5. Saxoprint Pfalztrail 17.09.2016

Es ist 2 Uhr. Nicht mittags. Es ist nachts. Der erste Kaffee sitzt, die Tasche ist gepackt, ich musste nur noch in die Laufklamotten kommen. Die Hysterie war wieder da, eine gewisse kribbelige Vorfreude aber auch etwas Respekt. Wie würde ich nach nur 6 Tagen Regeneration seit dem 24h-Lauf nun einen Ultra mit 85 Kilometern und 2440 Höhenmetern (es waren in der Realität aber deutlich mehr…) überstehen? Ich wusste es nicht. Aber ich war heiß darauf es herauszufinden. Ich wollte wissen wie es mittlerweile um mich bestellt ist, wenn es heißt mal wieder mit Wettkampfcharakter etwas länger zu laufen.

Ich lief mit Sack und Pack die dunkle Straße entlang, stieg in mein Auto und holte Thorsten ab, der an diesem Tag sein Ultradebüt bestreiten würde. 130km trennten uns vom Austragungsort Carlsberg in der Pfalz. Die Stimmung im Auto war ausgelassen, stellenweise manisch, aber auch fokussiert. Mein Kopf war bereit, meine Beine waren es auch wieder. Dennoch hatte ich vorsorglich alle Stellen mit Kinesiotape abgeklebt, die irgendwie kritisch werden könnten.

Um kurz vor 5 Uhr schlugen wir am Parkplatz auf, stiegen aus und suchten irgendetwas was einer Anmeldung gleichkam, bis wir erfuhren, dass wir uns zum Austragungsort shutteln lassen mussten. Auch okay – wirkte gleich alles etwas dramatischer. Im Shuttle stellte ich fest, dass mein Rucksack komplett nass war. Als wir dort waren, versuchte ich die Wurzel allen Übels zu finden, baute die Trinkblase aus, drückte überall darauf herum, konnte aber kein Leck finden. Vielleicht war es auch der Schlauch… Ich setzte sie wieder ein und hoffte einfach auf Fehlalarm.

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Startbeutel abgeholt, Startnummer zum 1337 Mal richtig angebracht, Schuhe gewechselt und plötzlich furchtbar angefangen zu frieren. Es hatte so richtig abgekühlt, sodass ich mich sogar dazu entschied mit Armlingen zu laufen. Ich freute mich auf Esthers Ankunft, denn dann war die Vaunus 7/30 Projektgruppe komplettiert und alle Verrückten wieder vereint.

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Mit einem breiten Grinsen empfingen wir uns, lachten uns halb tot über Esthers selbst gebastelten Drobpack, lachten aber fast noch mehr über meine Mülltüte mit Trailstöcken, die ich bei km 67 deponieren lassen wollte. Kilometer 41 erschien mir zu früh und Station 1, bei Kilometer 23 völlig sinnbefreit. Die Strecke sollte laut Zeugenberichten gut laufbar und vergleichsweise harmlos sein, wenn man diese mit ZUT oder K-UT vergleicht. Einerseits freute mich das, andererseits fürchtete ich mich davor die Sache aus diesem Grund zu schnell anzugehen.

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Dann trafen wir auf Georg, der sich einen Abend vorher dazu entschieden hatte, spontan mitzulaufen. Er stand da ohne Rucksack, mit Straßenlaufschuhen, einer Mini-Leuchte zum Kurbeln, sowie einer Startnummer für Nachmelder die ein U vor der Nummer aufgemalt hatte. Von alledem darf man sich aber nicht täuschen lassen, denn Georg ist ein Ultratier, welches nicht nur beim Barkley mitlief, sondern für welches ein 85km-Läufchen zu einer netten Samstagsaktivität gehört, die man mal machen kann.

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Vom angekündigten Briefing bekamen wir irgendwie gar nichts mit, gaben unsere Taschen und die Drobpacks ab und begaben uns zum Start, reihten uns ins erste Drittel ein. Es war so stockdunkel, dass ich meine Entscheidung verfluchte, die Stirnlampe wissentlich zu Hause gelassen zu haben. Ich rechnete bei einem Start um 6:30 Uhr mit einem romantischen Lauf in den Sonnenaufgang. Dem war definitiv nicht so.

