweit, mich von Kilometer zu Kilometer zu hangeln. Wir erreichen irgendwann wieder eine Hochebene und können von oben auf beleuchtete Häuser blicken, müssen aber noch über einen alpinen Trail erst nach Schönhofen auf- und dann absteigen.

Die Uhr zeigt 5:30h und ca 90km, als ich mich im Gasthaus mit dem Rücken an einen Kachelofen setze. Es ist die wärmste Station seitdem wir laufen und ich bin unendlich dankbar dafür. Im Raum sitzt ein Franzose und sieht auch alles andere als fit aus. Ich trinke Tee, esse Butterbrote und frage, ob er sich uns anschließen will. So richtig verstanden habe ich seine Antwort nicht. Während einer von uns seine Flaschen auffüllt, ist der Franzose plötzlich weg und keiner hat gesehen wohin. Schade, denn eigentlich sah er nett aus. Wir verlassen das Gasthaus und auch der Wirt kann uns nicht überreden noch zu bleiben.

Wieder schlägt mit die Kälte ins Gesicht, wieder frage ich mich, wie ich das überleben soll und wieder habe ich mich überwunden, obgleich mir bis Sonnenaufgang gar nicht mehr warm wurde. Weitere 10 Kilometer stehen uns bevor, mit etwa 500HM. Nach etwa einer Stunde mache ich meine Lampe aus – was ein befreiendes Gefühl. Ich schöpfe kurz die Hoffnung irgendwie das Ziel zu erreichen. Wir haben unter 100 Kilometer vor uns und sogar schon Halbzeit.

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Trotzdem geht es mir immer schlechter und ich spüre nichts von meiner Leidenschaft („die Leiden schafft“, danke Frank). Es zieht mich runter. Wir bewegen uns auf die 18 Stunden zu und es erscheint mir nur wie ein Überlebenskampf oder ein Trip, weil ich anscheinend sonst nichts besseres zu tun habe. Es wird immer schwieriger nicht in meine Abgründe zu blicken, die unter meiner Fassade aus schlechtem Humor und dem richtigen Navigieren, langsam aber sicher hervorbrechen.

Immer mehr verliere ich den Anschluss, immer wieder treffen wir komischerweise auf den Franzosen der sich immer wieder verläuft. Immer mehr bemerke ich wie auf unseren dritten Mitläufer gewartet wird und immer weniger auf mich. Ich traue mich bald nicht mehr zu pinkeln, habe kaum noch Zeit und Kraft nach etwas zu essen zu greifen, was sowieso schon einen Kraftakt für mich darstellt, da ich zwar Hunger aber keine Lust habe, da mir so abgrundtief schlecht ist. Ich werde zu Ballast. Ich weiß es genau.

Trotzdem lassen sie mich immer wieder aufschließen, bevor weiter gerannt wird. Ich schwanke zwischen meinen Stöcken hin und her, verliere immer wieder das Gleichgewicht, ich bin durch, so richtig durch. Fasse keinen klaren Gedanken mehr, erkenne die Schilder nicht mehr, sehe die Zahlen auf meiner Uhr nicht mehr, sehe Gestalten die gar nicht da sind und plötzlich sind wir falsch. Immer wieder merke ich eine Vibration an meinem Handgelenk, die mir zeigt, wir sind falsch. Das führt dazu, dass Frank sein Navi auspackt und uns Luftlinie wieder auf den Track führt: einen Hang hinauf, der mir alles kostet was ich überhaupt noch habe. Oben ringe ich um Fassung. Ich will sterben, mich hinlegen, wieder richtig sehen können, klar im Kopf werden.