-Video vom Start-

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(c) http://www.pfalztrail.de

Wieder lachten wir leicht nervös, was machen wir hier eigentlich. Eine Frage die sich immer wieder aufs Neue stellt. Dann wurde heruntergezählt und das Feld rannte los. Ich überquerte die Zeitmessmatte, aktivierte die Garmin und mein Herz machte einen Satz. Dann horchte ich in mich hinein: kein Schmerz der mich behindern könnte. Mit dieser Sicherheit ließen wir es einfach laufen, alles rund um eine 5er Pace war da keine Seltenheit. Esther und Georg knapp vor mir, Thorsten hinter mir, über Feldwege immer Richtung Wald. Am Horizont war ein roter Streifen zu sehen, der Nebel stieg vom Boden des Feldes langsam und mystisch auf – ein Bild welches sich tief bei mir verankert hat. „Das ist warum wir laufen“ – und damit hat Esther so recht.

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Esther und Georg (c) Norbert Wilhelmi

Schemenhaft konnte man erkennen wo man hintrat, spätestens auf den ersten Trails im Wald war es ein Unterfangen auf gut Glück. Ich versuchte ein paar Meter vor mir, mir den zukünftigen Untergrund im Schein von Esthers Leuchte einzuprägen, um keine bösen Überraschungen zu erleben. Man kann aber sagen, dass die Füße und das Körpergefühl weitaus mehr Intuition besitzen, als ich je geglaubt hätte. Die ersten drei Kilometer verflogen Dank unseres Tempos nur so, es wurde langsam immer heller.

An einer großen Kreuzung kam schon die erste VP in Sicht. „Schon!?“ Mal eben waren 7 Kilometer ins Land gegangen. Ich lief daran vorbei, es hätte sowieso nur Wasser gegeben. Thorsten entledigte sich seiner Jacke und ich nahm den ersten Anstieg in Angriff. „Gehen ist für dich keine Option, was?“, scherzten zwei Jungs, die ich gerade überholte. Zu dieser Zeit war es auch keine Option – ich bleibe oft lieber im Laufen und es fühlte sich locker an, noch ohne besondere Anstrengung. Schon bald sah ich die ersten Wurzel-Serpentinen rechts hoch ansteigen, sah kurz Georg und Esther und das sollte das letzte Mal gewesen sein. Dranbleiben wollte ich da nicht, sonst wäre bald der Ofen aus und ich weiß ja mittlerweile aus Erfahrung, was bei über 80km noch alles passieren kann.

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(c) Norbert Wilhelmi

Nach den Serpentinen hatte mich Thorsten wieder eingeholt. Wir liefen mal schweigend, mal locker plaudernd die Waldwege entlang, die nur leichte Anstiege hatten. Mein Gefühl sagte mir, dass ich mal langsamer machen musste, wenn ich tatsächlich vorhatte durchkommen zu wollen. Also ließ ich Thorsten ziehen.

Nach etwa 16km kam die nächste VP, die ich auch noch ausließ. Ich bemerkte, dass mein Rücken mittlerweile komplett durchnässt war. Nicht, weil ich so schwitzte, sondern, weil etwas mit dem Rucksack nicht stimmte. Mein Zwischenziel bestand darin, die 1,5 Liter so schnell es nur ging auszutrinken und nur noch die beiden Softflasks zu verwenden. Ich gab mir zwar alle Mühe, aber es dauerte doch noch einige Zeit bis ich diese Mission beendet hatte. Als die Halbmarathonmarke nach etwas weniger als 2,5 Stunden überwunden war, holte ich den ersten Kokosriegel hervor und lief damit einen steilen, dicht bewachsenen, wurzeligen Singletrail hinauf. Dann lief ich wieder an, hinter mir drei bis vier weitere Läufer. Es folgten viele Downhills mit Wurzeln und ansonsten fluffigen Untergründen. Mit meinen Verfolgern im Nacken, meinen  neu erworbenen Fähigkeiten in Sachen bergab und gasgeben, sowie einem Hochgefühl, konnte ich diesmal wirklich davon reden es mal knallen zu lassen. Eine kleine Stimme in meinem Kopf hauchte zwar immer wieder „Du wirst noch sehen was du davon hast“, aber ich ließ es einfach laufen. Mit jedem Tritt und jedem Sprung mussten meine Beine einiges wegstecken.

Im völligen Flow und etwas Geschnatter mit einem Mitläufer, bogen wir einmal falsch ab und liefen 400 Meter in die falsche Richtung. Hätte man uns nicht hintergebrüllt, wäre das noch richtig blöd geworden.

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Es folgten wieder Anstiege, die ich teils lief, teils wanderte. Ich wurde etwas verhaltener, lief mehr nach Gefühl, machte mich weniger verrückt. Ich merkte aber, dass ich bereits mitgenommener war, als es sonst bei solchen Events der Fall war. Ich versuchte es zu ignorieren und dagegen anzusteuern. Über einen längeren Abschnitt auf Feldwegen und Schotter, merkte ich, dass es runter einfach nicht mehr so schnell lief. Ich merkte die Belastung in den Beinen, wusste aber, dass die nächste VP nicht mehr weit war. Dort kippte ich eine Cola herunter, setzte mich kurz hin, versuche mir die Zeit zu nehmen, packte den MP3 Player aus und lief weiter. Man schickte uns durch eine Art kleinen Schlosspark – es war ein Loop, denn man kam wieder an der VP heraus und lief dann weiter Richtung Dorf. Über ansteigende Straßen ging es weiter wieder zum Wald, vorbei an Häuschen mit gepflegten Vorgärten und älteren Ehepaaren die dort standen, freundlich nickten oder klatschten.

Ich wollte meine verschleuderte Zeit wieder etwas gutmachen, indem ich alle Anstiege in moderatem Tempo stetig lief. So traf ich wieder auf viele Läufer die an der VP vor mir losgezogen waren und entspannte mich wieder etwas. Dann wurde mir langsam übel. Ich knabberte noch einmal an meinem Kokosriegel und entschied mich dann es gut sein zu lassen. Mir war richtig elend. Ich fing das Rechnen an. Noch etwa ein Marathon, bis ich meine Stöcke habe und dann nur noch weniger als ein Halbmarathon. Ich fing wieder an in Etappen zu denken, von VP zu VP.

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Bei VP und Kilometer 31 war mir so schlecht und ich war völlig kraftlos, sodass ich die Nerven verlor, meine Ernährungsstrategie in den Wind schoss und mich mit einem Stück Kuchen kauend auf einer Bank am Ungeheuer-See wiederfand. Ich schrieb Thomas eine Nachricht mit folgendem Inhalt: „Mir geht es gerade schlecht, vielleicht gebe ich auf, ich weiß es nicht…“ In einem weiteren Trotzanfall entdeckte ich Schokolade. Mir war alles egal, Risiko oder nicht, entweder es ging gut oder es war ein Zeichen dass ich aussteigen sollte. Nach dieser Rodung des Buffets setzte ich mich wieder in Bewegung, kam ins Laufen. Und dann lief es schleichend immer besser. Mir wurde nicht schlecht, mein Körper tankte Kraft. Ich war einfach komplett leer gewesen ohne es zu merken. Ich hatte während einem Lauf noch nie Lust auf Schokolade gehabt, aber an diesem Tag schien alles anders zu sein. Es war verrückt. Aber ich war stark dafür, alles so zu nehmen wie es kam. Die guten Seiten eines Ultras auskosten und die schlechten überleben.