Ich stiefele wieder hinter den beiden her, wir biegen aus dem Wald auf ein Feld und laufen wieder an. In meiner Kehle brennt es und dann steigt ein hemmungsloses Schluchzen auf. Ich klammer mich an meine Stöcke, senke den Kopf, mache einen Schritt vor den nächsten, während sich die Schleusen öffnen. Ich kann nichts dagegen tun. So speedhiken wir vor uns hin. Ich im Abstand von 5 Metern hinterher und die zwei spaßig plaudernd vorne weg. Ich fühle mich hilflos, unselbstständig und bin voller Angst. Meine Beine brennen bei jedem Anrennen wie die Hölle, jeder Downhill gibt mir den Rest. Oben am Feld angekommen, bemerken die beiden meinen Zustand und versuchen mich mit Worten wieder auf die Spur zu kriegen. Von wegen Hormonumstellung und so. Ich sage Ja und Amen dun versuche zu glauben was mir da alles gesagt wird. Alles ist normal. Ich kann es schaffen, auch wenn ich ohne Stöcke nicht mehr laufen kann. Einmal sinke ich auf einer flachen Waldautobahn einfach zwischen den Stöcken auf den Boden, weil ich glaube keine Kraft mehr zu haben.

Ich will nach Pielenhofen und mich irgendwohin legen, mich ausruhen, mir Zeit geben. Das würde aber nur funktionieren, wenn ich einfach in Bewegung bleibe. Ich fokussiere die Schritte von Frank, versuche mich an dieses Gefühl, des Laufens an sich zu erinnern, an einen Flow, an das Gefühl eine Mission zu haben… nada.

Ich bewege mich trotzdem, unter Tränen. 1,5km vor Pielenhofen lasse ich die zwei ziehen und stakse alleine Richtung Gastwirtschaft. Angekommen lasse ich mich an den nächstbesten Tisch fallen und breche wieder in Tränen aus. Frank nimmt mich mit zu ihrem Tisch. Ich bekomme einen schwarzen Tee mit viel Zucker und ein Käsebrot, von welchem ich aber den Käse wieder entfernen musste. Ich schütte erneut Magentropfen in mich hinein und hoffe auf Besserung. Das Brot nehme ich mit und schiebe es zusammengeklappt zu einer meiner Softflasks. Wir gehen wieder weiter und ich versuche mich in den Griff zu bekommen.

Nach Dallackenried sind es nur 13km und daher wird entschieden das ganze zügig hinter sich zu bringen. Ich will mich nicht so feiern lassen und das Ding natürlich auch so schnell wie möglich beenden, ist ja klar. Die Beine mittlerweile hochempfindlich und staksig, mein Gehirn alles andere als funktionsfähig, aber der Tee verleiht mir ein paar Minuten Energie. Rennen die beiden an, renne ich hinterher so schnell und so weit ich kann. Es tut verdammt weh, es ist einfach nur hart, aber es muss sein. Ich kann mich auch so gut wie gar nicht mehr an die Umgebung erinnern, ich will einfach nur ankommen, Kilometer machen, aber zum Schluss muss ich sie wieder ziehen lassen, diesmal bestimmt 3 Kilometer und selbst bin ich nicht mehr fähig aus eigenem Antrieb anzulaufen.

Im Feuerwehrhaus bei Dallackenried sind die zwei natürlich schon vertreten, so bleiben mir gerade mal wenige Minuten, die ich mit Cola und einer Brotscheibe auf die Hand, verbringe. Meine Flaschen waren noch immer fast voll, da ich plötzlich seit der Halbzeit keinen Durst mehr habe. Ich werde eindeutig vorgewarnt, dass ich 22km bis Schmidmühlen dranbleiben muss, wenn ich mit ihnen kommen möchte.

Ich sage ja und klebe an ihnen wie ein Schatten. Ich kann kaum beschreiben was mich das gekostet hat, oder wie es ist mit absolut zerstörten Beinen technische Downhills runterzulaufen und dabei der ganze Körper mit versagt. Adrenalin macht es möglich.