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Ungeheuer-See

Ich machte mir bewusst, dass Phasen kommen und gehen. Auch wenn ich diese erst bei Kilometer 50 eingeplant hatte. Mir war auch klar, dass der 24h Lauf mit einem Großteil mit für meinen Zustand verantwortlich war. Meine Beine wurden immer schwerer und ich spürte mit jedem Kilometer mehr, wie die Belastung auf die Knie wuchs. Immer wieder musste ich wandern, obwohl die Strecke gar nicht so schlimm war. Noch 7, noch 6, noch 5..Kilometer bis zur nächsten VP. Das rechne ich der Orga hoch an – im Schnitt alle 10 Kilometer eine VP.

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Entscheidungsfindung am Boden

12:15 Uhr, Kilometer 41,5. Der letzte Downhill hatte mich zerschossen. Wieder in Begleitung von einem anderen Läufer, der hinter mir lief und mich dazu verleitete den Schmerz in meinem linken Knie zu ignorieren. Solange bis ich abrupt stehenblieb und in die Hocke ging. Er fragte mich, ob alles okay sei. Nein, nichts war okay. Ich richtete mich wieder auf, machte einen Schritt nach vorne und verlor fast den Verstand. „Runter gehen, nur runter gehen…das ist deine Option.“ Mehr schlecht als recht lief ich seitlich den laubigen Singletrail hinab, bis ich nach gefühlten Ewigkeiten bei einem Streckenposten an einer Straße herauskam, der mich über einen Parkplatz zur VP schickte. Ich humpelte über diesen und wurde vom Orga-Team kritisch beäugt. „Willst du aussteigen, hier fährt gleich ein Shuttle los“. „Ich weiß nicht..ich weiß nicht was ich machen soll, vielleicht geht es auch gleich wieder“. Ich setzte mich hin, dehnte alles was von mir noch übrig war. Stützte mich auf meine Knie, war den Tränen irgendwie nahe, wünschte mir einfach nur, dass es aufhören würde und ich weiterlaufen konnte. Von der Bank stand ich wieder auf, ging langsam in die andere Richtung, futterte mich wieder durch die VP. Setzte mich wieder. Tigerte auf und ab. Sprach etwas mit anderen Läufern, lenkte mich ab. Blieb solange sitzen bis ich das Gefühl hatte, dass mein Körper sich wieder entspannte. Füllte die Softflasks nach, kam wieder zu Verstand, nahm eine Laugenstange mit auf den Weg, stieß auf flache fluffige Singletrails. Eine VP geht noch. 10 Kilometer gehen immer.

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(c) Norbert Wilhelmi

Dann kamen erst die richtigen, schönen Trails. Über Serpentinen und sehr schmale wurzelige, trockene Pfade, dicht bewachsen mit sowas wie Lavendelsträuchern ging es weiter. Es war so herrlich, dass ich alles um mich herum vergaß. Es mutete etwas wie in Andalusien an: Sandwege und Pinienwälder, auch wenn es in diesem Fall Kiefern waren. Dadurch, dass es keine langen und steileren Downhills mehr gab, hatte ich plötzlich keine Schmerzen mehr. Sobald es zu sehr hinab ging, wanderte ich lieber und fuhr mit dieser Taktik gut. Ich traf wieder auf einen Läufer von der VP. „Ich dachte du steigst aus, du hast so leidend ausgesehen“. „Was muss das muss…“, sagte ich und überholte. Mich überkam wieder ein Hochgefühl, eine weitere gute Phase begann und spuckte mich um 13:30 Uhr an einer weiteren VP bei Kilometer 50,6 aus. Mittlerweile hatte ich es geschafft meine Trinkblase zu leeren. Eine Softflask mit Maltodextrin hatte ich komplett ausgetrunken, sodass ich diese nur mit Wasser nachfüllte.

Es war zwar noch immer anstrengend, aber es ging einfach immer irgendwie weiter. Die Strecke war sehr interessant, abwechslungsreich und einfach nur wunderschön, führte einmal plötzlich mitten im Wald durch ein riesiges Tor aus Sandstein und dann ein paar Stufen hinab auf den nächsten Trail. Ich war so froh, dass ich nicht ausgestiegen war. In mir wuchs der Wunsch, das Ding zu Ende zu bringen. Es musste doch irgendwie machbar sein… bis der nächste längere Downhill kam, der mich wieder zum Stehenbleiben zwang und nur wenige Meter später musste ich mich setzen. Ich wollte mich nicht so quälen, aber eine andere Möglichkeit gab es zu diesem Zeitpunkt sowieso nicht.

14:36 Uhr, VP 57,6km. Wieder lief ich humpelnd ein. Wieder hätte ein Shuttle bereitgestanden und es saßen bereits drei Invaliden auf einer Bank. Ich war verzweifelt. Ich hörte immer wieder „Komm du hast so gekämpft, mach weiter. Nur bis zur nächsten VP, es geht auch nur noch bergauf“. Ich rief Thomas an, ich wollte eine Antwort, ich wollte das mir jemand sagt was ich tun sollte. Aber die Entscheidung blieb bei mir. Und spätestens dann, als mir gewahr wurde, dass ich gerade meine Softflasks auffüllte, wusste ich dass ich weiterlaufen würde. Schokolade, Kuchen, Laugenstange. Das übliche Programm. Fühlte sich gut an. Ich verschwand auf dicht bewachsenen Trails wieder irgendwo im Nirgendwo, diesmal sehr alleine. Ich fragte mich, ob es richtig war, was passieren würde.

Und wieder kam der Punkt, an dem ich so unfassbar glücklich war, nicht abgebrochen hatte. Nicht nur, dass die Trails irgendwie immer Märchenhafter wurden, nein, der Schmerz ließ dank den Uphills auch beinahe komplett nach. Die richtigen Anstiege kamen jedoch erst zu dieser Zeit, einer erinnerte mich an den 50. Kilometer beim ZUT, nur nicht so matschig. Und ich lief ohne Stöcke, nur mit den Händen auf meine Oberschenkel gestützt, aber es funktionierte wunderbar. Bei Kilometer 60 traf ich wieder auf meinen berühmt berüchtigten Mitläufer von den VPs. „Du bist ja doch noch da, klasse!“

5 Kilometer später ging es wieder hinab. Für mein Knie leider auch. Ich konnte gar nicht so schnell in den Wanderschritt fallen, wie mir der Schmerz seitlich hineinschoss. Auf einer Waldautobahn saß ich dann herum, versuchte alles zu tun, um das wieder in den Griff zu bekommen. „Du spazierst jetzt zur VP, egal wie“. Gesagt getan. Neben mir tauchte ein junger Typ auf der mich fragte was los sei und ob ich auch aussteigen würde. Auch? Er hatte Magenprobleme und würde aufhören. „Ich weiß es noch nicht…“ Wieder kam mein Standardsatz aus mir heraus. 16:20 Uhr. Wieder lief ich unrund in die VP ein. Wieder stand ein Shuttle bereit. Wieder tigerte ich umher und versuchte zwischen Kuchen und Wasser zu entscheiden, wie es mit mir weitergehen würde. Die rastenden Läufer dort kannten mich schon. Es wurde gemeinsam diskutiert. Eigentlich war niemand dafür, dass ich jetzt aufgebe. Als dann mir dann das Orga-Team unaufgefordert meine Stöcke aus dem Drobpack reichte, war die Sache mal wieder geritzt. Ich lief über die Straße, der Streckenposten klopfte mir voller Überzeugung auf die Schulter.