Die Verzweiflung und Panik waren jedoch riesig, mit jedem Meter mehr, war ich unfähiger Körper und Gedanken zu kontrollieren. Ständig schluchzte ich auf. Immer näher kam ich an all meine verborgenen, tiefen Gefühle, an das Unterbewusstsein was ich sonst so erfolgreich deckeln und händeln kann, an alles was ich jemals fühlen musste und nicht mehr fühlen wollte. Mich überkam eine so tiefe Traurigkeit, die ich in meinen dunkelsten Zeiten über Monate und Jahre mit mir rumgetragen habe, von der ich glaubte, dass ich das nicht noch einmal durchleben muss. Doch genau das ist passiert und dann noch durch einen Lauf. Diese Tatsache gibt mir in dem Moment den Rest.

Ich erkenne, dass es weder die Kilometer noch mein schmerzender Körper und dessen Ausfallerscheinungen sind, dass es mir geht wie es mir geht. Ich bin mit mir alleine und kann mich selbst nicht aushalten. Ich bin in eine Extremsituation geraten und mein Körper lässt mich fühlen und erleben, was er in solchen Ausnahmesituationen schon immer gemacht hat, die ich schon zu diesen Zeiten nie hatte händeln können.

Ich stolpere bis zum absoluten Limit und darüber hinaus, dann lasse ich abreißen und falle auf eine Bank mitten im Wald. Schluchze laut auf über diese Erkenntnis, finde nicht mehr in die Realität zurück. Stehe wieder auf, gehe weiter, versuche zu rennen, scheitere, werde immer langsamer. Lasse mich auf den Boden sinken, mein Magen krampft, ich habe Hunger, ich habe Durst, ich sehe das Schild nur wenn ich einen Meter davor stehe. Schlumpf auf Banane.

Wenn man für 3,7km 54min braucht, dann ist jeder Spaziergänger schneller. Mit unglaublicher Überwindung schwanke ich über die nicht enden wollenden Trails und als ich denke, ich bin endlich da, gab es noch unendliche Feldwege. An der Kurve kurz vor dem VP fragt mich eine Helferin wie es mir geht und welche Distanz ich laufe. Ich antworte ehrlich, breche wieder in Tränen aus. Ich weiß der Ofen ist aus, aber ich lasse mir noch den Lichtschimmer, falls jemand dort ist oder meine zwei Begleiter noch da sind, dann würde ich noch einmal rausgehen.

Ich betrete das Gebäude und an mir laufen die zwei tonlos, aber mit Blickkontakt wieder aus der Station. Ich bekomme einen Heulkrampft, denn ich sehe mein Schicksal als besiegelt. Noch 33km mit über 1000HM würden meinen Tod bedeuten, wenn ich niemanden habe, der mich würde seelisch stützen können.

Ich lasse mich auf eine Bank in einer der hintersten Ecken fallen, mir laufen die Tränen über das Gesicht, ich ziehe die Schuhe aus und verkünde mein DNF, klage Gerhard mein Leid. Bin vollkommen durch und eigentlich nur froh, dass ich da nicht nochmal raus muss. Es ist 15 Uhr und ich wollte nochmal keine Dunkelheit erleben.

Auf meiner Uhr stehen knapp 141km und ca 4000 HM.

Dann telefoniere ich mit Georg, Gertrud und meiner Mutter. Alle paar Minuten fange ich wieder an zu weinen. Als ich in Kastl ankomme und mich alle angucken, wie ich auf Georg zuhumpele rufe ich mit einem Lächeln: „Gehen Sie alle weiter, hier gibt es nichts zu sehen!“

Zwei Sekunden später breche ich an Georgs Schulter erneut in Tränen aus. Später heult die Dusche mit mir um die Wette, nicht wegen des DNFs, sondern wegen dieser einschneidenden psychischen Erfahrung die ich in diesen 24:18h durchlebt habe und noch durchlebe. Es ist mir völlig neu, denn ich kenne richtig schlechte und auch zähe Phasen in Ultras, manchmal auch über Stunden. In diesem Beitrag habe ich wirklich viel preisgegeben und ich habe Angst dass ich das irgendwann bereuen könnte, aber es interessiert mich wirklich, ob es unter euch eventuell jemanden gibt, der ähnliches erlebt hat und vielleicht mit mir teilen möchte.