Endlich Trailstöcke. Ich missbrauchte sie fast als Krücken. Es entlastete schon irgendwie, sodass ich wieder ins Laufen kam. Bei Kilometer 69 war die letzte Cut Off-Stelle. Es gab auch noch die Möglichkeit, um 3km abzukürzen und dennoch gewertet zu werden. Ich zog das in Betracht, denn als die nächste moderat abfallende Waldautobahn kam, konnte ich kaum mehr gehen. Jemand rannte mit Ibuprofen an mir vorbei – ich war so durch den Wind und verzweifelt, dass ich meine Regel brach und mir dachte, wenn ich es jetzt noch mit 400er Ibu heim bringe, dann soll es so sein. Das einzige was jedoch passierte war, dass mein Kreislauf sich verabschiedete. Beim Orga Team des Cut Offs meinte man, ich würde schwanken, ob ich einen Sekt wolle? „Bloß nicht…“

Das Streckenprofil verhieß nichts gutes. Ich hängte mich an einen gewissen Jan und gemeinsam brachten wir es über die 70km, vorbei an zwei Streckenposten, wieder im Wald verschwunden, bereit um nach Höning einzumarschieren. Ich rannte weiter, blieb unvermittelt stehen. Ich konnte das was ich da aussprach kaum in Worte fassen, brauchte Minuten um zu erklären, dass ich jetzt aussteigen würde. Ich musste eher Jan überzeugen, dass ich nicht mehr weiterlaufe, als mich selbst. Also drehte ich wieder um, unfähig, nur einen normalen Schritt zu machen. Dann trennten mich nur noch ein paar Meter von den beiden Streckenposten, mir liefen die Tränen über das Gesicht..es war so kurz vor dem Ziel. Und dann das.

Nachdem ich meine Tränen wieder in den Griff bekommen hatte, war mir der Zieleinlauf fast schon wieder egal. Am meisten ärgerte ich mich einfach über mich selbst und über meinen Körper, der in einem ungleichen Verhältnis zu meiner konditionellen Verfassung steht. Auch darüber, dass ich viel zu spät gesehen hatte, dass die Termine des 24h Laufs und des Pfalztrails realistisch gesehen, eigentlich kollidierten. Mich tröstete die Tatsache, dass ich schon mal einen weitaus anspruchsvolleren Ultra gelaufen bin, der sogar noch einen Tick länger war. Mir war es das nicht wert mit allem was ich habe in mein Unglück zu laufen, bzw. zu humpeln. Vielleicht hätte ich früher aussteigen sollen. Aber zu keiner Zeit war ich so sicher gewesen, dass es das absolut Richtige war, wie an diesem Punkt. Alles andere hätte mich noch mehr zerfressen. Ich muss anderen nichts beweisen, aber mir selbst hin und wieder schon mal etwas. Und wenn noch was geht, dann laufe ich und zwar solange bis keine Unklarheiten mehr darüber bestehen, ob ich es noch ins Ziel geschafft hätte oder eben nicht. Ohne diese Zwischenfälle, wäre das auf jeden Fall für mich persönlich eine recht gute Zeit geworden, wenn man bedenkt, dass ich für meine ersten 88km knapp über 14h benötigt hatte, wobei man da aber auch sagen muss, dass diese nicht so gut laufbar waren. Und da liegt der Hund begraben – es war ein schneller Kurs und ich habe mich noch nie auf einer Distanz so abgeschossen über so lange Zeit wie beim Pfalztrail. Zu mindestens 90% absolut laufbar…Zerstörung ist da beinahe vorprogrammiert.

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So fühlt sich Ultra an!

Zumindest Esther, Thorsten, Tim, Rebecca, Stephan, Christoph und auch Thomas haben gerockt – Esther ist mit knapp mehr als 10 Stunden 3. Frau geworden, Thorsten hat seinen ersten Ultra in der Tasche und Thomas seinen ersten 16km Trail WK, Tim gewohnt lässig unter 3h beim 32km Trail – also alles so wie sich das für den OCR gehört 🙂

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Thorsten, Esther und ich, inklusive Support

Es bleibt mal wieder zu sagen: ich bereue nichts. Nicht meine Entscheidung, auch nicht das Kämpfen, nicht die Qual. Es ist ein Ultra. Der tut weh. Immer. Um noch einen Mitläufer zu zitieren, der seine Worte an mich richtete: „Nicht aufgeben. Der Körper kann so viel mehr als wir glauben!“

Hier der erste große Teil der Strecke, bevor mein Akku leer war:

https://www.strava.com/activities/715691873/embed/e167b28dc38d2f91ab9a0041f2b228b34d442ec0