Danke auch an Margot und Gerhard und das riesen Helfer Team, ohne die ich es wahrscheinlich gar nicht so weit geschafft hätte ❤

Ich brauche jetzt erstmal Zeit für mich und meine weiteren Ziele oder vielleicht auch keine Ziele, damit ich das verarbeiten und sacken lassen kann und vielleicht auch irgendwann ein bisschen Stolz für meine weiteste Distanz empfinden kann 🙂

— Jamie

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8 Gedanken zu “Schlumpf auf Banane – or how not to run 170k

  1. Wow! So viel Offenheit, so viel Herzblut, so viel Verzweiflung. Schade, wirklich sehr schade, dass an diesem Tag X nicht so geklappt hat.
    Woran es lag wirst du vielleicht irgendwann heraus finden. Und vielleicht besser machen. Aber jetzt solltest du wirklich erstmal ein paar Gänge zurückschalten. Wieder ankommen. Wieder genießen. Vieln Erfolg dabei

    1. Hallo Markus, lieben Dank für deine Worte. Ich bin noch immer nachdenklich und etwas verwirrt darüber und hoffe wirklich, dass ich in der Zukunft noch herausfinde wofür das vielleicht gut war. Viel schlafen, essen und den Druck rausnehmen hilft meistens bei mir 🙂
      LG, Jamie

  2. Liebe Jamie,
    da hat Dich Deine Psyche wirklich komplett auf links gedreht, physisch total fit bis auf die Magenschmerzen und wer weiß woher die gekommen sind, und dann dieses mentale Elend schon von Anfang an. Ich wünsche Dir recht schnell, dass Du Dich vollständig erholst und möglicherweise dem Ganzen etwas Positives abgewinnen kannst.

    Salut

    1. Lieber Christian, du hast es erfasst. Momentan bin ich echt noch immer nah am Wasser gebaut und ich versuche die Angst davor zu deckeln, dass mir sowas beim Laufen nochmal passiert. Eigentlich hat sich durch die Lauferei mein mentaler Zustand stark verbessert, dass ich gerade dadurch jetzt so heftig zurück zu meinen Wurzeln geführt wurde, gibt mir auf jeden Fall zu denken. Vielleicht finde ich es irgendwie noch heraus und komme hoffentlich in der nächsten Zeit wieder drüber weg. Ganz lieben Dank.

  3. Wow! 24h und von Anfang an gequält. Ich war noch nicht so lang unterwegs, aber ich kann trotzdem vieles in deinem Beitrag gut nachvollziehen. Schöner Bericht. Wer will schon davon lesen, 24 Stunden durch die Pampa zu rennen, und alles läuft super. Kopf hoch, das war ein guter Kampf!

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Hallo Sebastian, danke! Ich habe es leider selbst nicht ganz verstanden, es hat einfach der Flow total gefehlt und dann ging die Spirale immer mehr abwärts. Dass es so oder so nicht leicht wird, damit muss man rechnen. So konnte ich dir und allen anderen aber mal von der „anderen Seite“ berichten 😉
      LG, Jamie

  4. Liebe Jamie,

    sehr beeindruckend geschrieben. Die Phase, in der Du in Dein Innerstes gesehen hast, könnte sich als sehr wertvoll für Dich herausstellen. Von so langen Läufen habe ich überhaupt keine Ahnung, ich weiß aber, dass man in Phasen größter Emotionalität am meisten über sich selbst lernen kann. Und diese Erkenntnis mag sich für Dich auf lange Sicht wichtiger erweisen, als das Finishen dieses Rennens. Es gibt keine Zufälle.

    Viele Grüße und Kopf hoch

    Thomas

    1. Hallo Thomas, schön dass ich dich so mitnehmen konnte. Ich habe oft das Gefühl nicht im Ansatz das ausdrücken zu können, was ich gerne würde, damit es verständlich wird. Du hast da echt etwas Wahres gesagt, ich habe deine letzten Sätze seit heute Nachmittag ständig im Kopf.
      LG, Jamie

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