— Jamie

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10 Gedanken zu “5. Saxoprint Pfalztrail 17.09.2016

  1. Beim Lesen hätte ich wetten können du ziehst das Ding durch. Aber manchmal geht es eben körperlich nicht mehr. Und wenn es dann nur noch Schmerzen sind hat es einfach keinen Sinn mehr. Auch wenn der Geist noch will …

    1. Ich dachte es eigentlich auch, da ich es auf dem letzten Drittel wirklich wollte. Der Kopf hatte Lust, ich habe mich ansonsten auch wirklich fit gefühlt, nur das Knie wollte da nicht mitziehen. Ich hätte die letzten Kilometer nicht mal mehr spazieren können und da war es mehr als klar, dass ich es gut sein lassen musste. Ich bin zwar schmerzresistent, aber das war einfach zu heftig. Auch jetzt hadere ich nicht mit meiner Entscheidung, es war definitiv die richtige.

  2. Super gekämpft!! Ich war einer der Invaliden der bei KM 57,6 auf der Bank saß und aufgab. Es war mein erster Versuch auf so einer Streckelänge. Mehr als einen flachen Marathon bin ich vorher nie gelaufen. Ich wusste schon dass meine Vorbereitung mager war und ab km 30 fing auch bei mir der Kampf an. Auch ich habe mich von VP zu VP gekämpft und wollte erst nicht aufgeben, einfach weiterkämpfen.
    Irgendwann war ich dann aber auch an dem Punkt mir sicher zu sein, dass es genug ist. Was zählt sind die fantastischen Eindrücke und das Gefühl alles gegeben zu haben.

    Schöner Bericht und Respekt für die Leistung.

    1. Hi Sebastian, ich danke dir! So klein ist also die Welt – ist schon fast wieder beruhigend, wenn man weiß, dass man Leidensgenossen hat. Wahnsinn dass du dich ohne „Berg-Erfahrung“ gleich an so ein Ding getraut hast. Und ich dachte schon ich bin verrückt, als ich in diesem Frühjahr meinen ersten Ultra mit nur zwei Mal höheren Umfängen von 50km lief – das ist aber gut gegangen, im Vergleich zu diesem Wochenende. Der Kampf ist eine Sache, aber wenn der Körper am Limit ist, dann leider eine andere. Weh tut es immer, der Kopf wollte auch, aber irgendwann ist Schluss. Du hast da sehr recht, das Gefühl alles gegeben zu haben ist das welches diese Entscheidung für mich persönlich legitimiert hat. Ich wollte mich nicht damit zufrieden geben, es nicht so lange probiert zu haben.
      Ich denke, dass du mit dem richtigen Training deinen nächsten Ultra mit Sicherheit finishen wirst, denn der Kopf scheint bei dir schon mal zu stimmen 😉

  3. Hi Jamieobier, durch deinen Kommentar auf meiner Seite bin ich wieder auf dich aufmerksam geworden und frage mich gerade, warum ich keine Mitteilungen mehr bekomme, wenn du einen Post veröffentlicht hast??? Schließlich habe ich doch deine Seite abonniert! Und wie ich sehe, habe ich einiges verpasst – schade.
    Und was die Wettkampferfahrung angeht, kann ich dir nur sagen, deine Unternehmungen werde ich niemals schaffen. Alle Achtung!!!

    1. Hi Robert, das kann ich dir leider auch nicht sagen, aber vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass mein Blog nun eine eigene .de Domain hat? Es wäre interessant zu erfahren, ob es sich bei anderen Abonnenten genauso wie bei dir verhält…

      Ja, in den letzten Wochen und Monaten ist bei mir so einiges passiert und ich bin an einigen Erfahrungen reicher – vielen Dank!

      1. Dann warten wir mal ab, wie es weiter geht. Wenn ich hier auf deiner Seite bin, steht zumindest unten rechts: „Du folgst“
        Wünsche dir ein schönes Wochenende.

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